Wolfspräsenz

Erneut verfrühte Almabtriebe in Tirol

Schafe-Alm Kopie
Elisabeth Jahrstorfer/aiz
am Montag, 16.08.2021 - 06:53

Nach weiteren Wolfsrissen bringen Almbetriebe ihre Schafe ins Tal. Bauern und Wirtschaftsvertreter fordern die Entnahme von Wölfen.

Innsbruck/Schwaz Nachdem vorletzte Woche im Tiroler Pitztal verfrühte Almabtriebe stattgefunden haben, wurden letzte Woche die Schafe von der Inzinger und Flaurlinger Alm abgetrieben. Nach mindestens 14 gerissenen Schafen am vergangenen Wochenende wurden die verbleibenden 383 Tiere zusammengetrieben und ins Tal gebracht. Seit Mitte Juni hatten die Schafbauern im Gebiet rund um Oberhofen, Rietz, Inzing und bis hin ins Sellraintal immer wieder Risse durch große Beutegreifer zu beklagen – insgesamt fast 20 Tiere. Dieses Wochenende sind mindestens 14 weitere dazugekommen. Aufgrund der anhaltenden Wolfspräsenz in diesem Gebiet haben die verantwortlichen Almbauern nun die Almsaison vorzeitig beendet. Die 20 Besitzer müssen ihre Tiere nun im Tal versorgen.

„Insgesamt ist das eine enorme mentale und finanzielle Belastung, auch wenn es Unterstützung vom Land gibt“, attestiert Landwirtschaftskammer (LK)-Präsident Josef Hechenberger. Er blickt gespannt auf die nächsten Wochen: „Der Wolf hat in dieser Region heuer bereits große Schäden verursacht. Ich bin gespannt, wie das neu eingerichtete Expertengremium dann entscheidet. Aus unserer Sicht führt kein Weg an einer Entnahme vorbei.“

DNA-Befunde haben den Wolfsverdacht bei Rissen in Osttirol, im Tiroler Oberland und im Brixental vom Juli bestätigt. Bei den gemeldeten Rissen aus dem Gebiet der Flaurlinger und der Inzinger Alm, von der Stamser Alm und aus Außervillgraten laufen die Abklärungen.

Mehr als 2000 Schafeins Tal gebracht

In Summe sind der Tiroler Behörde derzeit rund 250 von Großraubtieren gerissene Schafe bekannt. Zahlreiche Schafhalter und Almbewirtschafter haben sich aufgrund der Wolfspräsenz dazu entschlossen, ihre Tiere zurück in die Ställe zu bringen. Das Land Tirol geht nach ersten Meldungen davon aus, dass von zehn Almen mehr als 2000 Schafe ins Tal gebracht wurden oder demnächst werden. Weitere Almen könnten folgen. Genaue Zahlen werden erst nach Ende der Almsaison vorliegen.

Positionierung gegen Wolf-Tirol

Aus den Ergebnissen der aktuellen genetischen Untersuchungen geht unter anderem hervor, dass der in Silz und Rietz anhand von Rissen nachgewiesene Wolf aus der italienischen Population mit der Bezeichnung 118 MATK für die Risse vom 2. Juli in Silz verantwortlich ist. Diesem Wolf sind nach vorläufigen Ergebnissen rund 45 tote Schafe zuzuordnen.

In Osttirol, wo der Behörde mittlerweile Meldungen von mehr als 65 toten und zahlreichen vermissten Schafen vorliegen, wurden im Juli bei Rissen in Außervillgraten, in Prägraten sowie bei einer verletzten Ziege in Assling und einem toten Schaf jeweils ein Wolf aus der italienischen Population nachgewiesen.

Auf Einladung der Wirtschafts- und Landwirtschaftskammer des Bezirkes Schwaz trafen sich vor kurzem Vertreter verschiedener Sparten im Hotel Post in Strass zum Austausch über die Problematik großer Beutegreifer. Im Beisein von Bezirkshauptmann Michael Brandl haben sie sich klar gegen eine unregulierte Ausbreitung ausgesprochen „Auch wenn die Land- und Almwirtschaft auf den ersten Blick hauptbetroffen ist: Große Beutegreifer stellen nicht nur für diese Branchen eine große Herausforderung dar“, erklärt Bezirkskammerobmann Andreas Prosch eingangs.

Viele Gruppierungen geeint gegen den Wolf

Als besonderer „Nutznießer“ der von den Bäuerinnen und Bauern geschaffenen Kulturlandschaft gelten Tourismus- und Freizeitwirtschaft. Wanderwege, Mountainbikerouten auf Almwegen oder auch Skipisten: Ohne Weidevieh würde das Angebot für Einheimische und Gäste in Tirol Winter wie Sommer weniger umfangreich sein.
Doch nicht nur der Tourismus steht mit der vermehrten Präsenz von großen Beutegreifern vor Problemen, sondern auch die einheimische Bevölkerung, wie Bezirksbäuerin Monika Garber schildert: „Nachdem es Wolfssichtungen und Risse in unmittelbarer Siedlungsnähe gegeben hat, ist die Sorge gerade bei Familien gewachsen. Ich habe mit vielen gesprochen, die bei Spaziergängen im Wald jetzt ein flaues Gefühl begleitet.

Waldverbiss, Lawinen und Murenabgänge nehmen zu

Bezirksjägermeister Otto Weindl erklärt, dass das Leben der Wildtiere nicht nur durch die verstärkte Präsenz großer Beutegreifer beeinflusst wird sondern auch durch Herdenschutzmaßnahmen. Zäune schneiden ihnen den Weg ab und beeinflussen den Wildwechsel. Dies kann auch den Fraßdruck auf die Schutzwälder erhöhen. Rotwild werde im Winter die Fütterungen meiden und entsprechende Schäden im Wald verursachen, wenn ein Wolfsrudel anwesend ist.
„Werden Weiden nicht mehr genutzt, wächst mit dem Gras auch die Gefahr vor Lawinen oder Muren“, erklärte Lawinenexperte Rudi Mair. „Je länger das Gras ist, desto leichter gerät der Schnee ins Rutschen. Diese Gleitschneelawinen sind in den vergangenen Jahren bereits häufiger geworden. Außerdem wird durch das lange Gras auch die Grasnarbe aufgerissen. Die langen Grashalme wachsen quasi in die Schneedecke hinein. Rutscht der Schnee ab, kann er die Grasnarbe mitreißen. Diese offenen Grasnarben sind dann im Sommer problematisch, denn bei Starkregen dringt in kurzer Zeit viel Wasser ein und es kommt schneller zu Vermurungen.“

Die Politik muss endlich Perspektiven schaffen

Einen Überblick über die aktuelle Situation in Tirol gab LK-Präsident Josef Hechenberger. Für ihn ist der heurige Sommer entscheidend: „Wir haben hunderte Risse und schon über zehn Almen werden nicht mehr beweidet. Das ist fatal. Das Land Tirol hat aber letztendlich auf den Druck der Landwirtschaft reagiert und gesetzliche Änderungen beschlossen. Ich erwarte mir, dass die nun theoretisch geschaffenen Entnahmemöglichkeiten auch in der Praxis umgesetzt werden. Dann gilt es zu evaluieren und über den Winter weiterzuarbeiten, denn es sind für die Bäuerinnen und Bauern noch viele Fragen in diesem Zusammenhang offen. Realistische Perspektiven müssen geschaffen werden. Gelingt kein geregelter Umgang mit den großen Beutegreifern, ist die Zukunft vieler Almen ungewiss.“