Vermarktung

Auf die Bevölkerung zugehen

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Patrizia Schallert
am Donnerstag, 18.10.2018 - 11:27

Familie Fritz im Kleinwalsertal setzt mit ihrem GenussBauernhof auf extensive Bewirtschaftung, Direktvermarktung, Kooperation und Verbraucherdialog.

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Riezlern/Vorarlberg Blumen, so weit das Auge sieht. Wenn der Biobergbauer Bernhard Fritz über seine Wiesen geht, lächelt er zufrieden. Immer wieder bückt er sich und staunt über die Artenvielfalt, die sich durch seine naturnahe, ökologische Wirtschaftsweise entwickelt hat. Dabei war er vor 30 Jahren, als er seine Prüfung zum Landwirtschaftsmeister abgeschlossen hatte, auf dem elterlichen Milchviehbetrieb noch mit Vollgas unterwegs. „Eine hohe Milchleistung stand für mich damals an oberster Stelle“, blickt der 52-jährige Biobauer aus Riezlern im Kleinwalsertal zurück. Inzwischen setzt Fritz auf andere Werte wie Langlebigkeit, Behornung und muttergebundene Kälberaufzucht. Vor zwei Jahren hat sich die Familie außerdem zum „GenussBauernhof“ zertifizieren lassen.

Hofführungen und Verkostungen

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Mit Hofführungen und Verkostungen im Hofladen will Fritz der heimischen Bevölkerung, den Touristen und Gastronomen in der Region seine Philosophie näherbringen. „Die Leute sind sehr interessiert und betonen immer, wie toll wir alles machen. Aber nur von schönen Worten allein können wir nicht leben. In der Realität ist es leider so, dass die meisten Konsumenten letztlich dann doch beim Discounter einkaufen.“ Dabei könnte der Kunde im Hofladen „Xond“ (gesund) der Familie Fritz in Sachen Käse, Wurst und Eier aus dem Vollen schöpfen. Zudem wird die eigene Produktpalette mit Lebensmitteln anderer Genussregionen Österreichs erweitert.
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Für das reichhaltige Angebot im 2014 eröffneten Hofladen sorgen die zwölf Brown Swiss und Original Braunvieh Milchkühe samt Nachzucht, sieben Milchziegen der Zweinutzungsrasse Tauernschecken, 16 Kitze und 15 Legehennen. Zum Hof gehören 20 ha Grünland und 12 ha Wald. Früher standen im Anbindestall nur Brown Swiss Kühe und durch zugekaufte Maissilage lag die durchschnittliche Milchleistung bei knapp 8000 kg. „Irgendwann habe ich mich dann aber gefragt, was es für einen Sinn macht, Kraftfutter für meine Kühe ins Tal führen zu lassen, nur um mehr Milch zu produzieren, die eigentlich keiner haben will“, sagt Fritz. Auch hinter dem Zukauf von Soja aus Brasilien ins Kleinwalsertal stand für den Betriebsführer ein großes Fragezeichen.

Tierhaltung extensiviert

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Vor 23 Jahren entschloss sich die Familie zum Bau eines Laufstalls, einige Jahre später stellte sie auf die ökologische Wirtschaftsweise um. Weil bereits damals eine hofeigene Sennerei angedacht war, entschied sich Fritz gegen die Silofütterung und züchtete seine Herde von Brown Swiss zurück auf Original Braunvieh. „Als ich einmal im Winter durch den Leistungsdruck gleich zwei festliegende Kühe im Stall hatte, gab mir das zu denken. Die Zucht von Hochleistungskühen war nicht mehr das Meinige. Ich wollte meine Tiere mit dem Futter versorgen, das auf unseren eigenen Flächen wächst.“
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Ein weiteres Problem, mit dem der Biobergbauer immer wieder zu kämpfen hatte, waren die Durchfälle seiner Kälber. „Die ständige Desinfektion des Stalls wurde mir mehr und mehr zuwider und der Einsatz von chemischen Mitteln passte für mich nicht zu einer naturnahen Landwirtschaft.“ Der Zufall wollte es, dass Fritz vor fünf Jahren einen Bericht über den „Kuhflüsterer“ Martin Ott sah, einen Schweizer Landwirt, Buchautor und Pionier in der muttergebundenen Kälberaufzucht beim Milchvieh.

