Marktnische

Elefantengras für den Pferdestall

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Paul Kannamüller
am Montag, 13.08.2018 - 13:36

ProMiscanthus ist ein neues Geschäftsmodell für oberösterreichischer Landwirte.

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Grieskirchen/OÖ Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Elefantengras und Elefanten drängt sich eigentlich nur auf, dass beide ziemlich groß werden – und man notfalls einen Elefanten in so einem hohen Pflanzenbestand verstecken kann. Aber das ist natürlich nicht der Grund, weshalb sie im oberösterreichischen Grieskirchen die exotische Pflanze seit vielen Jahren kultivieren – und damit in den vergangenen 20 Jahren auch schon große Erfahrungen gemacht haben.

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Steigende Ölpreise brachten seinerzeit pfiffige Landwirte auf die Idee, zum Zwecke „thermischer Verwertung“ eben solches Riesenschilf (Miscanthus X giganteus) in größerem Stil anzubauen, um dem teuren fossilen Brennstoff mit einem umweltfreundlicheren nachwachsenden Rohstoff Paroli zu bieten. Und eine Zeitlang ging diese Rechnung auch auf, bis eine sich verändernde Marktlage die Landwirte zum Umdenken zwang, weil das Verheizen von Elefantengras bei sinkenden Ölpreisen kaum mehr konkurrenzfähig war. Steigender Anfall von Biomassehackgut durch Käferholz und Schad- ereignisse drücken am Heizmarkt zusätzlich.

Verein mit 30 Mitgliedern

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Aber aufgeben, das war für die „Pioniere“ keine Option, wie Klaus Feischl bei einem Ortstermin in Brandstetten sagte. Der Schweinezüchter aus Gaspoltshofen ist Obmann des Vereins „ProMiscanthus“, der 2009 gegründet wurde und dem heute über 30 Landwirte angehören. Nachdem man vom Ölpreis „abgehängt“ worden sei, wie Feischl es formuliert, habe man sich eben „etwas anderes einfallen lassen müssen.“

Nun gibt es für das Riesenschilf naturgemäß diverse Verwendungsmöglichkeiten. Im Verein ProMiscanthus hat man sich aber letztlich dafür entschieden, das biologisch abbaubare Material als Pferdeeinstreu und als Mulch zu vermarkten. Beispielsweise sorgten Miscanthus-Häcksel für bessere Luft im Pferdestall, lassen sich leichter entmisten und außerdem entstünden keine Entsorgungskosten, heißt es. Als Mulch reduziere das gehäckselte Schilf den Schneckenfraß, unterdrücke Unkräuter und reduziere die Verdunstung.
„Die thermische Verwertung hat sich vorläufig erledigt“, bekräftigt Wolfgang Mayrhuber, der in Brand-stetten auf knapp 5 ha Elefantengras kultiviert und darauf hinweist, dass man die Schilfhäcksel etwa auch als Einstreu für Ziegen- und Hühnerställe sowie für Kleintiere verwenden kann. Mayrhuber selbst hält rund 200 Milchziegen und weiß die Vorteile des „exotischen“ Einstreus überaus zu schätzen: „Es verrottet recht schnell“, sagt der Biobauer, in dessen Lagerhalle sich das Häckselgut bis an die Decke türmt. Hier wird die Einstreu in durchsichtige Ballen verpackt und auf Wunsch auch ins Haus geliefert, wobei Frachtkosten natürlich extra anfallen. Aber selbstverständlich kann man sich jede beliebige Menge des Einstreumaterials mit dem Anhänger auch selbst vom Lagerplatz in Taufkirchen an der Trattnach abholen, der Preis wird je Kilogramm berechnet.

