Große Beutegreifer

Wolfsrisse: Mehr Hilfe bei Herdenschutzmaßnahmen gefordert

Wolf
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Dienstag, 23.11.2021 - 16:30

LBV und NABU warnen beim Thema Wolf vor Panikmache und Augenwischerei. Die Arbeitszeit für den Herdenschutz sollte gefördert werden.

Traunstein Im Freistaat galt der Wolf viele Jahre lang als ausgestorben. Doch nun ist er wieder zurück. Das zeigt sich auch an mehreren Rissen, die sich zuletzt insbesondere in Oberbayern und Franken ereignet haben. Im Landkreis Traunstein riss ein Wolf kürzlich fünf Schafe. Der örtliche Landrat Siegfried Walch (CSU) forderte, dass der Wolf abgeschossen werden soll.

Doch so einfach ist das nicht: Wölfe sind naturschutzrechtlich streng geschützt. „Sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten ist verboten“, heißt es von der Regierung von Oberbayern. Eine Ausnahme hiervon sei nur möglich, wenn es etwa „im Interesse der Gesundheit des Menschen und der öffentlichen Sicherheit“ oder „zur Abwendung ernster landwirtschaftlicher Schäden“ sei.

Grafik: Wolfsverursachte Nutztierschäden

Das Landratsamt Traunstein teilte dem Wochenblatt mit, dass eine entsprechende Erlaubnis zum Abschuss von Wölfen bei der Regierung von Oberbayern beantragt worden sei. Ein Nebeneinander von Almwirtschaften und Wolf sei nicht machbar, sagte der Landrat dem Wochenblatt. Zudem habe sich der Vorfall bereits im Bereich von Siedlungsstrukturen ereignet. Anders sieht es der Bund Naturschutz – und schießt gegen das Ansinnen des Landrats, den Wolf abzuschießen. Sollte es tatsächlich zu einer Genehmigung des Abschusses kommen, werde eine Klage dagegen geprüft werden, heißt es vom Bund Naturschutz.

Braucht es eine Entnahme? Und wie gefährlich wird der Wolf für den Menschen? Die NABU-Referentin für Wölfe und Beweidung, Marie Neuwald, und Dr. Andreas von Lindeiner, Landesfachbeauftragter Naturschutz beim LBV, beantworten im Interview aktuelle Frage rund um den Wolf und die aktuellen Wolfssichtungen.

Wochenblatt: Insbesondere in Oberbayern häuften sich zuletzt die Wolfsrisse. Der Verband der Forstberechtigten im Chiemgau hat nun einen Antrag auf Abschussgenehmigung des Wolfes gestellt. Ist das der richtige Weg?

Unseres Wissens waren zum Zeitpunkt des Risses die Schafe nicht auf als „unschützbar“ kategorisierten Flächen. In diesem Fall ist gemäß bayerischem Aktionsplan Wolf die Situation nicht gegeben, eine Entnahme zu erwirken. Die Förderung von Herdenschutzmaßnahmen ist im Landkreis Traunstein zu 100% möglich, sodass die Tierhalter ihre Tiere vor Ort gut schützen können. Für die Beratung hat Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber bei den ihr unterstellten AELFs eine Informationskampagne gestartet, um potenziell betroffene Tierhalter beim Aufbau und der Wartung der Zäune zu beraten.

Wochenblatt: Glauben Sie, dass dieser Antrag Erfolg haben und der Wolf zur Entnahme freigegeben wird?

Dem Antrag kann angesichts der Situation vor Ort aus Sicht des LBV nicht entsprochen werden, da die Kriterien für eine Entnahme nicht gegeben sind.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Bayerischen Landtag, Dr. Leopold Herz, sagt, dass der Freistaat nicht umhinkommen werde, den Wolfsbestand zu regulieren. Deshalb müsse der strenge Schutzstatus des Wolfs auf den Prüfstand gestellt werden.

Der Schutzstatus des Wolfes wurde vor nicht zu langer Zeit erst durch die EU überprüft und nicht verringert. Es scheint momentan nicht so, dass sich dies schnell ändern ließe. Aber selbst wenn eine Regulierung irgendwann einmal möglich und praktiziert werden würde: Von Herdenschutz entbindet dies dennoch nicht. Außer, es würden alle Wölfe in einem großen Gebiet geschossen. Wer etwas anderes behauptet, betreibt Augenwischerei und verschließt sich vor der Praxis. Wenn zum Beispiel über eine jährliche Quote ein gewisser Prozentsatz geschossen würde, verblieben dennoch einige Wölfe in der Region, die den Weidetieren gefährlich werden könnten. Insofern wird es nötig sein, dass sich die Betriebe mit etablierten Wolfsvorkommen konsequent mit den Möglichkeiten des Herdenschutzes auseinandersetzen. Hier sind auch die landwirtschaftlichen Verbände gefordert. Die von der Staatsregierung eingesetzte Weideschutzkommission überprüft derzeit sehr sorgfältig die Möglichkeiten des Herdenschutzes insbesondere im Gebirge. Die Naturschutzverbände sehen im Übrigen durchaus den erheblichen Aufwand, Herdenschutz zu betreiben und unterstützen die Forderung, nicht nur das Material, sondern auch die Arbeitszeit für Herdenschutz zu fördern.

