Weidehaltung

Wolfsriss: „Das habe ich kommen sehen!“

Max Riesberg
Max Riesberg
am Freitag, 04.12.2020 - 06:15

Wildhaltervorstand Max Weichenrieder spricht im Wochenblatt-Interview über die Auswirkungen des Wolfsdilemmas für die Weidetierhalter und Gatterbetreiber.

Wochenblatt: Inzwischen werden mit dem aktuellen Rissgeschehen bei Freising, aus 18 Landkreisen im Freistaat Bayern sogenannte C1-Nachweise von Wölfen bestätigt. In sieben Regionen gilt der Wolf bereits als standorttreu. Wie beurteilen sie die aktuelle Lage?

Wildtierhalter

Weichenrieder: Diese Entwicklung in Bayern habe ich kommen sehen, da muss man kein Hellseher sein, sondern nur 1 und 1 zusammenzählen können oder wollen. Viele sehen leider im Wolf immer noch ein „Kuscheltier“. Die gravierende Situation der Weidetierhalter ist dabei anscheinend zweitrangig, von unsäglichem Leid unserer Tiere, wenn ihnen lebendig der Bauch aufgerissen wird, gar nicht zu sprechen. Die Umweltpolitiker verstecken sich hinter der FFH-Regelung, obwohl es längst an der Zeit wäre endlich in Brüssel vorstellig zu werden, um einen geringeren Schutzstatus speziell des Wolfes zu erwirken.

Die rasante Entwicklung der Population gibt das Gebot der Stunde deutlich vor. Es grenzt an Hohn für unsere Weidetiehaltern, wenn auf der einen Seite über artgerechte Tierhaltung diskutiert wird, immer mehr Auflagen gemacht werden und sogar Förderprogramme mit Steuergeldern finanziert werden und auf der anderen Seite lässt man es zu, dass sich die Wolfsbestände derart vermehren, dass eine flächendeckende Weidewirtschaft nicht mehr möglich ist.

Wochenblatt: Und auch im Winter gibt es jetzt keine Ruhe von diesem Problem für die Tierhalter?
Weichenrieder: Der Wolf ist und bleibt ein Großraubtier. Er frisst weder Gras noch wird er den Winter über zum Vegetarier. Er wird immer dort Beute machen, wo es ihm leichter fällt und das ist nun mal bei unseren Nutztieren der Fall. Dazu kommt er auch an besiedeltes Gebiet heran.
Wochenblatt: Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten Wildrudel bzw. Weidevieh effektiv vor großen Beutegreifern zu schützen?
Weichenrieder: Weder die Wildrudel in unseren Gattern, noch das Weidevieh sind effektiv vor großen Beutegreifern zu schützen. Das zeigen auch die langjährigen Erfahrungen aus Nord- und Ostdeutschland. Letztendlich werden sich bei allen technischen Möglichkeiten die Wolfsübergriffe dorthin verlagern, wo präventive Schutzmaßnahmen überhaupt nicht umsetzbar sind. Das trifft vor allem auf den Süden der Republik zu, wo es strukturell viele kleine Weidebetriebe oder Hobbytierhalter gibt. Die haben oft keine Chance, diese Maßnahmen umzusetzen.
Wochenblatt: Was fordern Sie konkret von den politischen Entscheidungsträgern?
Weichenrieder: Der Wolf als Großraubtier ist nicht mit anderen naturschutzfachlich streng geschützten Arten vergleichbar. Deshalb muss der Schutz von Mensch und Tier über dem Schutz der Wölfe stehen. Der Schutzstatus in den FFH-Regularien gehört endlich von Anhang IV in Anhang V umgestuft, so wie es in einigen anderen europäischen Staaten bereits gehandhabt wird. Wir brauchen endlich eine Festlegung, ab welchen Bestandszahlen in Deutschland die Population als gesichert gilt. Und letztlich soll uns der bayerische Umweltminister Glauber und sein Chef Ministerpräsident Söder klar sagen, ob sie eine Entwicklung zulassen wollen, deren Ergebnis den nicht mehr zumutbaren Zuständen in Nord- und Ostdeutschland gleicht.
Wochenblatt: Kann hier ein Schulterschluss innerhalb der EU langfristig überhaupt gelingen?
Weichenrieder: So traurig es ist, aber dass politische Hickhack wird sich auch im kommenden Jahr fortsetzen. Das zeigt das Resümee aus der letzten Konferenz der Umweltminister. Man könnte vermuten, dass man den Umweltverbänden, die immer wieder mit der Spendenbüchse scheppern, beim Schutz der Wölfe näher steht, als den besorgten Bauernfamilien, die mit ihrem Weidevieh unsere einzigartigen Kulturlandschaft erhalten. Wenn die Bauern hier wegfallen, wer soll dann diese Arbeit übernehmen und zu welchem Preis?