Lerchenfenster

Vogelbett im Kornfeld

Projekt-Waginger-See
Anneliese Caruso
am Mittwoch, 05.08.2020 - 09:13

Bio-Bauern der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel halten Brachflächen in ihren Äckernals „Lerchenfenster“ zum Vogelschutz frei.

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Die Feldlerche gehört zu den bekanntesten Singvögeln in Deutschland. Dennoch ist sie in ihrem Bestand bedroht und steht deshalb auf der Roten Liste.

Bei einer Felderbegehung von Lerchenschutzfeldern mit den Biomalzlieferanten für die Brauerei Stein bezeichnete der Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Traunstein, Jürgen Sandner, die Feldlerche als „Charaktervogel unserer Kulturlandschaften“. Dieser ist auf die Rücksichtnahme der Landwirte angewiesen, brauchen sie doch wenig bewachsene, flache Böden zum Brüten. „Zudem sollten in der Nähe möglichst viele Wildkräuter blühen, die von reichlich Insekten besucht werden, mit denen sie den Nachwuchs füttern“, sagte Sandner.

Auf Bio-Ackerflächen sei das oft ganz ohne separate Blühstreifen der Fall. Darum freut sich Sandner, dass sich heuer sechs von 17 Biobraugersten-Bauern der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel an diesem Schutzprogramm der Lerche beteiligen und in ihren Kornfeldern „Lerchenfenster“ angelegt haben. Pro Hektar solle man zwei Flächen einrichten und einen Abstand zu den Fahrgassen halten. So verhindere man, dass Füchse die Fenster aufsuchen. Zudem sei ein großer Abstand zum Feldrand, zu Gehölzen, Gebäuden oder Strommasten einzuhalten. „Unter anderem nutzen Greifvögel diese Strukturen als Ansitzwarte für die Jagd.“ Weiter solle man zum Schutz der Lerchen auf Striegeln zwischen Anfang April und Mitte Mai verzichten, später ausreichend Abstand zum Lerchenfenster halten.

Brachfläche im Getreideacker

Das Lerchenfenster hat also nichts mit Glas zu tun. Denn es handelt sich einfach um eine rund 20 m2 große Brachfläche mitten im Getreideacker, also um eine Art Bett im Kornfeld für die Vögel.

Es habe sich gezeigt, dass sich die Feldlerche in Getreidefeldern vorzugsweise direkt an Fahrspuren niederlässt, um eine freie Einflugschneise zu haben. „So hilfreich diese zwischen den eng stehenden Halmen sein mag, so gefährlich ist sie auch. Denn Feinde wie Elstern kommen so leicht an die Gelege heran und stellen eine Bedrohung für die Lerche und ihre Brut dar.“ Sein die Lerche und ihre Brut aber dank Brachflächen mitten im Acker nicht mehr an solche Spuren gebunden, haben sie wesentlich bessere Überlebenschancen.
Die Begehung zu drei Äckern hatte die Projektleiterin der örtlichen Ökomodellregion, Marlene Berger-Stöckl, organisiert: „Gemeinsam mit unseren Lieferanten für die Schlossbrauerei, dem LPV Traunstein, der benachbarten Öko-Modellregion Inn-Salzach, dem LPV Altötting und unserem neuen Biobäcker Markus Huber verfolgen wir das gleiche Ziel: den Erhalt der biologischen Vielfalt durch heimischen Biolandbau.“
Neben einem Dutzend Biobauern aus der Ökomodellregion Waginger See waren auch die Verbandsspitze des LPV Traunstein mit Vorstand Markus Fröschl und Geschäftsführer Jürgen Sandner gekommen, zudem Jan Skorupa von der LPV Altötting. Sein Verband arbeitet aktuell am Projekt „Feldlerche-Jubelchor unter weißblauem Himmel“, das aus der Kampagne „Bayerns Ureinwohner“ stammt, mit der erst vor kurzem neu gegründeten Ökomodellregion „Inn-Salzachtal“ Altötting zusammen, vertreten durch die Projektleiterin Annalena Brams. Mit von der Partie war auch die Schlossbrauerei Stein mit Braumeister Markus Milkreiter und Vertriebsleiter Christian Eder.

Vor allem in Feldern mit Biobraugerste

Die Lerchenfenster befinden sich vorwiegend auf Böden, auf denen die Bauern Bio-Braugerste anbauen. Schilder weisen auf diese Partnerschaft hin. Biobauer Andreas Huber aus Wonneberg schlug vor, diesen Schildern eine Lerchenskulptur aufzusetzen, um verstärkt auf die Initiative aufmerksam zu machen. Auch mit dem Anbringen eines Lerchenbildes auf dem Flaschenetikett der Biobiere könne dies erreicht werden, meinte Huber beim ersten Bio-Gerstenfeld bei Georg Plantaler.

Danach ging es weiter zum Hangacker von Sepp Reiter in Geiselfing. Der Biobraugerstenbestand ist heuer zwar etwas lückig, aber mit der Körnerbildung ist Reiter zufrieden. Zwischen den aufrecht in die Höhe ragenden Halmen wuchsen diverse Kräuter und Blumen, darunter auch der seltene Frauenspiegel, der geschlitztblätttrige Storchschnabel oder die Rapunzel. Weil diese Pflanzen auch ein Paradies für Insekten sind, wird der Tisch der Lerche hier besonders reich gedeckt.
Zur wahren Augenweide hat sich das Gerstenfeld mit Lerchenfenstern der Familie Remmelberger in Burgkirchen entwickelt. „So schön, dass ich schon daran gedacht habe, Eintritt fürs Fotografieren zu verlangen“, sagte Andreas Remmelberger jun., auf dessen Feld nicht nur die bislang noch nicht erntereife Gersten-Sorte „Planet“ steht, sondern auch ein Lerchenfenster liegt. Die Bio-Betriebe Remmelberger aus Burgkirchen und Obermeyer aus Tengling liefern auch das Dinkel- und Emmer-Mehl für Bio-Bäcker Huber aus Waging.

Einbindung der neuen Ökomodellregion Inn-Salzach

Berger-Stöckl stellte die Einbindung der neuen Ökomodellregion Inn-Salzach in mehrere Kooperationsprojekte der Region Waginger See vor, so bei der Biobraugerste, beim Biosenf oder beim Biomüsli, weil zu dieser Feldbegehung auch der Vorsitzende Ökomodellregion Inn-Salzach, Burgkirchens Bürgermeister Johann Krichenbauer und die Projekt-Koordinatorin des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege, Carolin Schaber, neu hinzukamen.

Laut Berger-Stöckl will die Ökomodellregion ihre Lerchenfenster-Initiative künftig auch auf Dinkel- und Haferfelder für den Verarbeiter „Barnhouse“ und weitere Kooperationspartner ausdehnen. Besonders wertvoll sei auch der Anbau von Bio-Urgetreide, weil in diesen licht wachsenden Beständen die Lerchenfenster natürlich entstehen.
Als Anerkennung für den Einsatz für die Lerchen erhielten die Landwirte, Verarbeiter und Unterstützer eine Urkunde.

„Für ein paar Meter hebt er die Sämaschine an. Die spätere Brachfläche dient dem etwa 18 cm großen Ackervogel als Biotop.“