Marktchancen

Bio-Landwirtschaft: Wo die Reise hingeht

Ökoladen
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 22.12.2020 - 09:06

Österreich ist Vorreiter in der Bio-Produktion. Die weitere Entwicklung werden maßgeblich die Konsumenten prägen. Gegenwärtig gibt ein durchschnittlicher Haushalt gerade einmal 97 Euro pro Halbjahr für biologische Frischeprodukte aus.

Österreich

Wien - Österreich ist bereits dort angelangt, wo die EU hin will: Aktuelle Zahlen für 2020 weisen 24.457 Bio-Betriebe aus, um rund 232 mehr als 2019. Das entspricht einem Anteil von rund 23 Prozent. 2020 wurde in Österreich mehr als ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche biologisch bewirtschaftet, in Summe sind das 677.216 Hektar. Darunter macht das Ackerland ein Fünftel der gesamten Ackerfläche in Österreich aus. Ein Drittel des Dauergrünlandes und 7.265 ha Weingärten werden biologisch bewirtschaftet, das sind 16 Prozent der Weingartenfläche in Österreich. Bei den Obstanlagen liegt der Bioanteil bei 37 Prozent.

Damit nimmt Österreich eine Vorreiterrolle ein, aus der andere Nationen wichtige Erkenntnisse ableiten können. Unter anderem diese: Ohne Verbraucher geht gar nichts. Ein durchschnittlicher Haushalt kaufte in Österreich im ersten Halbjahr 2020 biologische Frischeprodukte im Wert von 97 Euro. Das entspricht einem Plus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Fast jede Österreicherin und jeder Österreicher hat mindestens einmal in den vergangenen sechs Monaten zu Bio-Produkten gegriffen. Damit steigt die Nachfrage, aber es gibt noch reichlich Luft nach oben.

Nachfrageimpuls durch Coronakrise

Österreich

„Die Corona-Krise hat gezeigt, dass unser Weg der Qualitätsproduktion der einzig richtig ist. Diesen Erfolgsweg werden wir weitergehen. Wir müssen die Konsumentinnen und Konsumenten auf diesem Weg mitnehmen“, so charakterisiert Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger die aktuelle Situation. Die Konsumentinnen und Konsumenten würden wesentlich dazu beitragen, dass die Bio-Produktion in Österreich kontinuierlich und gesund wachse, so Köstinger.

Im Bereich Milch und Eier, aber auch beim Gemüse sei man auf einem guten Weg. Anders sieht die Situation bei Fleischprodukten, insbesondere beim Schweinefleisch aus, wo der Bio-Anteil nach wie vor im niedrigen einstelligen Prozentbereich dahindümpelt. Und wie lange das durch Corona geänderte Kaufverhalten trägt, weiß keiner so genau zu sagen.

Steigender Wettbewerbsdruck durch steigendes Angebot

Der Anteil der biologischen Landwirtschaft in Österreich steigt stetig. "Dafür braucht es aber auch einen funktionierenden Markt und den Absatz der biologisch erzeugten Produkte", charakterisiert Österreichs Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Köstinger sieht auf die Bio-Landwirtschaft und die Absatzmärkte steigende Herausforderungen zukommen. Deshalb lud sie Mitte Dezember zur digitalen Bio-Enquete 2020 ein. Dort sprach sie die Erfolgsgeschichte des biologischen Landbaus in Österreich an, ließ aber die Probleme nicht unerwähnt. Einerseits verändere sich der Bio-Markt insgesamt, gleichzeitig würden immer mehr EU-Mitgliedsstaaten einen größeren Fokus auf die biologische Landwirtschaft legen. "Dadurch steigt der Wettbewerbsdruck für unsere Bio-Landwirte. Auch die neue EU-Bio-Verordnung ab 2022 erfordert eine Vielzahl an Änderungen und Neuerungen, die gemeinsam mit den Biobäuerinnen und Biobauern vorbereitet werden müssen“, erklärte die Ministerin.

Kammerpräsident fordert marktangepasste Weiterentwicklung

„Die offenen Märkte stellen für unsere bäuerlichen Betriebe – so auch die Biobäuerinnen und Biobauern – eine große Herausforderung dar. Neben der Versorgung der Exportmärkte wird es vor allem wichtig sein, die Konsumentinnen und Konsumenten mit vereinter Stärke für unsere heimischen Qualitätsprodukte zu begeistern – in all ihrer Vielfalt“, ruft Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger die heimischen Bäuerinnen und Bauern zum Zusammenhalt und forciertem Regionalitätsmarketing auf.

Das Ziel der EU, einen einheitlich hohen Standard für europäische Bioprodukte zu schaffen, sei eine Chance. Gleichzeitig berge es aber auch die Gefahr, dass heimischen Rohstoffe noch mehr in der Anonymität der Eigenmarken versinken und austauschbar würden. Hier gelte es in enger Zusammenarbeit mit Verarbeitung und Handel mit starken Qualitäts- und Markenprogrammen entgegenzuhalten und auch die online-basierte Direktvermarktung auszubauen. Entscheidend seien kostengerechte Erzeugerpreise und höhere Wertschöpfungsanteile für die Biobetriebe, so Moosbrugger, der eine marktangepasste Weiterentwicklung der Branche fordert.

Forscher wolle die Potenziale von Regionalität und Bio kombinieren

Die Europäische Kommission hat sich in der „Farm-to-Fork“- und in der Biodiversitätsstrategie ambitionierte Ziele im Biolandbau und in der Reduktion von Pflanzenschutz- und Düngemitteln gesetzt. „Diese neuen Zielvorgaben werden die Spielregeln verändern. Die Mitgliedsstaaten werden noch ehrgeizigere Förderprogramm für Biolandbau vorantreiben und für die konventionelle Landwirtschaft wird ein neuer, dritter Weg, die Agrarökologie zum Mainstream werden. Die österreichische Landwirtschaft hat für beide Entwicklungen ausgezeichnete Voraussetzungen und Erfahrungen“, erklärt Urs Niggli, Obmann vom „Forschungsinstitut für biologischen Landbau“ (FiBL) Österreich.

Der biologische Landbau nimmt in der zukünftigen Agrarpolitik in Österreich eine sehr wichtige Rolle ein. Eine Studie, die mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus beauftragt und von FiBL Österreich erarbeitet wird, definiert 52 Maßnahmen, welche die Bio-Landwirtschaft stärken sollen. Große Potentiale gebe es im Bereich des Absatzes von Bioprodukten im Außer-Haus-Verzehr, sowie grundsätzlich in der Aufbereitung von Wissen zum Biolandbau und damit in der Schaffung von Identität zwischen den zwei attraktiven Marken Österreich und Bio, so Urs Niggli weiter.