Unterstützung

Ein Geschenk des Himmels

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Patrizia Schallert
am Montag, 15.10.2018 - 09:59

Im Bergwaldprojekt helfen Freiwillige auf Bergbauernhöfen und im Bergwald

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Spital am Pyhrn/OÖ Zwei Frauen, dreizehn Männer aus fünf Nationen und ein Projektleiter des österreichischen Alpenvereins verrichteten im Rahmen des Bergwaldprojekts unentgeltliche Arbeit auf dem Bergbauernbetrieb von Johanna und Siegfried Ellmauer, der Stefansbergalm und Mausmayralm. Für das Betriebsführerpaar des Archehofs Thurnergut in Spital am Pyhrn in Oberösterreich sind die freiwilligen Helfer „ein Geschenk des Himmels“. Ohne ihre Unterstützung wäre die Arbeit auf dem Zuerwerbsbetrieb mit den steilen Flächen kaum zu stemmen, sagt der Biobauer. „Es ist eine Freude, mit anzusehen, wie alle mit viel körperlichem Einsatz und Herzblut vier Tage lang bei der Sache sind – und das nur gegen freie Kost und Logis.“

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Als sich die Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, Ungarn, der Schweiz und den Niederlanden zum Bergwaldprojekt „Haller Mauern“ am Sonntagnachmittag am Stiftsplatz in Spital am Pyhrn treffen, könnte die Gruppe kaum unterschiedlicher zusammengesetzt sein. Letztlich geht es allen aber nur um eines: aktiv etwas zum Naturschutz beizutragen und Familie Ellmauer auf dem Thurnergut zu unterstützen. Der jüngste Teilnehmer ist 20 Jahre alt, der älteste stolze 77. Das Durchschnittsalter der Gruppe beträgt 60 Jahre. Die einen sind zum ersten Mal dabei, andere haben bereits an zahlreichen Projekten teilgenommen. Sie geben ihre Erfahrungen an die Neulinge weiter, die gespannt sind, was sie oben im Bergwald erwartet.

Beste Unterkunft und Essen vom Hof

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Die Helfer dürfen in den neuen „Urlaub am Bauernhof“-Ferienwohnungen des Thurnerguts übernachten und sich in der hofeigenen Sauna erholen. Für das leibliche Wohl sorgt die Bergbäuerin, die fleißig von ihren Kindern Johanna (16), Siegfried (11) und Magdalena (9) unterstützt wird. „Ein Großteil der Lebensmittel wie Almochsen-, Schaf- und Schweinefleisch, Speck, Hauswürste, Marmeladen, der Birnenmost und die Natursäfte stammt von unserem Hof“, betont Johanna Elmauer. Selbst gebackenes Brot liefert die Schwiegermutter, den Alpkäse ein befreundeter Senner aus dem Walsertal. „Wer viel arbeitet, braucht auch viel Kraft.“ Nicht umsonst laute ein alter Holzknechtspruch „Ohne Schmalz kein Schmalz.“
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Täglich stehen die Teilnehmer in aller Herrgottsfrühe auf, reparieren Zäune oder bringen einen Pferdeunterstand auf Vordermann. „Der Erhalt der über zwei Kilometer langen Zaunanlagen auf den Weiden ist im Frühjahr eine große Herausforderung für uns“, sagt Betriebsführerin Johanna Ellmauer. Vergangenen Winter haben große Schneemengen zusätzlichen Schaden angerichtet. „Die Mithilfe der Freiwilligen ist eine große Arbeitserleichterung für uns.“ Es gilt aber nicht nur, die Umzäunung fit zu machen, auch die Wiesen müssen gepflegt werden. „Hier leisten die Helfer ebenfalls hervorragende Arbeit. Mehr als 3000 Ampferpflanzen haben sie den Garaus gemacht.“
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Besonders hart ist die Arbeit im steilen Bergwald. „Seit vier Jahren verfolgt mich hier das Eschentriebsterben“, klagt Siegfried Ellmauer. Gemeinsam mit drei in der Waldarbeit erfahrenen Teilnehmern schafft er die kranken Bäume waldschonend aus dem Steilgelände zum 100 m tiefer gelegenen Forstweg. „Das ist Knochenarbeit und ich kann den Männern für ihren enormen Einsatz nur von Herzen danken.“

