Weidehaltung

Wolf: Nun läuft es aus dem Ruder

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Max Riesberg Portrait
Max Riesberg
am Freitag, 07.08.2020 - 13:30

Die Wolfsrisse in Bayern häufen sich. Vor allem Schafe sind betroffen. Joseph Grasegger, der Vorstand der bayerischen Schafhalter und der Weidegenossenschaft Partenkirchen, sieht die Bauern im Stich gelassen.

Auf einen Blick

Bauern und Almpersonal sind verunsichert

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Jetzt haben wir den Schlamassel“, sagt Joseph Grasegger, Chef der Weidegenossenschaft Partenkirchen und Vorstand des Landesverbands der Bayerischen Schafhalter. Besorgt trifft er sich mit den Hirten der Esterbergalm im Landkreis Garmisch-Partenkirchen zum Meinungsaustausch und zur Lagebesprechung. „Die Bauern und das Almpersonal in der Region sind nach den jüngsten Ereignissen höchst verunsichert“, sagt Grasegger besorgt. Diese Entwicklung war aus seiner Sicht lange vorherzusehen. Seit einer Woche gehört der Markt Garmisch-Partenkirchen und seine Nachbargemeinden offiziell zur sogenannten Wolfskulisse.

Vorausgegangen waren dieser tiefgreifenden Maßnahme Wolfsrisse nahe einer Hofstelle in Hintergraseck. Fünf Schafe fielen hier dem Wolf zum Opfer. „Vier waren gleich tot. Eines hat noch gelebt und musste von seinem Leid erlöst werden“, sagt Grassegger ernst und erinnert sich an die grausamen Rissbilder. Unter anderem in den Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Weilheim-Schongau, Bad Tölz, Aichach und dem Allgäu seien Wolfssichtungen von Wildtierkameras aufgezeichnet worden. 14 offizielle Wolfsnachweise seien es insgesamt allein in den vergangenen drei Monaten gewesen.

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„Die Sache läuft jetzt aus dem Ruder. Auch wenn wir im Vergleich zu anderen Bundesländern noch relativ gut dran sind. Aber dort ist auch die Besiedelungs- und Nutzungsstruktur eine vollkommen andere“, sagt Grasegger. „Wir wurden zwar nun auch zur Förderkulisse erklärt wie zuvor Traunstein und nach uns Aichach. Nur bringt uns das beim Kernproblem nicht wirklich weiter“, macht der Schafzüchter und Mutterkuhhalter deutlich.

Zuschüsse für Wolfszäune sowie Herdenschutzhunde (ab 50 Schafe) könnten demnach beantragt werden, um in spätestens einem Jahr im Falle eines Wolfsrisses überhaupt noch vom Staat entschädigt zu werden, „doch mit der Praxis hat das nichts zu tun“, so Grasegger wütend. Allein im Landkreis Garmisch brauche man seiner Schätzung zufolge 360 km Zaun, um die Almen gegen den Wolf aufzurüsten. Gerade die Schafe ziehen weit hinauf in die Felsregionen, sogar bis auf das Zugspitzplatt. „Da lassen sich keine Zäune mehr aufstellen.“

Weideschutzzonen in großem Rahmen

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Ein bereits unter Beteiligung der LfL erstelltes sowie unter den Berg-bauern und Almerern bestens bekanntes Gutachten im Bezug auf die „Schützbarkeit der Weideflächen“ besagt, dass höchstens zehn Prozent der Weideflächen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen überhaupt schützbar wären. Dieses wertvolle Papier scheint in irgendeiner Schublade der zuständigen Behörde verschütt gegangen zu sein. Man habe Umweltminister Glauber bereits gebeten, der Sache auf den Grund zu gehen. Denn die Zeit drängt.

Was der Vorsitzende der bayerischen Schafhalter fordert, sind Weideschutzzonen in weitem Rahmen und nicht nur auf den Alpenraum beschränkt, sondern praxisorientiert auf ganz Bayern ausgelegt. Solange auch die rechtliche Grundlage für eine gezielte Entnahme der Wölfe fehle, vermehren und verbreiten sich die Tiere weiter unkontrolliert und die Landwirtschaft habe das Nachsehen.

Andere Länder entnehmen Tiere

In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien oder der Schweiz gehe es schließlich auch Tiere, die Probleme machen, zu entnehmen. Hier habe man sich eigene Bestandsobergrenzen für die Wolfspopulation gesetzt. „Der Wolf muss ins Jagdrecht“, fordert Grasegger daher weiter. Auch brauche es seiner Meinung nach bestimmte, privilegierte Personen, die den Abschuss tätigen dürfen, zum Beispiel aus einer bestimmten Organisation. „Denn wenn das irgendein Jäger machen soll, dann ist der gesellschaftliche oder mediale Druck auf diese Personen einfach zu extrem“, prognostiziert er Hetzkampagnen von Seiten militanter Tierschützer.

