Studie

Kein Herdenschutz ohne Wolfsabschuss

Herdenschutz
Agrarinformationszentrum (AIZ)
am Freitag, 24.01.2020 - 10:43

Schutz von Weidevieh in Tirol nur teilweise und mit erheblichem Aufwand machbar.

Innsbruck - Die Rückkehr der EU-rechtlich streng geschützten großen Beutegreifer wie dem Wolf stellt die traditionelle Almwirtschaft mit Schafhaltung im freien Weidegang vor große Herausforderungen. In Tirol gab es im Vorjahr neun genetische Wolfsnachweise. 18 Schafe wurden nachweislich von Wölfen gerissen, 31 weitere waren nicht mehr auffindbar oder tot und der Verursacher konnte nicht eruiert werden.

„Das Thema Wolf hat gesellschaftspolitische Sprengkraft. Es ist höchst emotional und polarisiert wie kaum ein anderes“, so LH-Stellvertreter Josef Geisler. Er sieht seine politische Verantwortung darin, besonnen auf ausnahmslos allen Ebenen alles dafür zu tun, „dass unsere Schafalmen auch weiterhin bestoßen werden.“

Eine von der Landesregierung in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie hat nun gezeigt, dass Herdenschutz im hochalpinen und teils stark frequentierten Tiroler Almgebiet nur teilweise und dann mit einem erheblichen finanziellen und arbeitstechnischen Mehraufwand verbunden ist, der aus der Landwirtschaft heraus nicht zu erwirtschaften ist. Die Kosten liegen je nach Voraussetzungen und Maßnahmen zwischen elf und 80 € pro Schaf.

„Aber wir können EU-Recht nicht aushebeln und werden nicht umhinkommen, uns mit dem Thema Herdenschutz intensiver zu befassen“, rechnet Geisler in absehbarer Zeit nicht mit einer europarechtlichen Anpassung zum Schutz der Nutztiere auf den Almen. „Herdenschutz hat auch Grenzen. Er funktioniert in Kombination mit Regulierung und gezielten Abschüssen“, berichtet Studienautor Daniel Mettler von seiner Erfahrung in der Schweiz.

In Südtirol ist es bereits zur Bildung von Wolfsrudeln gekommen. Auch in der Schweiz, Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie in Niederösterreich gibt es Populationen. Tirol ist derzeit nur mit durchziehenden Einzeltieren konfrontiert.

Für all jene Tierhalter, die erste Schritte in Richtung Herdenschutz unternehmen wollen, hat das Land Tirol ein Maßnahmenpaket geschnürt. Mit Beginn der kommenden Almsaison wird im Rahmen der Landes-App eine Anwendung die Öffentlichkeit umgehend über eine allfällige Wolfspräsenz informieren. Für Tiere, die in einer solchen Situation von den Almen geholt werden, übernimmt das Land schon jetzt die Futterkosten. Ebenfalls bereits in Kraft ist ein neues, gut funktionierendes Entschädigungsmodell für gerissene Tiere.

Weidelenkung als Vorstufe

Die Machbarkeitsstudie hat gezeigt, dass eine gezielte Weideführung der Schafe in den weitläufigen Almgebieten Voraussetzung für spätere konkrete Herdenschutzmaßnahmen ist. Eine gelenkte Beweidung anstatt des freien Weidegangs wirkt sich zudem positiv auf die Nutzung der Futterflächen und auf die Biodiversität aus. Bewirtschaftern von Schafalmen, die sich dafür interessieren, werden Almbegehungen mit Experten der Landesregierung angeboten.

Zudem sollen in einem oder zwei Almgebieten die gelenkte Weideführung und in weiterer Folge Herdenschutzmaßnahmen in einem Pilotprojekt gezielt umgesetzt und erprobt werden. Auf die Förderung von Schutzzäunen wird vorerst verzichtet. Erfahrungen aus Nachbarländern haben gezeigt, dass diese selbst bei steigendem Wolfsdruck kaum angenommen werden. Für den Akutfall stellt das Land seit 2019 acht Notfall-Kits mit Stromversorgung und 300 Laufmetern Elektrozaun zum Ausleihen bereit.

„Die Studie ist eine gute Grundlage für weitere Diskussionen. Offene Fragen nach der Finanzierung und Ausbildung für benötigtes Personal, Material usw. gilt es aber noch zu klären. Die Erkenntnis, dass Herdenschutz ohne geregelte Entnahmen von Wölfen nicht funktioniert, bekräftigt die Position der Landwirtschaft. Damit ist eine konkrete Richtlinie für legale Abschüsse auf Landesebene unumgänglich“, erklärte LK-Präsident Josef Hechenberger. Langfristig muss aus seiner Sicht aber an einem Konsens für eine Lösung auf europäischer Ebene gearbeitet werden.