Vor Ort

Bewerbung für „höheren Dienst“

Karl Peer
Paul Kannamüller
am Dienstag, 20.07.2021 - 13:32

Auf der Peer Alm sowie auf anderen Almen in Tirol sind freiwillige Hilfskräfte willkommen. Das Interesse ist groß. Viele Bewerber kommen aus Deutschland.

Navis/Tirol Es gibt sie noch, die „einsamen“ Almerer, die hoch oben am Berg in ihrer Almhütte zuweilen Wetterkerzen anzünden, wenn’s ringsum bedrohlich blitzt und donnert. Aber ganz so einsam und abgeschottet müssen sich die meisten Almleute heutzutage nicht mehr fühlen, seit Satellitenschüsseln auch in abgelegensten Winkeln für Empfang sorgen. Beim einen oder anderen Almerer bzw. der Almerin liegt natürlich ein Handy griffbereit, auf das man in Notfällen zurückgreifen kann. Die modernen Kommunikationsmittel sind aber kein Widerspruch zur „urigen“ Arbeit, die heute noch wie vor hundert Jahren auf den Almen verrichtet werden muss. Bestes Beispiel ist Karl Peer, der im Tiroler Navistal auf 1663 m eine Alm bewirtschaftet. Freundlicherweise gestattet der kernige Almerer einen Blick in die kleine Wohnstube, die sich am besten mit „multifunktional“, aber sehr heimelig umschreiben lässt.

Helfer wollen an die frische Luft und arbeiten

Gerade aber stapeln sich auf seinem Küchentisch in der rustikalen Wohnstube – sozusagen zwischen Tassen, Kopierer und Computer – viele Bewerbungsschreiben von jungen Leuten aus Deutschland, die mal für einige Zeit auf die „Peer Alm“ kommen möchten, um das Leben auf einer Alm kennenzulernen und dabei kräftig mitzuhelfen. So schreibt beispielsweise Diana K. aus Thüringen, dass es schon seit vielen Jahren ihr Wunsch war, eine Weile in den Bergen zu leben, sich dort um die Tiere zu kümmern und das Käsemachen zu lernen. Ähnlich klingen die Zeilen von Amelie B. aus Nordrhein-Westfalen, die sich als naturverbundenen Menschen bezeichnet und „mich gerne den ganzen Tag an der frischen Luft aufhalte“. Sie hätte große Lust, mitanzupacken, wobei sie vor allem die Tierpflege reize. Viele also fühlen sich für den sprichwörtlich „höheren Dienst“ auf dem Berg berufen. Schließlich zieht Karl Peer noch ein Schreiben von einer Journalistin hervor, die im Navistal zusammen mit einer Kollegin einen Film für einen Reisekanal drehen will.
Es ist eine andere Welt hier oben, in der sich Karl Peer häuslich eingerichtet hat, soweit man das mit „irdischen“ Maßstäben überhaupt vergleichen kann. Draußen vor der Hütte tummeln sich ein paar Almschweine; dazu gesellt sich das Pensionsvieh von sechs Bauern, die es alljährlich zur Sommerfrische auf die Peer Alm bringen. Es sind insgesamt 15 Milchkühe, hauptsächlich der Rassen Grau- und Braunvieh, um die sich Karl Peer kümmern muss, dessen Reich eine Weidefläche von etwa 50 ha umfasst. Im besten Sinne des Wortes wird hier oben Kreislaufwirtschaft praktiziert nach dem Motto: Alles wird verwertet, nichts weggeworfen. So werden die Almschweine beispielsweise auch mit Molke gefüttert – ihr Speck ist ein Tiroler Gourmetschlager. Und es versteht sich beinahe von selbst, dass auf der Peer Alm auch die Energie selbst erzeugt wird. Nachschub kommt vom Einschlag aus dem 24 ha großen Bergwald, mit dem die autarke Holzheizung „gefüttert“ wird. Und selbstverständlich gibt es dort oben auch ein kleines Sägewerk, mit dem Karl seine Bretter selbst schneidet.

