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Marketing

Almprodukte genießen und schützen

Patricia Schallert
am Montag, 09.05.2022 - 11:00

Österreich: Bergbauern brauchen höhere Einkommen. Mehr Wertschöpfung für ihre Produkte soll die Marke „Von der Alp/Alm“ bieten.

Leugher

Mit einer eigenen Marke den Verkauf ankurbeln und eine höhere Wertschöpfung erzielen. Dass das kein Luftschloss sein muss, zeigte ein Online-Veranstaltung der LK Vorarlberg. Dabei beschäftigten sich die Referenten mit der gewinnbringenden Vermarktung der Leistungen der Alpwirtschaft.

Den Stellenwert der Alpen für die Lebensqualität der Einheimischen und den Tourismus beleuchtete Theresa Mitterer-Leitner. Die Universitätsdozentin sieht Landwirtschaft und Fremdenverkehr eng verknüpft, beide Bereiche sind voneinander abhängig und beeinflussen sich wechselseitig. Wie in anderen alpinen Regionen wächst der Winter- und Sommertourismus auch in Vorarlberg stetig.
 

Alpprodukte auf den Tisch

Die Kulinarik spielt in Verbindung mit der Region eine tragende und steigende Rolle“, stellte Mitterer-Leitner fest. Regionale Spezialitäten und Lebensmittel von der Alp könnten ein Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal für die Gastronomie sein, außerdem sind sie ein beliebtes Souvenir.

Sowohl die Touristen als auch die Einheimischen legten zunehmend Wert auf eine hohe Lebensmittelqualität und nehmen dabei den Umwelt- und Klimaschutz, das Tierwohl und die gesunden Eigenschaften eines Produkts in den Blick.
Der Erfolg für die Vermarktung neuer Lebensmittel hänge von einer glaubwürdigen und ehrlichen Kommunikation dieser wahrgenommenen Vorteile ab. „Ein Alpprodukt ist aus touristischer Sicht eigentlich das Nonplusultra, das auf den Tisch kommen sollte.“

Immer weniger Vieh auf den Almen

DI Markus Fischer von der LK Österreich sprach über die Ideen und Ziele einer Vermarktungsinitiative für Alpprodukte. „Die österreichische Alpwirtschaft geht jährlich um rund ein Prozent zurück.“ Wurden 2010 noch 290 843 GVE gealpt, waren es 2020 nur mehr 262 775. Derselbe Trend ist auch bei den gealpten Milchkühen zu verzeichnen.

„Diese Entwicklung führt zu einer Verbuschung der Alpen, das ist für den Tourismus alles andere als optimal“, sage Fischer. Der Klimawandel fördert die Verbuschung zusätzlich. „Mittlerweile bräuchten wir mehr Tiere auf den Alpen und nicht weniger.“

Damit sich die Alpung wieder lohnt, müssten entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Öffentliche Gelder allein können den Rückgang der Alpwirtschaft nicht stoppen oder gar umkehren.“

Marketing für die Alpen und Almen

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So sei die Idee entstanden, durch ein bundesweites Label und ein einheitliches Marketing eine höhere Wertschöpfung für Alpprodukte zu erzielen. „Wo Alm/Alp drauf steht, muss aber auch Alm/Alp drin sein“, bekräftigte Fischer.

Leider werde der Begriff „Alm/Alp“ auf vielen Produkten häufig auch dann angeführt, wenn sie keinerlei Bezug zu Alm/Alp haben. Die Marke „Von der Alp/Alm“ soll deshalb durch ein Kontroll- und Herkunftssystem gesichert sein und damit Trittbrettfahrer immer mehr in Bedrängnis bringen.

„Wir brauchen volle Transparenz für den Kunden und beim Landwirt, um das Ziel einer höheren Wertschöpfung zu erreichen.“ Die „wahren“ und gekennzeichneten Alp-/Almprodukte sollen als Leuchtturmmarke in Österreich etabliert und diese Marke dann in die Strategie „Genussland Österreich“ eingebettet werden.

Eine weitere Professionalisierung der Vermarktung direkt und regional soll ebenfalls angestoßen werden. „Weil nicht alle Alpprodukte direkt vermarktet werden können, müssten sie zu sehr guten Preisen eventuell bundesweit in den Einzelhandel kommen.“
 

Vermarktungsinitiative „Von der Alp/Alm“

Die Almwirtschaft Österreich sei sich seit langem bewusst, dass die Vermarktung von Alm-/Alpprodukten Verbesserungspotenzial hat, räumte Fischer ein.

Durch verschiedene Arbeitsgruppen entstand 2018 eine Kooperation zwischen Almwirtschaft Österreich und der AMA Marketing, aus der das Modul „Alpmilch“ im AMA Gütesiegel hervorging. Produkte, die mit dem Logo „Von der Alp/Alm“ gekennzeichnet werden, müssen künftig 100 % Alpmilch enthalten.

Ende 2020 gab es laut Fischer ein klares politisches Bekenntnis und eine Finanzierungszusage durch die Landesagrarräte zu dieser bundesweiten Vermarktungsinitiative. Die AMA Marketing versprach ebenfalls finanzielle und organisatorische Unterstützung.

Größere Alpmilchabnehmer reagierten mit Blick auf die gesonderte Auslobung, Abholung und Vermarktung von Alpmilch eher zurückhaltend. Sie kritisierten die hohen Transportkosten und die Konkurrenz zu bestehenden Produktlinien. Außerdem bestand Uneinigkeit in der Frage, was als Alp-/Almprodukt gelten kann.

Potenzial für Fleisch

Das Forschungsprojekt „Almfleisch“, eine Kooperation von HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Almwirtschaft Österreich und AMA, kam zum Ergebnis, dass es auch im Almfleischbereich theoretisch ein gutes Vermarktungspotenzial gibt. Die Erkenntnis aus den Aktivitäten rund um die Marke „Von der Alp/Alm“ zeigen, dass eine breitangelegte bundesweite Vermarktungsinitiative für Alpprodukte derzeit (noch) nicht umsetzbar ist, weil die großen Player noch nicht zum Mitzumachen bereit seien.

Zentrale Bedeutung hätten nicht nur Strukturen auf lokaler, regionaler und Länderebene, sondern auch ein gemeinsames Bekenntnis zu Zielen und Kriterien.

Vorarlberg Alpwirtschaft in Zahlen

Für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe in Vorarlberg, vor allem für die in den Gebirgstälern ansässigen, spielt laut Josef Türtscher, Obmann des Vorarlberger Alpwirtschaftsvereins, die Alpwirtschaft eine unverzichtbare Rolle.

  • 515 Alpen werden bewirtschaftet, davon 260 Melkalpen, 130 besitzen eine eigene Sennerei.
  • 260 000 kg des traditionellen Alpkäses wurden 2021 als Spitzenware bonitiert.
  • 40 000 Tiere werden aktuell gealpt
  • 1000 Personen betreuen die alpen, rund die Hälfte davon sind familieneigene Arbeitskräfte.