Die Kälber saufen
bei der Mutter

Seither sind die Kälber auf dem Hof der Familie Fritz eine Woche lang Tag und Nacht bei ihrer Mutter. Dann verbringen sie die Zeit in der Kälbergruppe und dürfen zweimal täglich bei der Mutter trinken. Während dieses Prozedere bei den Masttieren bis zur Schlachtreife von 120 bis 150 kg erfolgt, werden die Kuhkälber nach rund zehn Wochen langsam entwöhnt. Damit sie trinken lernen, erhalten sie in einem Tränkekübel lauwarmes Wasser mit etwas Milch. Zusätzlich steht allen Kälbern von Anfang an Heu zur Verfügung. „Das Fressen schauen sie sich schon wenige Tage nach der Geburt von ihren Müttern ab“, schildert der Biobauer seine Erfahrung.
Seit der Umstellung auf die muttergebundene Kälberaufzucht habe kein einziges Tier mehr an Durchfall gelitten. „Die Kälber sind wesentlich vitaler, gesünder und nehmen deutlich mehr zu.“ Wenn die Kälber getrunken haben, wird das Euter jeder Mutterkuh im Melkstand kontrolliert und gemolken. Die durchschnittliche Milchleistung ist durch die neue Haltungsform zwar von knapp 8000 auf 5000 kg gesunken, dennoch ist Fritz zufrieden. „Für mich stehen nicht mehr die Menge, sondern die Qualität und das Tierwohl im Vordergrund.“

Milch zum Teil selbst verarbeitet

Gut die Hälfte der Milch wird in der hofeigenen Sennerei verarbeitet, der Rest an die Molkerei Arla geliefert. Der Betrieb wirtschaftet zwar ökologisch und erhält von der Molkerei den Biomilchpreis, ist aber keinem Bioverband angeschlossen. „Im Kleinwalsertal haben wir das Problem, dass wir zwar in Österreich wohnen, die Milch aber nach Deutschland liefern. Daher macht der Anschluss an einen Bioverband wenig Sinn.“
Vor zehn Jahren kamen zusätzlich Ziegen auf den Hof. Nachdem der heute 26-jährige Sohn Jodok zwei Kitze geschenkt bekam, entdeckte der landwirtschaftliche Facharbeiter die Liebe zu dieser Spezies. Inzwischen ist die kleine Herde auf sieben Milchziegen, zwei Böcke und im Schnitt 16 Kitze angewachsen. Im Winter werden die Muttertiere trockengestellt und bekommen im Frühling ihre Kitze. Gemolken werden die Milchziegen erst ab Mitte/Ende Mai.
Von Ende Mai/Anfang Juni bis Mitte September werden das Jungvieh, die Kitze und der Bock auf die Gemeinschaftsalp „Außerkuhgehren“ gebracht. Die restlichen Tiere verbleiben auf dem Hof und weiden auf dem arrondierten Grünland. Im Winter werden den Tieren Heu und als Eiweißersatz Grascobs vorgelegt. Die Cobs lässt die Familie aus hofeigenem Gras von der Trocknungsgenossenschaft Oberallgäu in Burgberg pressen. Fritz will seinen Kühen so wenig Kraftfutter wie möglich geben. So werden jährlich nur 4 t Getreide zugekauft.
Die nicht beweideten Flächen werden nur zweimal jährlich gemäht, Gülle erst nach dem ersten und zweiten Schnitt ausgebracht. „Dadurch wächst das Gras zwar langsamer, aber ich habe ein längeres Zeitfenster für den ersten Schnitt“, erklärt der Biobauer. Der mit Urgesteinsmehl vermengte Mist aus dem Tretmiststall des Jungviehs wird ein Jahr lang kompostiert und im Herbst auf die Wiesen ausgebracht. Das Gras von „sauren“ Wiesen, das eine schlechte Futterqualität aufweist, wird im September gemäht und als Einstreu verwendet.
Öffentlichkeitsarbeit ist für Fritz ein großes Thema. Deshalb wurde im Kleinwalsertal bereits vor mehr als 25 Jahren der Direktvermarkterverein „Walser Buura“ gegründet, in dem der Landwirt als Vizeobmann fungiert. Dem Verein sind nahezu alle Betriebe im Tal angeschlossen. Sie haben sich nicht nur die Aufklärung der Bevölkerung über landwirtschaftliche Themen auf die Fahne geschrieben, sondern führen zudem Preisverhandlungen mit der Gastronomie im Tal. Als unterstützende Mitglieder sind auch Verbraucher und Wirte willkommen.

