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Zukunftsstudie

Hoch digitalisiert und ausreichend Agrarflächen

Josef koch
Josef Koch
am Montag, 28.03.2022 - 07:00

Wie ein Forscher die Zukunft der österreichischen Landwirtschaft sieht.

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"Satelliten und Drohnen ersetzen weitestgehend die Augen und Ohren der Bauern auf dem Feld, Roboter ihre Hände". So stellt sich Zukunftsforscher Matthias Horx vor, wie Österreichs Landwirtschaft in 30 Jahren aussehen wird. Nur ein hoch digitalisierter Agrarsektor mit ausreichend Agrarflächen kann aus seiner Sicht die Balance zwischen Ernährungssicherheit, Umweltgesundheit und hochwertigen Produkten herstellen.

„Politik, Gesellschaft und (Agrar-)Wirtschaft müssen schon jetzt auf diese vier agrarischen Handlungsempfehlungen reagieren, damit diese smarte und nachhaltige Landwirtschaft 2050 keine Utopie bleibt", weist Horx auf die Dringlichkeit hin.

Das sind seine Studienergebnisse: Bäuerinnen und Bauern müssen wieder Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren, damit auch kommende Generationen noch in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Zudem muss die Qualität der heimischen Ernährung in der Schulausbildung Berücksichtigung finden. Der ländliche Raum gehört durch Digitalisierungsoffensiven gestärkt.

Die Politik muss den Preiskampf um landwirtschaftliche Produkte entschärfen, Konsumentinnen und Konsumenten müssen angemessenere Preise zahlen. Der Gesundheitsschutz der Landwirte muss darüber hinaus einen höheren Stellenwert bekommen.

Vorrang für Bodenschutz

Der Bodenverbrauch in Österreich muss so schnell wie möglich gestoppt werden. Stadt- und Gemeindeentwicklung darf nicht mehr auf Kosten fruchtbarer Flächen betrieben werden. Innovativ planen und bauen, Leerstand nutzen, aber auch politische Zuständigkeiten und Steuern reformieren - effektiver Bodenschutz setzt an vielen Hebeln gleichzeitig an. Dafür braucht es ein umfassendes Maßnahmenbündel.

Österreich muss zum Forschungs- und Entwicklungsstandort für Nachhaltigkeit werden. Mehr Digitalisierung, moderne Tierwohlkonzepte, verstärkter Klimaschutz und wegweisende Pflanzenzüchtungen schaffen Sicherheit unter unsicheren (klimatischen) Bedingungen.

Die beiden Herausforderungen globale Erderwärmung mit zunehmenden Unwetterextremen und dem heimischen Bodenverbrauch gefährden nach Einschätzung Kurt Weinbergers, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung massiv die Versorgungssicherheit als Megathema in den nächsten drei Jahrzehnten. Aus Verantwortung für heutige wie künftige Generationen sieht er nur wenig Zeit, eine Trendumkehr einzuleiten.

In seiner Zukunftsstudie zur österreichischen Landwirtschaft zeigt Zukunftsforscher Matthias Horx die Megatrends auf, die die Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten beeinflussen und welche Szenarien möglich sind. Die Studie "Die Zukunft der Landwirtschaft in Österreich 2050+" führte er im Auftrag der Österreichischen Hagelversicherung anlässlich ihres 75-Jahr-Jubiläums durch.

Der Klimawandel mit den einhergehenden Wetterextremen schwebt nach Auffassung des Zukunftsforschers wie ein Damoklesschwert über der Landwirtschaft. Zusätzliche Herausforderungen seien Dumpingpreise von Lebensmitteln und der Wegfall von Arbeitskräften in der Landwirtschaft sowie die fehlende Work-Life-Balance, da viele Landwirtinnen und Landwirte 365 Tage im Jahr hart arbeiten. „Die Diskussion in der Ernährungsfrage nimmt auch zu. Die vegane Front auf der einen, die Fleischfreunde auf der anderen Seite", so Horx.