Auf den digitalen Plattformen wird derzeit ein Video sehr eifrig geteilt, dass zeigt, wie ein Wolf in der Nacht über einen Hof in Oberbayern schleicht. Landwirte äußern sich besorgt. Sind die Angst und die nun aufkommende Diskussion um den Schutz des Wolfes gerechtfertigt?

Generell kommt es vor, dass Wölfe gerade nachts, wenn niemand unterwegs ist, auf ihren Wanderungen auch Siedlungen durchqueren. Aus verhaltensbiologischer Sicht ist das nichts Ungewöhnliches: In der Regel meiden Wölfe zwar Menschen an sich, aber nicht deren Infrastruktur. Das erklärt auch, warum Wölfe z.B. stehende Autos oder Traktoren nicht unbedingt mit Menschen assoziieren, bis sich diese tatsächlich z.B. durch Rufen zu erkennen geben. Für Wölfe sind z.B. Dorfstraßen eine effiziente Strecke, da sie hier energiesparender vorankommen als durch die Landschaft. Es ist dennoch wichtig, jede Sichtung den zuständigen Behörden zu melden, um gegebenenfalls auffällige Muster frühstmöglich zu bemerken und reagieren zu können. Sucht ein Wolf beispielsweise immer wieder den gleichen Ort auf, könnte es sein, dass er dort eine einfache Nahrungsquelle, wie Kompost oder Schlachtreste findet. Wie jedes andere Wildtier nimmt er diese gerne an - sie sollten also möglichst für Wildtiere unzugänglich gemacht werden.

Etwas außerhalb von Brannenburg im Kreis Rosenheim ist ein Wolf über die Hoffläche auf einem abgelegenen Weiler gelaufen. Die Aufnahmen einer Überwachungskamera verbreiteten sich auf den digitalen Plattformen. Hier sehen Sie das Video:

Der kanadische Biologe und Professor Valerius Geist hat ein Sieben-Stufen Modell zum Wolf aufgestellt. In einigen Bereichen Deutschlands könnte schon Stufe vier erreicht sein, die laut Geist auftritt, dass Wölfe in Gärten und Terrassen ohne Scheu kommen. Bei Stufe Sieben haben die Wölfe nach dem Modell die Scheu vor dem Menschen verloren.

Tatsächlich halten wir von diesem Modell gar nichts. Vor allem wie es medial dargestellt wird, ist die reine Panikmache. Knackpunkt in der Koexistenz mit Wölfen in Deutschland ist der Herdenschutz, nicht die mangelnde Distanz von Wölfen zu Menschen. Seit es hier wieder Wölfe gibt, gab es keinen einzigen Wolf, der sich offen aggressiv gegenüber Menschen gezeigt hat. Bei einem Wolf, der sich Menschen immer wieder (unaggressiv) genähert und letztendlich einen Hund gebissen hat, wurde umgehend reagiert und der Wolf geschossen (2016 in Niedersachsen). Hier besteht die Vermutung, dass er als Welpe angefüttert wurde. Deshalb auch klare Verhaltensregel: Keine Wölfe (sowie andere Wildtiere) anfüttern! Die Sicherheit des Menschen steht immer an erster Stelle. Auch deshalb noch einmal: Jede Sichtung soll den Behörden gemeldet werden. Dass Wölfen menschliche Infrastruktur nutzen bzw. nicht meiden ist an sich kein Indiz für einen Angriff - sollte sich ein Verhaltensmuster ergeben, muss dieses untersucht und eventuell reagiert werden. Hierfür gibt es ausreichend rechtliche Möglichkeiten im Naturschutzrecht, auch bei streng geschützten Arten.

Der NABU betont stets, dass die Sicherheit des Menschen immer an erster Stelle stehe und im Notfall auch der Abschuss eines auffälligen Wolfes gerechtfertigt sei. Für wie wahrscheinlich bewerten Sie die Gefahr, dass es in Deutschland zu Wolfsangriffe auf Menschen kommen könnte?

Im April diesen Jahres kam eine norwegische Studie zu der Erkenntnis, dass auch obwohl seit dem Jahr 2000 es wieder mehr Wölfe in Europa gibt, die Wahrscheinlichkeit für einen Angriff äußerst gering ist. Komplett ausgeschlossen werden kann ein Übergriff nicht, genauso wenig für andere Wild-, Nutz- oder Haustiere - aber es ist unwahrscheinlich.