Holz für die Alm und saubere Weiden

Vom Bergwaldprojekt „Haller Mauern“ profitiert auch Johanna Ellmauers Bruder, Helmut Immitzer. Der Biobauer züchtet Pustertaler Sprinzen, die den Sommer auf der Stefansbergalm verbringen. Zwei Tage lang kommen vier Teilnehmer bei ihm zum Einsatz, sägen, spalten und schlichten Brennholz für die Almhütte und befreien die Almweiden von Unkraut. „Das ist eine große Erleichterung für mich und ich bin wirklich froh über die Unterstützung.“
Damit die Kälber auf der benachbarten Stefansbergalm nichts Falsches zwischen die Zähne bekommen, haben die Projektteilnehmer gerade noch rechtzeitig vor dem Almauftrieb im Juni Giftpflanzen wie den Weißen Germer aus dem Boden gestochen. „Er ist sehr gefährlich für die Kälber, weil er Koliken verursacht, die bis zur Atemlähmung führen können“, erklärt Immitzer. Außerdem hatten Winterstürme auf der Alm einige Bäume umgeworfen. Sie mussten aufgeräumt und abgebrochene Äste entfernt werden.
Als die Helfer das Thurnergut wieder verlassen, kann das Betriebsführerpaar seine Dankbarkeit kaum in Worte fassen. „Sie haben einfach Großartiges geleistet.“ Die Teilnehmer gehen mit einem weinenden und einem lachenden Auge nach Hause. Zum einen sind sie froh, dass sie die harte Arbeit überstanden haben. Zum anderen war es aber genau diese Arbeit, die in ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt hat. Vermissen werden sie die gemütlichen Stunden am Lagerfeuer und die Gespräche mit Siegfried Ellmauer, von dessen umfassendem Wissen über die Land- und Forstwirtschaft sie viel lernen durften.

Projektwochen vor
16 Jahren gestartet

Der Archehofbauer steht voll und ganz hinter den Bergwaldprojekten und ist selbst immer wieder in ganz Österreich als Projektleiter unterwegs. Außerdem war er als amtierender Alminspektor für das Land Oberösterreich mit dabei, als der Österreichische Alpenverein (ÖAV) 2002, im „Internationalen Jahr der Berge“, mit den ersten fünf Bergwald-Projektwochen in der Alpenrepublik startete. Im Vorfeld hatten sich 26 Naturliebhaber zu einem „Workshop Bergwald“ im Zillertal getroffen. Diese Pioniere beschlossen, künftig einen Teil ihrer Freizeit als Gruppen- oder Projektleiter zu investieren. Fazit des Workshops: Es wurden Arbeitsgruppen geschaffen, die ihre Projekte im folgenden Jahr planen wollten. „Anfangs hatten wir das langfristige Ziel ausgegeben, jährlich rund zehn Projektwochen in ganz Österreich anzubieten“, blickt Peter Kapelari zurück. Neben seiner Funktion als Vizegeneralsekretär des ÖAV und Abteilungsleiter Hütten, Wege und Kartografie ist er Gesamtleiter der Bergwaldprojekte.
Nach einem guten Start im Jahr 2002 mit fünf Projekten fanden drei Jahre später bereits dreizehn Projektwochen mit 230 Teilnehmern statt. Seit 2014 sind es 20 Wochen an verschiedenen Einsatzorten, verteilt über alle Bundesländer mit Bergwald. In kürzester Zeit sind sie ausgebucht. „Bei den 20 möchten wir es belassen“, sagt Kapelari. „Schließlich wollen wir Qualität statt Quantität bieten.“ Aufgrund seiner Ausbildung zum Ingenieur für Forstwirtschaft und seines beruflichen Werdegangs liegen dem Tiroler das Bergland und der Wald am Herzen. „Deshalb möchte ich meine eigene Begeisterung den Menschen mit Hand, Herz und Verstand weitergeben.“
Die Bergwaldprojekte seien ein Tropfen im großen See und nicht auf den heißen Stein. Kapelari und seine Mitstreiter wollen in der Öffentlichkeit das Bewusstsein nicht nur für den Wert des Bergwalds, der Almenlandschaft und der einzigartigen Schönheit der Bergnatur schaffen, sondern auch die harte Arbeit der Bergbauern in den Vordergrund rücken. Die Ansprüche der Menschen an die Natur seien sehr unterschiedlich, je nachdem ob Land- oder Forstwirt, Jäger oder Erholungssuchender. Das führe immer wieder zu Interessenskonflikten. „Unter dem Strich müssen aber alle miteinander auskommen“, bekräftigt Kapelari.

