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Versammlung

Wolf: Almbauern fordern Handeln

Christiane Giesen
am Freitag, 20.05.2022 - 07:00

Forstberechtigte im Chiemgau führen erhitzte Diskussionen über Umgang mit dem Wolf.

Wolf

Hoch emotional entwickelte sich die eigentlich nicht auf der Tagesordnung vorgesehene Debatte über den Wolf bei der Jahreshauptversammlung des Verbandes der Forstberechtigten im Chiemgau. Nach über zwei Jahren Corona-Pause hatte der Vorsitzende, Traunsteins Landrat Siegfried Walch, wieder ins Hotel Zur Post in Ruhpolding eingeladen.

Rund 200 Verbandsmitglieder von Miesbach bis Berchtesgaden waren gekommen und zeigten, wie schwer das Thema Wolf die Almbauern, Waldbesitzer und deren Familien belastet.

„Der Wolf ist ein Mörder. Mörder kann man nicht frei herumlaufen lassen“, sagte etwa Martin Fendt, Almbauer aus Bischofswiesen. Das Leid der Familien, deren Tiere gerissen würden, könne sich keiner vorstellen. „Der Wolf muss von Profis gejagt werden“, forderte Fendt und war mit dieser Forderung an dem Abend nicht allein.

Ministerin Kaniber für Bestandsanpassung

Zahlreiche Repräsentanten aus Politik und Forst, Behörden und Vereine waren anwesend, darunter auch der frühere Landtagspräsident Alois Glück, Berchtesgadens Landrat Bernhard Kern sowie die Leiter der Forstbetriebe Ruhpolding Paul Höglmüller und Berchtesgaden Armin Haberl.

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber sagte zwei Stunden vor Beginn ab. Ihr Grußwort an die 800 Forstberechtigten, die der Verband insgesamt zählt, verlas der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner: Darin sprach sich die Ministerin dafür aus, dass der „Wolfsbestand an die Almwirtschaft angepasst“ werden müsse. Rudelbildung sei unbedingt zu vermeiden, zu viele Wölfe in der Region könnten das Ende der Almwirtschaft bedeuten.

Diese Einschätzung stützte Klaus Steiner. Er selbst komme gerade aus „schwerem Gefecht“ um das Thema Wolf im Landtag. Niemand wolle den Wolf ausrotten, aber es gäbe Regionen, etwa in den Bereichen der Almwirtschaft, wo er keinen adäquaten Lebensraum habe. Die Koexistenz von Wolf und Almwirtschaft, die Tierschützer oft fordern, sei erfahrungsgemäß unmöglich.

„Das Gesicht unserer Kultur ist in Gefahr“

Siegfried Walch gab seiner Überzeugung Ausdruck, der Wolf gehöre nicht in die Alpenregion. Im Winter hatte er im Namen der Forstberechtigten den Antrag auf Entnahme des Wolfes „GW2425m“ bei der Regierung von Oberbayern gestellt. „Das hat dann ein Auto erledigt“, so Walch – letztlich war der Wolf in Tschechien überfahren worden, nachdem er im südöstlichen Alpenraum mehrere Nutztiere gerissen hatte.

Das Thema bleibe aber dennoch akut. Die Kulturlandschaft werde von den Bauern gepflegt, sagte Walch. „Wir sind kein Freilichtmuseum. Wir haben viele von Familien geführte Betriebe, die die Almen bewirtschaften.“ Ohne sie sei das „Gesicht unserer Kultur“ in Gefahr.

BBV-Kreisobmann Sebastian Siglreithmeier sagte, die Leute müssten dringend besser über den Wolf informiert werden. Er rief die Bauern auf, sich dafür zusammenzutun. Es gebe ohnehin nur noch wenige Landwirte im Haupterwerb. Die Nebenerwerbslandwirte würden einer nach dem anderen hinschmeißen, wenn zu den übrigen Belastungen auch noch die Bedrohung durch den Wolf komme.

Viele der Anwesenden hatten in der Woche zuvor den Vortrag des Biologen Marcel Züger zum Thema „Wölfe in der Schweiz“ gehört. Züger hält es für notwendig, den Wolfsbestand strickt zu begrenzen, um die Berglandwirtschaft in Oberbayern, Österreich, Südtirol und der Schweiz zu erhalten.

Die geforderte Bestandsregulierung sei politisch nur deshalb so schwierig, meinte Franz Kuchlbauer von der Mordaualm in Berchtesgaden, weil von 2 Mio. bayerischen Bürgern nur 2 % Bauern seien, daher keine Mehrheit. „Wir brauchen den Rückhalt in der Politik“, forderte er. „Wenn die Heimat stirbt, stirbt auch der Tourismus und unsere Lebensgrundlage.“

Andreas Aigner, Naderbauer aus Marquartstein, der eine Recht- und Eigentumsalm auf der Weidenau auf 1070 m Höhe bewirtschaftet und 85 Rinder hat, berichtete von der Angst seiner Familie vor dem Wolf, vor allem seiner vier Kinder. „Was ist mit den Waldkindergärten?“ Bei anderen Bedrohungen würde im Rechtssystem alles möglich gemacht, aber beim Wolf? „Wo samma denn?“ Er wünsche sich, dass „mal ein Dackel oder eine Katz am besten von einem Rechtsanwalt“ von einem Wolf gefressen würde, dann wär was los...