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Milchviehhaltung

Marketing über Grenzen hinweg

Paul Kannamüller
am Dienstag, 24.05.2022 - 15:00

Mehr als die Hälfte der österreichischen Heumilchprodukte geht nach Deutschland. Das Marketing wird weiter ausgebaut.

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Nicht mehr lange, dann geht es für die Fleckviehkühe der Familie Rehbichler in die Berge. Auf einer Gemeinschaftsalm verbringen sie alljährlich den Bergsommer. Dort werden sie gemolken und ihre Milch alle zwei Tage von einem Milchtankwagen abgeholt.

Noch aber stehen sie auf den Weiden rund um den Erbhof Waching in Reith bei Kitzbühel (seit 1761), von dem aus auch Sepp und Monika Rehbichler den Blick auf den „Wilden Kaiser“ genießen.

Zum Heimbetrieb gehören 26 ha Grünland, im Laufstall stehen 24 Fleckviehkühe plus Nachzucht, die ausschließlich mit frischem Gras und Heu sowie etwas Kraftfutter „zur Ergänzung“ versorgt werden.

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Der Betrieb ist mit einem Side by Side-Melkstand ausgestattet, und der Milchpreis gibt derzeit kaum Anlass zum Meckern. Bei durchschnittlich 55 ct/kg liegt er zurzeit, wobei der Heumilchzuschlag mit 5 ct zu Buche schlägt.

Rehbichlers bewirtschaften einen sogenannten Heumilchbetrieb, der sich strengen Produktionsregeln verschrieben hat. Die Familie ist auch Mitglied der Arge Heumilch, die in Österreich rund 8000 Mitglieder zählt, darunter 60 Verarbeiter.

Mit am Wichtigsten bei der Heumilchwirtschaft ist ja bekanntlich, möglichst viel Energie aus dem Grundfutter herauszuholen, weshalb Rehbichler auch größte Aufmerksamkeit der Heutrocknung widmet. Bei einem Rundgang durch seinen Betrieb beeindruckt denn auch die Heutrocknungsanlage samt Heukran und Lagerkapazitäten.

Mit drei Grünland-Schnitten sei in Gunstlagen auszugehen, schildert der Landwirtschaftsmeister, ansonsten seien in der Regel zwei Schnitte an der Tagesordnung.

Heutrocknungsanlage mit Warmbelüftung

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Entscheidend aber sei anschließend die Art und Weise der Heutrocknung, die letztlich den „Unterschied“ ausmache. So könnten etwa bei einer Warmbelüftung fast 30 % und bei Kaltbelüftung immerhin auch noch 20 % mehr an Leistung herausgeholt werden als bei Bodentrocknung, bei der Bröckelverluste die Energiebilanz erheblich schmälern.

Konkret sieht das im Betrieb von Sepp und Monika Rehbichler so aus, dass nach der Umstellung von Bodentrocknung auf Warmbelüftung die Milchleistung ihrer Kühe um rund 1000 l gestiegen ist. Für Christiane Mösl von der Arge Heumilch ein Zeichen dafür, dass sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Heutrocknung „technisch viel getan hat“.

Auch wenn sich noch nicht alle Heumilchbauern in Österreich der neuen Technik bedienen, ist sich die Arge-Geschäftsführerin sicher, „dass dem unter Dach getrockneten Heu die Zukunft gehört“. Christiane Mösl, die sich für den Ortstermin in Reith bei Kitzbühel extra Zeit für das Wochenblatt genommen hat, schätzt den Anteil der Betriebe mit Bodentrocknung auf gerade nochmal 20 %.

Der Trend gehe also eindeutig zur Warmbelüftung, „weil sich eine solche Investition immer rechnet“. Auch ließe sich eine solche Heutrocknungstechnik wunderbar mit einer Photovoltaikanlage kombinieren, erläutert die Geschäftsführerin. Zudem stünde zur einschlägigen Beratung auch ein Experte der Arge Heumilch zur Verfügung.

Heumilchanteil liegt in Österreich bei 15 Prozent

In Österreich werden aktuell jährlich rund 520 Mio. kg Heumilch produziert, davon knapp 40 % in Bioqualität. Wie Christiane Mösl sagt, sind das etwa 15 % an der Gesamtmilchmenge.

Zum Vergleich: In Deutschland werden gerade einmal 120 Mio. kg Heumilch produziert, was einem Anteil von 0,5 % der Gesamtmenge entspricht. Die Heumilch-Geschäftsführerin sieht jedenfalls noch reichlich Potenzial, das in der Heumilchwirtschaft steckt.

