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Bauernkundgebung in Österreich

Österreich
Franz Gaubitzer
am Freitag, 29.11.2019 - 15:20

Am vergangenen Donnerstag fand auf dem Wiener Heldenplatz eine Kundgebung statt, die von dem Ziel getragen war: die Kommunikation zwischen den heimischen Erzeugern von Lebensmitteln und den heimischen Konsumenten zu vertiefen.

Wien - Zentrale Botschaft der Kundgebung: „Wir wollen Brücken bauen zwischen Produzenten und Konsumenten. Wir wollten die Bauern dazu auffordern, auf die Konsumenten zuzugehen und mit ihnen Gespräche zu führen; darüber, wo der Schuh in der Landwirtschaft drückt und wo er vielleicht auf beim Konsumenten drückt. Wenn dann 50 oder gar 100 Menschen mit dem Vorsatz nach Hause gegangen sind, wieder österreichische Produkte zu kaufen, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Ohne Milchwirtschaft gibt es keine Weiden

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Hauptredner war der Bürgermeister von Kirchberg an der Pielach, Anton Gonaus, der vor den Menschen auf dem Heldenplatz die wichtigsten Problemfelder ansprach: von der ausufernden Bürokratie, ständig neuen Auflagen und noch mehr Kontrollen, dem Bodenverbrauch, die drohenden Ungleichheiten bei Freihandelsabkommen und auch die Darstellung der heimischen Tierhalter als Umweltsünder. Dabei gäbe es ohne Milchwirtschaft und Tierhaltung keine Weiden und damit auch keine gepflegte Landschaft, ohne die der Tourismus kaum denkbar wäre. Abschließend wies er darauf hin, dass zwar der Aufwand für die Lebensmittelproduktion ständig steige, die Preise im Lebensmittelhandel aber seit vielen Jahren stagnierten. Zum Schluss appellierte er an die Zuhörer: „Wir brauchen Euch Konsumenten, seien Sie unser Bündnispartner!“

Wir wollen den Dialog verstärken

Den Anstoß, diese Kundgebung zu organisieren, habe ein Versammlung von gut 100 Milchbauern im Sommer dieses Jahres in ihrem Heimatort Kirchberg an der Pielach gegeben, schildern die Vier im Interview: „Dort waren wir auch dabei und es wurde hitzig über die vielschichtigen Probleme von uns und unseren Kollegen im Berufsalltag sowie über die Absatzsorgen und das oft mangelnde Wissen oder gar nicht vorhandene Verständnis der Österreicherinnen und Österreich für die Preisgestaltung unserer Lebensmittel diskutiert.“

Da haben sie sich gedacht, was bringt es, wenn 100 Bauern in einem Saal sitzen, sich gegenseitig ihre Sorgen erzählen und diskutieren. – Es dreht sich alles im Kreis und die Bauern kennen die Situation sowieso. So haben sie die Idee geboren, das Positive dieser Energie, die trotzdem in diesen Gesprächen steckt, zum Konsumenten zu bringen und sich dazu entschlossen, eine Veranstaltung „für“ die Konsumenten zu machen und das gleich auf dem Wiener Heldenplatz.
Denn es sei doch etwas verloren gegangen: die Kommunikation zwischen Landwirten und Konsumenten. „Jeder redet über den anderen und sieht oft nur negative Sachen und die positiven Dinge nicht. Aus diesem Grund wollen wir den Dialog verstärken!“ Die vier legen großen Wert darauf, ihre Veranstaltung nicht als Demonstration sondern vielmehr als Kundgebung zu sehen um damit den positiven Charakter ihrer Initiative noch einmal hervorzuheben.

„Wir wollen nicht fordern obwohl es natürlich schon ein Appell an die Politik ist“, wirft Markus König ein. Aber es sei nur ein positiver Nebeneffekt, die Politik aufmerksam zu machen aber nicht das Hauptziel. Denn es gibt natürlich schon Organisationen, die sich der von den vier Pielachtalern formulierten Anliegen annehmen: Sie finden aber, dass das immer sehr politisch motiviert ist. Ihnen gehe es rein nur um die Bauern und die Konsumenten bzw. um deren Verhältnis zueinander. Bei jeder Organisation sei immer ein bisschen Politik dahinter.

„Wir wollen eine neue Sparte eröffnen, denn jene Organisationen, die es jetzt schon gibt, fordern und politisieren nur. Da stellen wir die positiven Effekte gar nicht in Abrede. Wir wollen halt direkt auf den Konsumenten zugehen und sein Verständnis für uns und unsere Arbeit bzw. in weiterer Folge auch für unsere Produkte wecken. Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, dass auch wir nur fordern und dem mit Hintergrundinformationen entgegenwirken“, versuchen sie, ihr Anliegen möglichst präzise zu formulieren.