Mehrjährig und große Biomasseleistung

Das Riesen-Chinaschilf stammt ursprünglich aus Asien und wurde noch vor Mitte des 20. Jahrhunderts nach Mitteleuropa eingeführt. Es handelt sich dabei um eine sogenannte C4-Pflanze, die sich unter bestimmten klimatischen Bedingungen durch eine besonders hohe Biomasseleistung auszeichnet, wie es etwa auch bei Mais und Zuckerrohr der Fall ist. Sie kann auch im europäischen Raum Wuchshöhen von bis zu vier Metern erreichen. Wie alle Miscanthusarten ist sie mehrjährig und entwickelt Rhizome, aus dem die Pflanzen austreiben.
Auffallend sei eine im Frühjahr nur sehr langsame Wuchsentwicklung und dass sie somit sehr konkurrenzschwach gegenüber heimischen Pflanzen ist. „Die ersten zwei Jahre sind eine Herausforderung“, sagt Feischl, „um die Flächen Unkraut-frei zu halten.“ Ab dem dritten Standjahr – in dem in der Regel auch die erste Ernte erfolgt – sind die Bestände dann dicht und geschlossen, Unkräuter werden somit vollständig unterdrückt. „Wenn der Bestand einmal steht, dann braucht man nur noch zu ernten“, so der Obmann.
Mit ihrer Geschäftsidee sehen sich die Landwirte besonders gegenüber „den Sägespänen“ im Vorteil, „weil unsere Einstreu mehr Struktur hat.“ Aber es sei natürlich auch eine Alternative zum Stroh, das knapper und damit teurer wird. Inzwischen hat man sogar den Schönbrunner Zoo in Wien als Kunden gewinnen können, der sich regelmäßig für den Giraffenstall mit Einstreu aus Grieskirchen eindeckt.
„Wir sind in ganz Österreich unterwegs“, erzählt Geschäftsführer Josef Voraberger vom Maschinenring Grieskirchen, der sich um die Logistik allgemein und um die Ernteeinsätze und Vermarktung des Schilfhäcksel im Speziellen kümmert. Ganz wichtig sei heutzutage natürlich ein ansprechender Internetauftritt, so Voraberger. Aber auch die Präsenz auf Pferdemärkten gehöre zur Vermarktung. Der Verein „ProMiscanthus“ ist ein Tochterunternehmen des MR Grieskirchen, der 1700 Mitglieder zählt und im Bezirk Grieskirchen schwerpunktmäßig den Einsatz von Gemeinschaftsmaschinen lenkt.

Selbst gebaute Ballenpresse

Mächtig stolz ist man bei „ProMiscanthus“ auf die selbst geplante und gebaute Ballenpresse, die in der Lagerhalle steht. Damit wurden etwa im vergangenen Jahr rund 1200 Ballen zu je 26 kg abgepackt, und im heurigen Jahr will man die Menge um 70 % auf rund 2000 Stück steigern. Lediglich wenige Monate vergingen zwischen Planung und Fertigstellung der Maschine, an die im Wesentlichen drei Leute Hand anlegten: Klaus Feischl (Planung), Gerhard Voraberger (Technik) und Christian Hofer (Elektrik). Bedient wird die Ballenpresse von Manuel Mayrhuber, dem Sohn des Biobauern, der gerade eine Ausbildung zum Landwirtschaftlichen Facharbeiter absolviert und dafür sorgt, dass hier in der Lagerhalle auch alles reibungslos funktioniert. Apropos Lagerung: Es entsteht für die Landwirte zuweilen ein Problem, wenn nach der Miscanthus-Ernte die Lagerkapazitäten knapp werden, weil sie nicht genügend Platz haben, sagt MR-Geschäftsführer Voraberger.
In Oberösterreich wird auf rund 450 ha Miscanthus angebaut, gefolgt von den Bundesländern Niederösterreich (360 ha), Steiermark (90 ha) und Kärnten mit rund 30 ha. Österreichweit sind es laut Statistik knapp 1000 ha, auf denen das Riesenschilf kultiviert wird. Ins Blickfeld rückte das Riesen-Chinaschilf im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, als man auf der Suche nach alternativen Energiequellen war. Allerdings sprachen zunächst hohe Auswinterungsverluste im Pflanzjahr, hohe Pflanzgutkosten, Lagerungsprobleme und letztlich die fehlende Wirtschaftlichkeit einem großflächigen Anbau entgegen. Erst mit den stark ansteigenden Heizölpreisen in den 1990er-Jahren wurde es dann wirtschaftlich interessant, das schnellwüchsige Chinaschilf wegen seines hohen Brennwertes und seiner günstigen Kohlendioxidbilanz zur Energiegewinnung anzubauen. Mit 1 ha ließen sich immerhin rund 6000 l Heizöl ersetzen, rechnet MR-Geschäftsführer Voraberger vor. Im Ringgebiet beheizen noch drei Betriebe ihr Wohngebäude mit eigenem Elefantengras.