Die Folgen der unkontrollierten Wolfsausbreitung gehen für Grasegger aber noch weiter: „Der Herdenschutz ist nur ein System auf Zeit.“ Das hätten schon viele Erfahrungen der Weidewirtschaft in Nachbarländern gezeigt. Denn der Wolf sei „alles andere als ein dummer Jäger.“ „Der schaut es sich ab, wenn Hütehunde über Zäune springen, um Herden zusammenzutreiben. Der geht im Rudel auch auf Herdenschutzhunde los und bringt sie um. Der geht zunächst auf weniger geschützte Herden los, eh er sich dann auch an den Tieren in Hofnähe vergeht. Irgendwann hat es jeder raus“, ist sich Grasegger sicher. Auch für den Tourismus im Alpenraum sieht er ein enormes Konfliktpotenzial durch die Ansiedlung bzw. Ausbreitung des Wolfes und den geforderten Schutzmaßnahmen. Denn Herdenschutzhunde sind scharf und auch die könne man nicht 24 Stunden überwachen. „Bei der wachsenden Unvernunft der Freizeit- und Fun-Gesellschaft eine tickende Zeitbombe. Schwere Unfälle sind da vorprogrammiert“, ist der Almvorstand überzeugt.

Naturnaher Kreislauf der Region in Gefahr

Die Almen wieder zu verlassen, wie es beispielsweise Österreichische Schafhalter diesen Sommer schon gemacht haben, ist für ihn keine Option. „Wir brauchen einfach die Futtergrundlage am Berg um unsere Talbetriebe zu entlasten“, schildert er. Auch im Zuge der neuen Düngeverordnung müsse man heute stärker als je zuvor darauf schauen, wie man mit der anfallenden Gülle und dem Mist hinkomme. „Bei unserer kleinstrukturierten und über Generationen gewachsenen Bewirtschaftungsweise war das bislang kein Problem. Im Gegenteil, wir haben das geschaffen, was Tausende Menschen so lieben, nämlich unsere einzigartige Kulturlandschaft.“ Aber dieses wertvolle Kreislaufsystem sehen Grasegger und viele seiner Mitstreiter nun ernsthaft in Gefahr, so auch die Almerer der Esterbergalm.

Sogar das Verhalten der Tiere auf den Weiden ändere sich seit der Rückkehr der großen Beutegreifer nachhaltig. „Wir wissen ja nicht was sich alles auf den Weiden tut, wenn es dunkel wird. Die Tiere sind, wenn sie Eindringlinge spüren und beispielsweise noch ihre Jungen schützen müssen, immer in Habacht-Stellung. Dann fressen sie auch weniger und unter Umständen bricht sogar Panik aus, mit unvorstellbaren Folgen“, betont Grasegger besorgt und weist auf viele ungeklärte Haftungsfragen hin. Nicht auszumalen, wenn Menschen zu Schaden kommen würden. Beim Wolf scheinen das einige hingegen billigend in Kauf zu nehmen.

Herdenschutz: Was wird gefördert?

Mit der Förderrichtlinie „Investition Herdenschutz Wolf“ fördert der Freistaat Bayern Investitionen zum Schutz von Nutztieren vor Übergriffen durch Wölfe. Dadurch soll bei Haltern von Nutztieren die Akzeptanz für wildlebende Wölfe in Bayern möglichst gesteigert werden. Die Weidetierhaltung als besonders tierwohlgerechte Form der Nutztierhaltung ist aus naturschutzfachlichen, landeskulturellen und sozioökonomischen Gründen für den Erhalt unserer Kulturlandschaften unverzichtbar. Die Zuwendung zielt darauf ab, die Zahl der Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere möglichst gering zu halten, sodass die betreffenden Tierhalter die Möglichkeit erhalten, die Weidetierhaltung bei gleichzeitiger Existenz wildlebender heimischer Wölfe auch weiterhin zu betreiben. Gefördert werden folgende Investitionen:

  • Mobile Elektrozäune und elektrifizierte Festzäune,
  • Mobile Ställe (nur für Schafe und Ziegen),
  • Herdenschutzhunde (Das Beantragen einer Förderung dafür ist derzeit noch nicht möglich).

Weitere Infos und Anträge gibt es unter: www.stmelf.bayern.de/agrarpolitik/foerderung/244077/