Verbraucheraufklärung als GenussBauernhof

Kommunikation sei das A und O, um das Image der Landwirtschaft wieder in ein besseres Licht zu rücken. „Die Bauern müssen wieder mehr unter die Leute“, fordert Fritz. Früher habe es in den Wirtshäusern noch Stammtische gegeben, an denen sie mit den anderen Einheimischen beieinander gesessen und diskutiert hätten. Das sei heute leider kaum mehr der Fall.
Die Zertifizierung zum „GenussBauernhof“ vor zwei Jahren war für die Familie ein weiterer Schritt im Verbraucherdialog. Bei den Hofführungen und Verkostungen der hofeigenen Produkte liegen dem Betriebsführer nicht nur die Erwachsenen, sondern vor allem die Schulkinder am Herzen. „Es ist bedauerlich, dass selbst Kinder vom Land nur noch wenig Ahnung haben, woher die Milch kommt, welche Tiere auf einem Bauernhof leben und was sie zu fressen bekommen.“

Bauern schließen sich zusammen

Der Zusammenhalt der Bauern zeigt sich nicht nur im gemeinsamen Dialog mit dem Verbraucher, sondern auch bei der Schlachtung ihrer Nutztiere. Sie gründeten den grenzübergreifenden Verein „Landwirtschaftliche Schlachtgemeinschaft Oberstdorf-Kleinwalsertal“, dem rund 60 Oberstdorfer und rund 30 Kleinwalsertaler Betriebe angeschlossen sind.
„Der Landwirt muss selbst einen Metzger und einen Termin beim Schlachthaus organisieren“, erklärt Fritz. Nach der Schlachtung werden die Tierkörper noch einige Tage abgehängt. Von seinem Metzger lässt Fritz das Fleisch zerlegen. An die Gastronomie verkauft er meist ein viertel Rind oder ein halbes Kalb. Kitze vermarktet er nur am Stück. Aus älteren Kühen lässt Fritz Kaminwurzen oder Dauerwürste mit möglichst hohem Rindfleischanteil herstellen, weil Schweinefleisch dafür kaum zu bekommen sei.

Veranstaltungen für Konsumenten

Ein weiteres Betriebsstandbein ist schon seit 1920 die Vermietung von Ferienwohnungen. Vor einigen Jahren wurden die vier Wohnungen und einige Doppelzimmer renoviert und ein großzügiger Frühstücksraum eingerichtet. Dort wartet die Familie mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet mit hofeigenen Erzeugnissen auf. Außerdem steht den Feriengästen eine urige „Ski-Stuba“ mit breiter Getränkeauswahl zur Verfügung.
Für Touristen und Einheimische führt die Familie Fritz regelmäßig Veranstaltungen durch, beispielsweise die „GenussTage“ in Kooperation mit den „GenussWirten“ und „GenussHütten“ im Tal, einen „Milch- und Honigtag“ oder die Produktschau mit Bregenzerwälder, Walser und Allgäuer Bauern. Letztere sei eher eine Veranstaltung für die Gastronomie, um im Gespräch zu bleiben. Fritz ist überzeugt, dass nur durch ein Aufeinanderzugehen und den Respekt für die Wünsche und Sorgen des anderen ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Landwirten, der Bevölkerung, der Gastronomie und den zahlreichen Touristen im Tal möglich ist.

Und wenn er für Werbezwecke bei Sportveranstaltungen sein Joghurt stiftet, verschafft ihm das ein gutes Gefühl. „Mir bringt das mehr als ein Inserat in der Zeitung oder massenhafte Klicks auf unsere Website. Mein Ziel ist schließlich nicht, ein Weltkonzern oder Exportbetrieb zu sein oder zu werden, sondern unsere hofeigenen und hochwertigen Lebensmittel in der Region zu verkaufen.“

Betriebsspiegel Familie Fritz

Familie: Bernhard (52), Stephanie (50), Jodok (26), Benedikt (21), Marcellus (18).

Flächen: 20 ha Grünland, 12 ha Wald, Gemeinschaftsalpe „Außerkuhgehren“.

Vieh: 12 Brown Swiss und Original Braunvieh Milchkühe samt 12 Jungtieren, 7 Milchziegen der Zweinutzungsrasse Tauernschecken plus 2 Böcke, 16 Kitze, 15 Legehennen.

Milch: Durchschnittliche Jahresleistung der Kühe rund 5000 kg. Die Hälfte der Biokuhmilch wird in der hofeigenen Sennerei verarbeitet, der Rest an die Molkerei Arla geliefert. Die komplette Bioziegenmilch wird am Hof verarbeitet.

Produkte: Von der Kuh: Hart-, Schnitt- und Frischkäse, Naturjoghurt, Frischmilch. Spezialität: Der „Walsergold“, ein Kuhmilchkäselaib zum Schaben, ähnlich dem Tête de Moine. Von der Ziege: Frisch- und Schnittkäse. Außerdem Frischfleisch und Wurst vom Rind und von der Ziege sowie Rinderschinken als Leitprodukt der GenussRegion Kleinwalsertaler Wild und Rind.

Vermarktung: Im Hofladen Xond (gesund) und an die Gastronomie.

Besonderheiten: GenussBauernhof mit Direktvermarktung, muttergebundene Kälberaufzucht beim Milchvieh, besonders naturnahe und ökologische Wirtschaftsweise, Urlaub am Bauernhof. Der Betriebsführer ist Vizeobmann des Vereins Walser Buura. SP