Die Megatrends

  • Megatrend Gesundheit: Die Gesundheit des Planeten und die Gestaltung der Umwelt sind untrennbar verbunden mit individueller Gesundheit. Vor allem die Corona-Pandemie hat diesem Megatrend einen immensen Schub gegeben: die Ernährungssouveränität als Gebot der Stunde und damit einhergehend ausreichend Äcker und Wiesen für eine stabile, vom Ausland unabhängige Produktion.
  • Megatrend Urbanisierung: Immer mehr Menschen sehnen sich auch durch die pandemiebedingten Lockdowns nach der "ländlichen Idylle" und versuchen, diese zunehmend in den städtischen Raum zu integrieren. In der neuen Urbanität wird damit versucht, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren, wie den Wunsch nach Regionalität und auch lokaler, städtischer Autarkie mit gemeinschaftlichen Urban-Farming-Initiativen. Neben der "Verdörflichung" der Stadt kommt es zu einer "Verstädterung" des Landes.
  • Megatrend Konnektivität: Digitale Technologien und künstliche Intelligenz nehmen eine zentrale Rolle ein. So kann eine gesunde, vielfältige und sichere Ernährung für eine wachsende Bevölkerung sichergestellt, gleichzeitig der Klimawandel bewältigt und die Auswirkungen auf die Umwelt begrenzt werden.
  • Megatrend Globalisierung: Durch Corona und durch den Ukraine-Krieg wurden Grenzen geschlossen, Wertschöpfungsketten unterbrochen. Das Verhältnis zwischen lokal und global muss neu austariert werden. Die Globalisierung wird dabei nicht verschwinden, aber sie wird sich anpassen, durch die Rückholung vieler Wertschöpfungsketten in regionale Kontexte und durch eine neue Balance zwischen Weltoffenheit und Heimatverwurzelung.
  • Megatrend Sicherheit: Klimawandel und Preisdruck beeinträchtigen das Gefühl der Sicherheit bei Hofübernehmern, auch wenn es gilt, im digitalisierten und globalisierten 21. Jahrhundert Unsicherheiten auszuhalten. Das Thema Resilienz (Widerstandsfähigkeit) gewinnt an Bedetung.

 

Wohin die Reise gehen kann

 

Laut der Zukunftsstudie sind ausgehend von den Megatrends vier Szenarien denkbar, wie eine österreichische Landwirtschaft 2050 aussehen könnte - von radikal bis zu einer ausgewogenen und strukturierten Landwirtschaft. „Jedenfalls wird und muss sich einiges ändern, um das Megathema der Versorgungssicherheit in den nächsten drei Jahrzehnten zu erreichen", sagt Horx.

Szenario eins: Post-Landwirtschaft 2050
Nach ungebremstem Bodenverbrauch und anhaltender Erderwärmung werden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Heimische Landwirtschaft ist nicht mehr möglich, Österreich gibt die Landwirtschaft weitgehend auf.

Szenario zwei: Stadt-Landwirtschaft 2050
Die Grenzen der Städte verschieben sich in den ländlichen Raum hinein. Immer mehr Agrarflächen sind versiegelt, Urban Farming kann die Versorgungslücke nur partiell schließen. Österreich kann sich bei Weitem nicht selbst versorgen und ist abhängig von Importen.

Szenario drei: Biologische Landwirtschaft 2050
Österreich bleibt Musterland der ökologischen Landwirtschaft und passt sich beispielhaft an die Herausforderungen des Klimawandels an. Doch Lebensmittel sind aufgrund höchster Produktionsstandards teuer, das Land bleibt hinter den eigenen Möglichkeiten zurück.

Szenario vier: Robuste, smarte Landwirtschaft 2050
Satelliten und Drohnen ersetzen weitestgehend die Augen und Ohren der Bauern auf dem Feld, Roboter ihre Hände. Im Einklang mit der Natur und dank Big Data lassen sich Anforderungen und Erträge in der Landwirtschaft präziser vorhersagen, wobei die Erträge durch die Zunahme der Wetterextreme zunehmend volatil werden. Die Lebensmittelversorgung ist durch den Erhalt der noch bestehenden Agrarflächen gewährleistet, Klimaschutz ist ein Gebot der Stunde.


 

Mit Material von aiz
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