Mehr als die Hälfte geht nach Deutschland

Hauptabnehmer österreichischer Heumilchprodukte ist übrigens Deutschland, der Exportanteil zum nördlichen Nachbarn beträgt nach den Worten von Mösl rund 60 %. Seit 2019 gibt es auch eine enge Kooperation mit der Arge Heumilch Deutschland. Ziel sei es, die Bekanntheit und Marktanteile von Heumilchprodukten in dem Nachbarland weiter auszubauen. Vor allem schmackhafter Heumilchkäse sei gefragt, heißt es.

Vor gut zehn Jahren hat Sepp Rehbichler mit Zu- und Umbauten an seinen Stallgebäuden begonnen, der Anbindestall wurde durch einen modernen Laufstall ersetzt, der nun auch allen Anforderungen bezüglich des Tierwohls entspricht. Zum Waching-Hof gehört übrigens auch ein Waldbestand mit 23 ha, aus dem Nutz- und Brennholz geholt wird.

„Biomasse ist zurzeit stark gefragt, die Preise bewegen sich auf hohem Niveau“, schildert Rehbichler. Hauptbaumarten sind Fichten und Tannen, der Bestand fußt auf Naturverjüngung. Es versteht sich beinahe von selbst, dass auf dem Hof der Rehbichlers mit Hackschnitzel geheizt wird, die sich hier in einem Stadel bis unters Dach türmen.

Überhaupt arbeitet Sepp Rehbichler daran, seinen Betrieb – auf dem man auch Urlaub machen kann – möglichst Energie-autark bzw. klimaneutral zu gestalten. Und so sei als Nächstes auch eine Photovoltaikanlage auf einem Dach seines Anwesens geplant.

EU fördert Heumilch-Marketing

Rückenwind erhält die Arge Heumilch nun auch aus Brüssel, wo die nachhaltige Wirtschaftsweise der Heumilchbäuerinnen und -bauern zum Schutz der Umwelt und dem Erhalt der Artenvielfalt überaus positiv gesehen wird. „Wir erhielten den Zuschlag für ein Marketingprojekt, das zur Stärkung und Absatzförderung nachhaltiger Produkte vergeben wird“, erläutert Geschäftsführerin Mösl.

Heumilch in Deutschland bekannt machen

Die über 3 Mio. € wolle man in den kommenden drei Jahren verstärkt am deutschen Markt investieren, um Konsumentinnen und Konsumenten von den Vorteilen der Heuwirtschaft für Tier, Natur und Mensch zu überzeugen. Geplant seien etwa Werbekampagnen in Zeitungen und Zeitschriften, aber z. B. auch in U-Bahnhöfen größerer Städte, um Heumilch in Deutschland bekannt zu machen.

Dabei verweist Mösl auf Österreich, wo Heumilchprodukte in den vergangenen Jahren einen Bekanntheitsgrad von knapp 90 % erreichte. Ähnlich hohe Werte strebe man für Deutschland an, betont die Geschäftsführerin. Heumilch soll als „nachhaltige Milchsorte“ positioniert werden.

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Heuwirtschaft – Denken und Handeln

Die Heuwirtschaft prägt ein nachhaltiges, auf Generationen aufgebautes Denken und Handeln. Dabei steht die Milchgewinnung mit lokal verfügbaren Ressourcen im Vordergrund. Gärfutter wie Silage ist strengstens verboten, sämtliche Produkte werden kontrolliert gentechnikfrei hergestellt, zudem halten Heumilchbauern hohe Tierwohlstandards ein. Durch die schonende Bewirtschaftung des Grünlands trägt die Heuwirtschaft auch entscheidend zum Erhalt der Artenvielfalt bei.

Wiesen und Weiden werden erst gemäht, wenn eine Vielzahl von Gräsern und Kräutern in voller Blüte steht. Heumilchbauern würden dafür ein bis zwei Schnitte pro Sommer weniger in Kauf nehmen, heißt es.

Die Mitglieder der ARGE Heumilch arbeiten nach einem strengen Regulativ, dessen Einhaltung von unabhängigen, staatlich zertifizierten Stellen kontrolliert wird. Nur Produkte mit dem Heumilch-Logo erfüllen diese sehr strengen Bestimmungen. Die besondere Wirtschaftsweise wurde 2016 mit dem EU-Gütesiegel g.t.S. – garantiert traditionelle Spezialität – für Kuhmilch und 2019 für Schaf- und Ziegenmilch ausgezeichnet.

Heumilch g.t.S. steht für einen besonderen Schutz für noch mehr Qualität und Unverfälschtheit. In Europa erfüllen weniger als 3 % der erzeugten Milch die Kriterien der Heumilch. Die Heumilchregionen befinden sich überwiegend in Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Oberösterreich, der Steiermark sowie dem Allgäu und der Ost- und Zentralschweiz.