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75. Almbauerntag

Wolf ist Untergang der Almwirtschaft

Geehrt für ihre Verdienste um die Alm: (v. l.) Katharina Grill verbrachte schon 15 Sommer auf der Kallbrunnalm. Oskar Wallner ist seit 10 Sommer auf der Lattenbergalm. Geehrt für fünf Almsommer wurden Monika Sachenbacher (Schwarzbach- u. Anthauptenalm), Anna Helminger (Mordaualm) und Johannes Ganslmaier (Kallbrunnalm). Miteinander bringen die fünf 45 Jahre Almwirtschaft zusammen.
Kilian Pfeiffer
am Mittwoch, 26.10.2022 - 09:23

Der Wolf ist und bleibt bestimmendes Thema unter den Almbauern – so auch beim 75. Berchtesgadener Almbauernjahrtag am Sonntag in Schönau.

Schönau am Königssee/Lks. Berchtesgadener Land  - „Wenn der Schutzstatus des Wolfs nicht bald fällt, bedeutet das den Untergang der Almwirtschaft”, sagte Bezirksalmbauer Kaspar Stangassinger im Gasthaus Unterstein. Rund 300 Almleute und Ehrengäste waren gekommen, darunter erstmals Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Eine besorgniserregende Nachricht überbrachte Alfons Osenstätter, Almfachberater am AELF Traunstein. Lediglich 1759 Rinder seien dieses Jahr im Berchtesgadener Land aufgetrieben worden, rund 120 weniger als 2021. Trägt der Wolf Schuld, dass die Almbauern ihre Rinder im Tal gelassen haben? Über die Gründe wusste Osenstätter nicht bescheid. „Ich hoffe nicht, dass das etwas mit dem Wolf zu tun hat“, sagte er. Schließlich würden die Tiere oben am Berg gebraucht.

Weideschutzzonen noch nicht in Sicht

Neben 266 Milchkühen haben auch 230 Schafe und Ziegen sowie neun Pferde den Almsommer in der alpinen Region verbracht. 17 Todesfälle gab es insgesamt, sieben Tiere stürzten ab. Der Wolf war an keinem Ableben beteiligt. Erst kürzlich war in Schneizlreuth jedoch eine Hirschkuh durch einen Wolf nach einer DNA-Analyse seitens LfU bestätigt worden.

Michaela Kaniber untermauerte die schon seit Monaten immer wieder geäußerte Forderung, den Schutzstatus des Wolfes auf EU-Ebene abzusenken. Die zum Almsommer versprochenen „großräumigen Weideschutzzonen“ – deren Bearbeitung dauert an – sollen gleichzeitig eine schnellere Entnahme ermöglichen. Daran führt für die Almbauern kein Weg vorbei. Herdenschutzhunde und Schutzzäune seien jedenfalls nicht das Allheilmittel, als das sie angepriesen würden, sagte Bezirksalmbauer Kaspar Stangassinger. Kaniber zufolge bräuchte man in der Alpenregion 47400 km Zaun, mehr als einmal um den Erdball. Die Kosten dafür: eine halbe Milliarde Euro.

„Dem Wolf zuzuschauen, wie er näher zu den Häusern kommt, das können wir nicht tun”, sagte Schönaus Bürgermeister Hannes Rasp. Er stellte sich hinter die Almbauern: Auch ohne Zäune und Herdenschutzhunde müssten Weidetiere auf den Almen den Sommer über bleiben können. Für Josef Glatz, den Vorsitzenden des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO), steht fest: „Wenn Wölfe, oder auch Hunde, unseren Viechern schaden, müssen wir uns endlich wehren können.“ Wer den Wolf sehen wolle, solle „in den Tierpark gehen”. Bauern hätten gelernt, mit der Natur zu leben. Einschränkungen und Bevormundungen von außen brauche keiner, vor allem nicht die Jungen, die sich künftig um die Almwirtschaft kümmern würden. „Gebt uns endlich wieder mehr Freiheiten”, forderte Glatz. Die Almbauern wüssten was zu tun ist, denn „nur wenn es den Viechern gut geht, geben sie gute Milch und Fleisch“.

Wahnsinn der Bürokratie macht vor dem Berg nicht Halt

Nicht nur der Wolf setzt den Almbauern zu, sondern auch grassierende Auflagen und Vorschriften in anderen Bereichen. „Die Almleute werden zu Sklaven unserer Bürokraten”, schimpfte Bezirksalmbauer Stangassinger. Sie seien für die Pflege der Kulturlandschaft, das „prägende Element der Berchtesgadener Alpen”, verantwortlich. Doch davor mache „der Wahnsinn der Bürokratie“ keinen Halt. Hier hakte Michaela Kaniber ein. Sie sei dieses Jahr während des Sommerurlaubs bewusst nicht weggefahren. „Ich wollte unsere Almen besuchen und mit den Menschen sprechen.” Geschimpft worden sei sie am Berg von keinem. Nicht alle der 300 Anwesenden wollten das glauben und bekundeten die Aussage mit verhaltenem Lachen.

„Ich kann euch nicht versprechen, dass der bürokratische Aufwand abnimmt”, sagte Kaniber. Sie habe aber auch gute Nachrichten mitgebracht: „Die Sommertierhaltung ist finanziell besser gestellt, für Junglandwirte haben wir die Prämien verdreifacht”, berichtete sie. Bewirtschaftete Almen sollen künftig finanziell besser ausgestattet werden, „unabhängig ob erschlossen oder nicht“. Die meisten Bergbauernbetriebe dürften laut Kaniber von GAP und KULAP profitieren. „Viele Zuschläge und Förderungen wurden erhöht.”

Dank und Anerkennung zollte den Almleuten Landrat Bernhard Kern, Die Bewirtschaftung und Pflege der Almen sei notwendig. Schließlich komme sie „auch der Attraktivität der Landschaft für Touristen zugute”. Wie Kaspar Stangassinger mitteilte, sind während der vergangenen 75 Jahre insgesamt 250 Almen verschwunden.

Ehrung der Almleute

Beim 75. Berchtesgadener Almbauernjahrtag am Sonntag in Schönau am Königssee wurden auch wieder Almleute für ihre Verdienste um Vieh und Kulturlandschaft geehrt.

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Landrat Bernhard Kern zeichneten fünf Frauen und Männer aus: Katharina Grill verbrachte nun schon ihren 15. Almsommer auf der Kallbrunnalm. Oskar Wallner (10 Jahre, Lattenbergalm) und jeweils 5 Jahre können Monika Sachenbacher (Schwarzbach- und Anthauptenalm), Anna Helminger (Mordaualm) und Johannes Ganslmaier (Kallbrunnalm) vorweisen.