Mehrjährige Kultur mit hoher Trockenmasse

Wesentlicher Vorteil von Riesen-Chinaschilf ist der relativ hohe Trockenmasseertrag pro Hektar. Gegen Ende der Vegetationsperiode werden Nährstoffe aus den Blättern in das Rhizom verlagert, was den Düngungsbedarf dieser Pflanze gegenüber anderen Nutzpflanzen reduziert. Durch die mehrjährige Ernte ohne jährliches Ansäen entfallen auch die jährlichen energieintensiven Bodenaufbereitungsarbeiten, was die Energiebilanz deutlich gegenüber anderen nachwachsenden Rohstoffen, wie zum Beispiel Raps als pflanzlicher Kraftstoff verbessert.
Nachteile sind die hohen Investitionen für das Pflanzgut und die bei mehrjährigen Kulturarten dauerhafte Flächenbindung, die einer schnellen Reaktion auf Änderungen der EU-Agrarpolitik entgegenstehen. Durch die relativ geringe Schüttdichte ist ein Transport über längere Wegstrecken allerdings unrentabel, weshalb man sich beim MR Grieskirchen auf einen Aktionsradius von etwa 20 km beschränkt, größere Entfernungen werden über Lieferdienste erledigt.

Ähnliche Ansprüche wie Mais

Als Faustformel für die Standortfrage wird auch gerne der Vergleich mit dem Maisanbau herangezogen. So gilt ein guter Maisstandort auch als guter Miscanthus-Standort, heißt es. Optimal seien tiefgründige, gut durchwurzelbare, humose Lehmböden mit guter Wasserführung, gutem Nährstoffspeichervermögen und Niederschlägen zwischen 500 und 600 mm in der Vegetationszeit. Auch leichte, sandige bis lehmsandige Böden sollen sich für den Anbau eignen.
Mangelnde Wasserversorgung während der Hauptwachstumszeit von Juni bis September könne hier aber zum begrenzenden Faktor werden. Der Anbau von Miscanthus kann also auf einem sehr breiten Bodenspektrum erfolgen und wird oft auch auf Grenzstandorten ausprobiert. Miscanthus sei eine Pflanze, der man bei tropischen Temperaturen „beim Wachsen zuschauen kann“, schildert Biobauer Mayrhuber. Da das Riesenschilf ein Horstbildner ist, gilt als Faustregel beim Anbau: ein Rhizom pro m2.
Die Ernte von Miscanthus sollte nach Angaben von Experten so spät wie möglich im Frühjahr erfolgen; das heißt kurz vor dem Wiederaustrieb im April. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Blätter bereits größtenteils abgefallen sind. Die nährstoffreichen, sich auf dem Boden zersetzenden Blätter, geben die Mineralien dem Pflanzenbestand automatisch wieder zurück und helfen somit den Nährstoffkreislauf zu schließen. Man kann sich also die Düngerkosten sparen, „weil es nichts bringt“, wie Obmann Feischl bei einer Feldbegehung erläutert. Je nach Standortbedingungen seien Erträge von 10 – 20 t Trockenmasse/ha Jahr möglich. Bei optimaler Wasserversorgung können die Erträge auch noch höher ausfallen, heißt es.
Allerdings: Nach jeder Ernte müssten die Messer des Maishäckslers geschliffen werden – eine Folge der schroffen Halmstruktur. In Mitteleuropa werden Miscanthusbestände übrigens auch gerne als „Überwinterungsquartier“ von Rehen, Hasen und Fasanen genutzt.