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Fleisch

Kuhhandel über Ländergrenzen

Kälbermast Niederlande
Marlene Klotz, Land schafft Leben
am Freitag, 20.03.2020 - 06:38

Kälbertransporte machen ein Umdenken im Konsum von Kalbfleisch nötig.

Irgendetwas stimmt an der Rechnung nicht. Im Jahr 2018 importierte Österreich beispielsweise mehr als doppelt so viel Kalbfleisch wie es Kälber ausführte. Das sind mehr als 100 000 Kälber, die als Kalbfleisch importiert und rund 50 000 Kälber, die lebend aus dem Land exportiert wurden. Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, warum Österreich seine Kälber nicht einfach im Land behält und für die Selbstversorgung verwendet.

Kälbertausch in Europa

Kälbertransporte Kuhhandel ohne Grenzen_G1

An der Rechnung gibt es jedoch einen Haken. Wer in österreichischen Restaurants ein Kalbsschnitzel isst, beißt selten auf ein Stück Österreich. Knapp jedes dritte Kalb in Europa wird in den Niederlanden gemästet und geschlachtet. Grund dafür ist unter anderem der Preis: Das Kalbschnitzelfleisch aus den Niederlanden kostet im Einkauf derzeit etwa 13 €/kg und liegt damit unter dem Preis von etwa 18 €/kg für österreichisches Kalbschnitzelfleisch. Gastronomie-Betriebe bevorzugen daher die günstigere Ware.

Das Fleisch der Kälber ist zudem weißer als das der heimischen Tiere und lässt sich besser verkaufen. Viele Konsumentinnen halten weißes Fleisch für besonders hochwertig. Dabei sollte Kalbfleisch bei artgerechter Haltung der Tiere rosa sein. Eine weiße Färbung deutet auf Mangelernährung, speziell Eisenmangel, der Kälber hin.

Fleischfarbe hat auf den Geschmack keine Auswirkung

Infografik-Kälbertransporte---Import-Export

In Österreich füttert man die Kälber, anders als in den Niederlanden, neben Milch oder Milchaustauschern zusätzlich mit Heu und etwas Kraftfutter, was ihr Fleisch rosa färbt. Auf den Geschmack hat die Farbe des Fleisches keine Auswirkungen, jedoch auf den Preis. Das macht die Kälbermast in Österreich wenig lukrativ.

So werden heimische Kälber vielfach in Staaten wie Spanien und Italien exportiert, wo sie gemästet und manchmal sogar weiter in Drittstaaten transportiert werden. Ein „Kuhhandel“ entsteht unter den Staaten. So geht die Schere zwischen Import von Kalbfleisch und Export von Kälbern in Österreich tendenziell immer weiter auseinander, wie die nebenstehende Grafik zeigt.

Rechtlich ist alles im Lot

Rechtlich gesehen sind lange Kälbertransporte erlaubt. Die Richtlinien für den Kälbertransport basieren in der EU auf der Tiertransportverordnung EG 1/2005, die in Österreich vom Tiertransportgesetz 2007 ergänzt wird. Kälber dürfen befördert werden, wenn diese nicht verletzt und mindestens 14 Tage alt sind. Nach neun Stunden müssen sie mindestens eine einstündige Ruhepause erhalten. Dann müssen sie getränkt und „nötigenfalls gefüttert“ werden. Nach dieser Pause sind weitere 9 Stunden möglich. Danach müssen die Kälber entladen, gefüttert und getränkt werden. Bis zum nächsten Transport ist eine Pause von mindestens 24 Stunden notwendig.

Tierschutzorganisationen betonen, dass die gesetzlichen Bestimmungen unzureichend seien. Schon die erlaubte Transportdauer von zweimal neun Stunden seien für die oft nur zwei- bis dreiwöchigen Kälber unzumutbar.

Zu viele männliche Kälber

Ein Zuviel an Kälbern ist kein neues Phänomen in Österreich, sondern eine Entwicklung aufgrund der Milchwirtschaft. Männliche Tiere sind ökonomisch schlecht verwertbar. Nur ein geringer Anteil kann als Mastkalb – wie im Betrieb von Thomas Isser (s. S. 25) – oder als Maststier in Österreich gehalten werden. Finden männliche Kälber keinen einheimischen Abnehmer gehen sie als Masttier in den Export. Vor allem spanische und italienische Mäster haben hier Interesse. Teilweise gibt es sogar Abnehmer im Libanon.

Mehr Werbung nötig

Die Stimmen für ein totales Verbot der Schlachttransporte werden lauter. Doch das Verbot müsste in der gesamten EU umgesetzt werden. Denn Kälber aus Österreich direkt in Drittstaaten zur Schlachtung zu transportieren, ist aktuell ohnehin nicht zulässig.

Nur ein EU-weites Verbot verhindert, dass Kälber zuerst in andere EU-Staaten und dann weiter zur Schlachtung in Drittstaaten verkauft werden. Ein Verbot allein löst aber das Problem der hohen Anzahl der Kälber in Österreich nicht.

Besser wäre es, die Gesellschaft zusätzlich darüber aufzuklären, dass eine rosa Farbe des Kalbfleisches für mehr Tierwohl steht und sich das rosa Fleisch geschmacklich nicht vom hellen Kalbfleisch unterscheidet. Eine klare Kommunikation ist dafür notwendig und die Bereitschaft der Konsumenten, etwas mehr für das Kalbschnitzel aus Österreich zu bezahlen.