Jagdpolitik

Wald vor Wild: Politik in der Pflicht

Waldorientierte Jagd
Paul Kannamüller
am Dienstag, 08.10.2019 - 14:10

Die Forstwirtschaftliche Vereinigung und Jagdgenossenschaften verabschieden ein Positionspapier und fordern eine waldorientierte Jagd.

An einem „Scheideweg“ sieht der Forstverein Oberbayern (FV) die hiesigen Wälder. Zunehmende Wetterextreme belasteten das Ökosystem Wald nachhaltig, weshalb nun zukunftsfähige und klimatolerante Bestände anzustreben seien. Der notwendige Waldumbau könne aber nur gelingen, wenn die Jagd waldorientiert ausgeübt wird, sagte FV-Vorsitzender Josef Denk im Rahmen einer Exkursion in Weichs im Landkreis Dachau, der mit einem Baumbestand von 25 % zu den waldärmeren Regionen Oberbayerns zählt.

Verbissschäden noch immer zu hoch

Waldumbau

Noch immer seien die Verbissschäden viel zu hoch, die Wildschadensituation sei alles andere als zufriedenstellend, betonte Denk, der im Aufbau von stabilen Mischwäldern eine große Herausforderung für die gesamte Gesellschaft sieht. Mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung von Forstwirtschaftlicher Vereinigung Oberbayern und der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften Oberbayern sollen nun Politik und zuständige Behörden in die Pflicht genommen werden, wie es hieß.
Ein ungewöhnliches Bild bot sich den Exkursionsteilnehmern beim Betreten des etwa 80 Jahre alten Mischwaldbestandes bei Weichs. Junge Tannen und kleine Eichen waren mit bunten Schleifchen gekennzeichnet, damit man besser sieht, wie sich unter dem alten Baumbestand allmählich auf natürliche Weise eine Vielfalt an Baumarten breit macht. Mit dabei auch Vorsitzender Georg Rottmeir von der Jagdgenossenschaft Weichs, mit fast 1500 ha bejagbarer Fläche die größte im Landkreis Dachau.

Jagdpächter haben versagt

Verbissschäden

Noch bis vor vier Jahren war das Revier an drei Jäger verpachtet, die jedoch die Vorgaben nicht erfüllten, sodass sich die Jagdgenossen schließlich bei einer Abstimmung mit einer Zweidrittelmehrheit für eine Eigenbewirtschaftung entschieden. „Selten fühlte sich ein Jäger bei zu starkem Wildverbiss verantwortlich, sodass wir uns zu diesem Schritt entschieden haben“, erklärte Rottmeir. Und was eine sogenannte „waldorientierte“ Jagd bereits nach wenigen Jahren bewirken kann, das ließe sich hier schön besichtigen.

Die Vorgaben an die Jagdpächter waren seinerzeit klar: Die Jagd war so auszurichten, dass der Waldbau ohne aufwändige Schutzmaßnahmen möglich sei. Nach einigen Jahren fiel den Verpächtern jedoch auf, dass an der Waldverjüngung keine wesentlichen Veränderungen zu sehen waren – und dies auch durch das Vegetationsgutachten bestätigt wurde. Die Zeit war also laut Rottmeir reif, eine „grundsätzliche Veränderung herbeizuführen“, sodass von drei Pachtverträgen zwei nicht mehr verlängert wurden. „Die in Anzahl und Vielfalt verschiedener Baumarten in einem relativ waldarmen Jagdrevier ist erstaunlich“, sagt Vorsitzender Rottmeir und fügt hinzu: „Außer den Hauptbaumarten sieht man häufig mehr als zehn andere Baumarten, obwohl diese im Altbestand kaum vorhanden sind“. Dabei wurden die Abschusspläne seinen Worten zufolge kaum verändert, aber die Kontrolle „was tatsächlich erlegt wird“ sei bei einer Eigenbewirtschaftung „viel besser“. Inzwischen hätte auch das Vegetationsgutachten die drei Reviere als „günstig“ eingestuft.

Bei hohen Verbissschäden können keine klimatoleranten Mischwälder

Andreas Tyroller (Arge-Geschäftsführer der Jagdgenossenschaften Oberbayern) machte darauf aufmerksam, dass bayernweit fast die Hälfte der Hegegemeinschaften eine zu hohe oder deutlich zu hohe Verbissbelastung aufwiesen; nur bei etwa zwölf Prozent sei die Situation als günstig einzustufen. „Unter den gegenwärtigen Bedingungen können vielerorts keine klimatoleranten Mischwälder aufgebaut bzw. erhalten werden“, betonte Tyroller und fügte hinzu: „Hier muss sich was ändern.“

Endlich müssten die rechtlichen Vorgaben von der Unteren Jagdbehörde auch umgesetzt werden, „weil uns die Zeit davonläuft“. Dabei sei das Vegetationsgutachten eine gute Grundlage für die Abschussplanung. Insbesondere forderte der Forst- und Jagdexperte „vor Ort“ mehr Flexibilität bei den Behörden, denn innerhalb Bayerns zwischen Spessart und Karwendel gebe es mitunter erhebliche Unterschiede, was die Wilddichte bzw. Verbisssituation betrifft. Oftmals gleiche schon die Anfrage nach einer Verlängerung der Jagdzeiten einem Bittgang. In der Arge Oberbayern sind 906 Jagdgenossenschaften organisiert. 

Bei den Diskussionen im Wald wurde auch immer wieder betont, dass die waldbaulichen Ziele nur gemeinsam mit der Jagd zu erreichen seien. Gleichwohl haben die Teilnehmer (darunter BWV-Vizepräsident Götz Freiherr von Rotenhan, Jagdexperte Prof. Christian Mettin und Vize-Bezirksbäuerin Elisabeth Mayerhofer) auch immer wieder darauf hingewiesen, dass sich in den vergangenen Jahren im Wald nicht viel bewegt habe, „wenn man auf die reinen Zahlen schaut“. Insbesondere auch Werner Winkler (Arge-Sprecher) hat deutlich gemacht, „dass wir keine Zäune mehr wollen“. Deshalb gebe es zu einer waldorientierten Jagd seiner Meinung nach keine Alternative, nicht zuletzt aus Kostengründen.  Im Hinblick auf den Klimastress sei künftig eine möglichst große Vielfalt an Baumarten  wichtig, „weil wir letztlich nicht wissen, was durchkommt“.