Kulturlandschaft erhalten

Die finanziellen Mittel der vier Aktivisten sind natürlich sehr bescheiden. Sie hätten ja bisher nur ein wenig Werbematerial gebraucht und das selbst finanziert; eigentlich nur einen Folder mit den wichtigsten Eckdaten über die österreichische Landwirtschaft zur Information der Konsumenten, stellen sie ihren finanziellen Hintergrund selbst als eher unwichtig dar. Es sei ihnen am Anfang auch nicht bewusst gewesen, welchen Umfang dieses Projekt annehmen würde, räumen sie ein.

Ihr größtes Anliegen sei es vor allem, mit dieser Kundgebung ihren Berufskollegen einen Anstoß zu geben, selbst nach ihrem Beispiel aktiv zu werden. „Unser Hauptaugenmerk richtet sich darauf, dass der Konsument im Regal verstärkt zu heimischen Lebensmitteln greift und nicht nur das Produkt mit dem niedrigsten Preis kauft.“

Eine ganz wichtige Botschaft ist ihnen, dass sie keinesfalls gegen ihre Berufsvertretungen arbeiten wollen. „Dieses Ding wollten wir aber gerne ganz alleine und unabhängig durchziehen.“ Schön wäre es nun, wenn sich in jeder Region ein paar Idealisten zusammenfinden, die nach ihrem Vorbild den direkten Kontakt zu den Konsumenten suchen. „Wir sind uns sicher, dass jeder Landwirt gefordert ist, den Kontakt zu seinen Konsumenten zu suchen und aufklärend zu wirken.“

Letztendlich gehe es ja nicht nur um die Lebensmittel, sondern auch um die Erhaltung der Kulturlandschaft mit Almpflege usw. und es wüssten sicher viele Menschen nicht, wieviel Arbeit hinter der schönen Landschaft steckt, die von den Bauern geleistet wird. Als weiterer Aspekt nennen sie den Griff ins Regal zum „richtigen“ Produkt auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Denn es sei sicher ein großer Unterschied, ob die Frucht einen Weg von 1000 km hinter sich hat oder hinter dem nächsten Hügel gewachsen ist.

Aktion soll Kreise ziehen und andere Bauern animieren

Generell geht es den Aktivisten nicht nur um Bio-Landwirtschaft oder um einen bestimmten Zweig der Landwirtschaft. Es soll alles vertreten sein, von der Milchwirtschaft/Almwirtschaft über den Ackerbau, die Viehzucht bis hin zur Forstwirtschaft. Sie selbst sind – nicht zuletzt bedingt durch ihre Heimat im Pielachtal – alle mit der Milchwirtschaft beschäftigt.

  • Bernhard Grassmann bewirtschaftet einen Bergbauernbetrieb mit Grünland und Waldwirtschaft samt 25 Milchkühen, den er vor drei Jahren von seinen Eltern übernommen hat.
  • Martin Pfeiffer hat 60 Milchkühe im Stall stehen, betreibt zusätzlich ein wenig Ackerbau und Waldwirtschaft, und wird den elterlichen Betrieb in ein paar Jahren übernehmen.
  • Markus König bewirtschaftet ebenfalls einen Grünlandbetrieb mit 30 bis 35 Milchkühen und dazu Holzwirtschaft und Fleischproduktion.
  • Michael Enne hat seinen typischen Bergbauernbetrieb vor etwa vier Jahren von seinen Eltern übernommen – mit Grünland und Wald sowie 20 Milchkühe. Den Wald nutzt er intensiv mit einem eigenen kleinen Sägewerk, verkauft Brennholz und vermarktet teilweise auch direkt; hauptsächlich Dirndlprodukte wie Schnaps, Marmeladen, Säfte und Most: Seit dem Vorjahr betreibt er gemeinsam mit zwei anderen Bauernfamilien in Kirchberg an der Pielach einen mittlerweile sehr erfolgreichen Bauernladen. Er ist unter den vier Freunden der einzige Bio-Bauer.

„Was ich so schätze an dem Bauernladen, ist die Nähe zu den Kunden und die zahlreichen Möglichkeiten ins Gespräch zu kommen. Die Menschen wollen eine Geschichte hören, die hinter dem Lebensmittel steht, das sie gerade kaufen. Wenn man dann erzählt, dass es gleich ein paar Kilometer weiter gewachsen ist und sie vielleicht sogar den Betrieb kennen, ist es nicht so schwer, das Zustandekommen eines vielleicht etwas höheren Preises zu erklären“, sagt Michael Enne. Es sei auch ihm und seinen Freunden klar, dass das Leben immer teurer wird und man dann halt oft zum Sonderangebot mit dem verlockenden Stückpreis greift. Am Ende lande aber oft die Hälfte dieses Einkaufs im Müll.

Nach fünf Monaten intensiver Arbeit für die Veranstaltung auf dem Wiener Heldenplatz sind sich die vier Idealisten einig, dass dies eine einmalige Aktion bleiben soll. Sie hoffen, dass ihre Aktion Kreise zieht und andere junge Landwirte ihrem Beispiel folgen. „Wir sind auch gerne unterstützend mit dabei, aber selber werden wir sowas wahrscheinlich nicht mehr in die Hand nehmen. Eigentlich wollen wir keinen Umschwung sondern einen Aufschwung!“