Almhütte mit eigenen Schmankerln

Eine öffentliche Fahrstraße am Ende des Navistals mündet in einen Parkplatz, von dem aus die „Peer Alm“ nach etwas mehr als einer halben Stunde erreichbar ist. Sommers wie winters genießen Ausflügler diesen wunderschönen Spaziergang, um oben in der Almhütte auch die selbstgemachten Schmankerl zu probieren, wie etwa den selbst produzierten Naviser Bergkäse. Wie überhaupt hier auf regionale Produkte in hoher Qualität Wert gelegt wird, was sich auch auf der Speisekarte der Gastwirtin widerspiegelt. Es sind ausschließlich bodenständige Gerichte, die frisch zubereitet auf den Teller kommen.
Karl Peer hat die Almhütte samt Gastronomie seit geraumer Zeit verpachtet, sodass er sich ausschließlich seinen almerischen Tätigkeiten widmen kann. Und auch sollte man sich nicht wundern, wenn einem auf der Peer Alm urplötzlich musikalische Töne zu Ohren kommen. Dann hat Karl Peer mal wieder seine Basstuba ausgepackt, um vor dem majestätischen Panorama der Tuxer Alpen wunderschöne Melodien zum Besten zu geben.

Die Milch wird aufder Alm verarbeitet

In Tirol gibt es nur mehr ganz wenige Kuhalmen, auf denen die Milch an Ort und Stelle verarbeitet wird. Aus den täglich anfallenden rund 250 Litern wird aber nicht nur Käse, sondern auch Butter und eine „ganz raffinierte“ Schokolade unter strengen Auflagen hergestellt. „Wir müssen die alten Traditionen wieder beleben“, sagt Karl Peer, der stolz darauf ist, ein altes Handwerk zu beherrschen. Vermarktet werden die Produkte über die hiesige Gastronomie und über die sogenannten „Genussspechte Wipptal“, deren Obfrau Gabi Gatscher ist. Ziel sei es nach ihren Worten, die Wertschöpfung durch die Positionierung regionaler Produkte zu erhöhen. Mit Gründung der Vermarktungsplattform 2016 habe man ein Zeichen gesetzt, das den Absatz heimischer Erzeugnisse fördern soll. „Es ist toll, wie kreativ und nachhaltig unsere Region ist“, freut sich Gatscher über die vielfältigen Kooperationen im Navistal – von den Landwirten bis zu den Handwerkern.

Ein Stapel an Bewerbungen

Ein wahres Juwel aber besitzt Almerer Karl weiter talwärts, wo der unter Denkmalschutz stehende Peer-Hof steht. Seinen Namen erhielt der Hof von der seit Mitte des 17. Jahrhunderts auf dem Hof wohnenden Familie Peer, seitdem wurde er zusammen mit der Alm in ununterbrochener Folge von Generation zu Generation weitervererbt. Dass der Peer-Hof nicht nur wegen seines beachtlichen Alters berühmt wurde, sondern ebenso auf Grund seines kunstgeschichtlichen Wertes, mag die Erwähnung in einem Kunstführer beweisen. Hervorstechend sind seine Fresken des Hl. Sebastian und des Hl. Martin sowie eines Hausspruches am östlichen Bundwerksgiebel. Erst vor einigen Jahren wurden im Zuge der Fassadenerneuerung an der Fensterumrahmung Fresken entdeckt. Die Urkunden, die die Geschichte des Peerhofes beschreiben, füllen eine Sammlung, die am Hof aufbewahrt wird. Heute besitzt das sanierte Gemäuer die Wohnqualität eines Neubaus und ist vermietet.
Karl Peer freut sich über so viel Interesse an der Berglandwirtschaft – und kann sich von den vielen Bewerbungen die „passenden“ aussuchen. Es sind die unterschiedlichsten Motive, die die zumeist jüngeren Frauen und Männer für eine begrenzte Zeit auf die Almen treiben. Dabei werden viele auch über den Verein „Freiwillig am Bauernhof“ vermittelt, der vom Maschinenring und der Landwirtschaftskammer getragen wird. Zuletzt waren es rund 400 freiwillige Helferinnen und Helfer, die der Verein an mehr als 130 Betriebe in Nord- und Osttirol „verteilt“ hat. Nach Angaben des Maschinenrings steige die Zahl der Einsätze seit Jahren stark. Es interessierten sich viele Menschen unterschiedlicher Herkunft für die Arbeit insbesondere auf kleineren Bauernhöfen im alpinen Gelände. Man erklärt sich das vor allem mit einem „Bedürfnis nach sinnstiftenden, geerdeten Tätigkeiten“. Jedenfalls weiß Karl Peer vor allem auch die Unterstützung seiner „Teilzeitbäuerinnen“ sehr zu schätzen und betont mit einem kleinen Lächeln, dass es auch eine „Entlastung“ beim Kochen sei. Paul Kannamüller