Gegenseitiges Verständnis entsteht

„Überall, wo wir bisher unsere Projektwochen durchgeführt haben, entstanden gegenseitiges Verständnis und Respekt.“ Kriterien für die Unterstützung einer Bergbauernfamilie seien die Würdigkeit, die nachhaltige Ausrichtung des Betriebs und der ehrliche Wille, etwas zu vermitteln und einen naturpädagogischen Gedanken mitzutragen. „Sklavenarbeit für Ausnutzer machen wir nicht“, betont Kapelari.
Alfred Pöllauer leitete das Bergwaldprojekt „Haller Mauern“. Er hat vor 14 Jahren erstmals an einem Projekt teilgenommen und wollte sich danach intensiver engagieren. Seither hat er mehr als 40 Bergwaldprojekte begleitet, seine Freude und sein Eifer sind ungebrochen. „Es ist immer wieder spannend, eine Gruppe zueinander zu führen und zu schauen, dass alles passt und stimmig ist“, sagt Pöllauer. Inzwischen habe er ein gutes Gespür entwickelt, wer für welche Arbeiten geeignet ist und welche Teilnehmer in einer Gruppe zusammenpassen. „Am meisten aber fasziniert mich immer noch, wie viele Menschen freiwillig und ohne Entgelt bereit sind, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu gehen und so hart zu arbeiten, dass sie abends todmüde und erschöpft ins Bett fallen. Davor habe ich große Hochachtung.“

Die Bergwaldprojekte des Österreichischen Alpenvereins

Seit 2002 werden die Bergwaldprojekte vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV) organisiert, vor allem von Gesamtprojektleiter Peter Kapelari. Freiwillige ab 18 Jahren können eine Woche lang Bergbauern, Waldbesitzern und Forstbetrieben bei ihrer Arbeit auf dem Hof, den Almen und im Wald unterstützen. Außerdem werden Maßnahmen zur Verbesserung der Stabilität und Vitalität des Bergwalds umgesetzt. Auch der Erhalt von Almen, die von der Auflassung bedroht sind, ist ein wichtiges Ziel. Kost und Logis für die Teilnehmer sind frei, ein interessantes Freizeitprogramm an einem der Tage sorgt für Ausgleich zur harten Arbeit. Die freiwilligen Helfer sollten eine gute Kondition, Trittsicherheit und den Willen zur Verrichtung körperlich anstrengender Arbeiten mitbringen. Die Projektwochen werden vor Ort in enger Zusammenarbeit mit den Bauern, Waldbesitzern, den Bezirksforst- und Alminspektoren, Fachleuten der Landesforstdienste sowie der Wildbach- und Lawinenverbauung durchgeführt. Das Interesse vonseiten der Teilnehmer ist groß. So wurden bislang

  • 240 Projektwochen mit 3757 Teilnehmern durchgeführt (der Anteil von Frauen und Männern ist relativ ausgeglichen. Das Durchschnittsalter beläuft sich auf 42 Jahre)
  • 120 224 Arbeitsstunden, das sind 68 Arbeitsjahre, geleistet und
  • 1 803 360 € an Arbeitsleistungen generiert.
  • Die Mitgliedschaft beim ÖAV ist keine Bedingung.
  • Die Projekte verfolgen vier Ziele:

  • durch praktische Arbeit konkrete Probleme im Bergwald und auf den Almen beheben und so zum Erhalt eines gesunden, stabilen Schutzwaldes und lebendiger, artenreicher Almen beizutragen,
  • durch breite Berichterstattung in den Medien die Öffentlichkeit für die jeweilige Problematik zu sensibilisieren,
  • ein gutes Verhältnis zu den Partnern und Betroffenen, beispielsweise Forst- und Almbehörden, Bergbauern, Grundbesitzern und Jägern aufzubauen und das gegenseitige Verständnis zu fördern,
  • den Teilnehmern praktische Erfahrungen und einen tieferen Einblick in die ökologischen Zusammenhänge zu ermöglichen.
  • Ein Bergwaldprojekt bedarf nicht nur der freiwilligen Helfer, sondern auch finanzieller Mittel. Bei Almprojekten haben im Normalfall der oder die begünstigten Bergbauern für die anfallenden Unterkunftskosten und die Verpflegung der Freiwilligen aufzukommen. Bei reinen Waldprojekten kommen untergeordnet auch die jeweiligen Waldbesitzer oder Forstbetriebe für direkte Kosten auf. Ein Teil der Kosten, die direkt der einzelnen Projektwoche zuzurechnen sind, kann über die forstlichen und agrarischen Fördermittel (EU, Bund, Länder) abgerechnet werden. Die gesamten Gemeinkosten und die fehlenden Mittel bei den einzelnen Projektwochen bringt der Alpenverein nach Bedarfsprüfung auf. Dabei ist der ÖAV auf die finanzielle Unterstützung von Projektpartnern aus der Wirtschaft angewiesen.