Dr. Andreas von Lindeiner

In Europa und Nordamerika kam es zwischen 2002 und 2020 zu insgesamt zu 14 Übergriffen von Wölfen, von denen 2 (beide in Nordamerika) tödlich endeten. In so gut wie allen Fällen war vorher schon ein auffälliges Verhalten bemerkt worden - deshalb ist ein aktives Wolfsmonitoring so wichtig. Ein wichtiger Punkt für das sogar gesunkene Risiko eines Wolfsangriffs im Vergleich zum 20. Jahrhundert ist die Ausrottung der Tollwut in weiten Teilen Europas und Nordamerikas. In Regionen der Welt, wo die Tollwut noch verbreitet ist, kommen Übergriffe häufiger vor - wenn auch dort das Risiko von einem infizierten Hund gebissen zu werden, um ein Vielfaches höher ist. Ich verstehe jeden, der sich erst einmal unsicher fühlt, wenn Wölfe wieder neu in eine Region kommen. Am wichtigsten ist, dass man weiß, wie man sich bei einem Zusammentreffen mit einem Wolf, aber auch anderen Wildtieren, verhalten soll. Das wichtigste ist, Ruhe zu bewahren, und dem Wolf die Möglichkeit zu geben, sich von alleine zurückzuziehen. Nicht versuchen zu streicheln oder zu füttern, oder ein Foto mit dem Wolf zu machen - es gibt die verrücktesten Sachen.

Es werden immer wieder Herdenschutzmaßnahmen mit Zäunen und Herdenschutzhunden gefordert. Das verursacht Kosten und könnte auch dem Tourismus schaden.

Die Kosten für Herdenschutzmaßnahmen, gerade für den Unterhalt und die Wartung, dürfen nicht verschwiegen und stillschweigend an die Tierhalter weitergegeben werden. In den letzten Jahren gab es große Fortschritte im Förderrecht für Herdenschutz, z.B. dass mit Notifizierung durch die EU eine 100%ige Übernahme der Kosten ermöglicht wird. Für Herdenschutz gibt es nicht die eine Empfehlung, die für alle passt, dafür sind die Weiden, Tierarten und Betriebsstrukturen zu unterschiedlich. In den Alpen sehe ich Herausforderungen auch für den Tourismus, z.B. in der Kommunikation von Herdenschutzhunden - vor allem im richtigen Verhalten ihnen gegenüber. Hier kann man sich gut an Nachbarländern wie der Schweiz oder Frankreich orientieren, die schon länger Erfahrungen in diesem Bereich aufweisen. Bisher kennen wir keine Regionen, in denen die Anwesenheit von Wölfen den Tourismus nachhaltig geschadet hat. Es gibt sogar eine Art "Wolfstourismus", in der Touren angeboten werden und Leute extra deshalb kommen.

Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst weiterhin stetig an. Gibt es eine Anzahl oder Obergrenze, ab der aus Ihrer Sicht der Abschuss von Wölfen gerechtfertigt ist und auch der strenge Schutzstatus aufgehoben werden sollte?

Hier mit Individuenzahlen zu argumentieren, halten wir nicht für sinnvoll. Es ist auch davon auszugehen, dass das Wachstum der Population in den nächsten Jahren noch anhalten wird, doch es ist damit zu rechnen, dass es abflacht, je mehr passende Lebensräume besetzt sind.

Marie Neuwald

Hierzu ist wichtig zu betonen: Es wird nicht dazu kommen, dass irgendwann „hinter jedem Baum“ ein Wolf stehen wird. Wölfe sind territoriale Tiere, die im Rudel, d.h. im Familienverband von durchschnittlich acht Tieren, ein großes Revier von ca. 200 km² besetzen. Fremde Wölfe werden aus diesem Territorium vehement ferngehalten. Der Nachwuchs wandert mit der Geschlechtsreife ab - d.h. die Zahl der Wölfe im Revier bleibt ungefähr konstant. Es wird in Zukunft also sicherlich mehr Regionen mit Wölfen geben. Aber nicht enorm viele Wölfe auf kleiner Fläche. Eine Analogie zu zum Beispiel Wildschweinen oder Rothirschen, deren Bestände jagdlich gemanagt werden müssen, weil die Bestandsdichte in bestimmten Gebieten erheblich zunimmt, ist nicht gegeben und somit auch keine Notwendigkeit der Regulierung.

Zu den Personen

Marie Neuwald ist NABU-Referentin für Wölfe und Beweidung und seit knapp sieben Jahren beim NABU Bundesverband mit dem Thema Wölfe beschäftigt. Sie steht im Austausch mit Wissenschaft, Politik und allen betroffenen Gruppen, insbesondere den Weidetierhaltenden.

Dr. Andreas von Lindeiner ist Landesfachbeauftragter Naturschutz beim LBV. Seit 2006 gehört er der landesweiten AG für Große Beutegreifer in Bayern an, beteiligt sich an der Erarbeitung der Managementpläne für Wolf und Luchs und ist beim LBV zuständig für den LBV-AK Große Beutegreifer und den Ausgleichsfonds für Weidetier- und Wildgatter-Risse.