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Erneuerbare Energie

Kritik an Agrar-Solaranlagen

Josef koch
Josef Koch
am Montag, 03.01.2022 - 13:12

Einer Umfrage zufolge lehnen viele Österreicher Solaranlagen auf Agrarflächen ab. Dach- und Brachflächen sollten Vorrang haben.

Photovoltaik_Feifläche

Der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Dr. Kurt Weinberger, warnt davor, Agrarflächen für Solaranlagen zu verwenden. Grundsätzlich befürwortet die Österreichische Hagelversicherung, die ambitionierten Regierungsziele, in Österreich bis 2030 die Stromversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien und bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen.

Diese Agrarflächen sind laut Hagelversicherung aber für einen Normertrag nicht mehr geeignet. Daher befürwortet Weinberger, Solaranlagen auf „toten“ Flächen. Dazu zählen Dachflächen von Firmen, Supermärkten, Wohnblöcken, Bauernhöfen und Gewerbeparks, Überdachungen von Parkplätzen sowie entlang von Bahntrassen und Autobahnen.

Mehrheit gegen Solaranlagen auf Agrarflächen

Weinberger verweist auf die breite Ablehnung von Freiflächenanlagen in der österreichischen Bevölkerung. Laut einer Market-Umfrage zur Photovoltaik im Auftrag der Österreichischen Hagelversicherung befürworten 94 Prozent der Befragten PV-Anlagen auf den genannten „toten Flächen“. Die wesentlichen Vorteile sehen sie dabei im Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzflächen zur Lebensmittelproduktion sowie in der ausbleibenden Verbauung landwirtschaftlicher Böden sowie keiner Zerstörung des Ökosystems und weiteren Verschandelung Österreichs.

70 Prozent der Befragten lehnen PV-Anlagen auf Agrarflächen ab. „Ein deutliches Ergebnis gegen PV-Anlagen auf Agrarflächen“, findet Prof. Dr. Werner Beutelmeyer vom Market-Institut.

Zügigere Genehmigungen nötig

Unterstützung erhält er von Österreichs LKÖ-Präsident Josef Moosbrugger. Er plädiert für den Vorrang von Dachflächen-Anlagen statt ungeregeltem PV-Wildwuchs. „Neben unserem wichtigen Beitrag im Biomasse-Bereich stehen wir auch der Photovoltaik positiv gegenüber, allerdings muss das Inlandspotenzial mit einer klaren Prioritätensetzung und kontrolliert erschlossen werden,“ so Moosbrugger. Er fordert daher den Zugang von gebäude- und betriebsintegrierten Vorhaben zu Ausschreibungen und Netzinfrastruktur dringend zu erleichtern.

Ihn ärgere es „extrem“, wenn auf wertvollsten Agrarflächen PV-Anlagen wie Pilze aus dem Boden sprießen, die landwirtschaftlichen Betriebe für Dachflächenanlagen hingegen keine Genehmigungen erhielten. Für Moosbrugger können indes innovative Mehrfachnutzungskonzepte wie als Agrar-PV-Systeme, bei denen die landwirtschaftliche Produktion weiter im Vordergrund steht, interessante Lösungsansätze bieten.

Dach- und Brachflächen ausreichend

Prof. Dr. Wolfgang Liebert vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur Wien sieht Agrar-PV jedoch kritisch. Seiner Meinung nach fehlen umfassende Untersuchungen zur Technikfolgenabschätzung. So müsste beispielsweise geklärt werden, welche Kostenfaktoren, Energieaufwände und Treibhausgasbilanz für die Aufständerung und den Aufbau von Bewässerungsinfrastrukturen bei Agrar-PV zu berücksichtigen wären.

Ausgerechnet Agrarflächen für Solaranlagen um- oder mitnutzen zu wollen, ist laut Liebert gegenwärtig nicht nachvollziehbar. Wenn alle sehr gut bis gut geeigneten Dachflächen in Österreich mit Aufbau von PV-Anlagen genutzt würden, wäre das Ziel des 2021 verabschiedeten Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes von 11 TWh/Jahr Solarstrom bis 2030 wohl erreichbar, so der Wissenschaftler. Nochmals mindestens dasselbe PV-Potenzial bestünde, wenn beispielsweise die 200 Quadratkilometer an gewerblichen Brachflächen für Solaranlagen genutzt werden könnten. „Die in den letzten zehn Jahren zusätzlich versiegelten Flächen in Österreich hätten ein Potenzial von mehreren Dutzend TWh/Jahr gehabt. Daher sollte man mit PV-Anlagen dorthin gehen, wo nichts oder nichts mehr wächst“, rät Liebert. 

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