Düngeverordnung

Viele Bauern sind frustriert

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Josef Berchtold
Josef Berchtold
am Freitag, 28.05.2021 - 10:44

Johann und Bernhard Drexl sowie Christoph Wörl beklagen einen ausufernden Bürokratismus und die fehlende Praxistauglichkeit vieler Verordnungen.

Johann Drexl aus Kaufering ist BBV-Kreisobmann im Landkreis Landsberg und Bernhard Drexl aus Schwifting sein Stellvertreter. Gemeinsam mit Christoph Wörl aus Egling, einem weiteren Mitglied im BBV-Kreisvorstand, luden sie das Wochenblatt ein zu einer Gesprächsrunde. „Die Bürokratie wird immer schlimmer und viele Vorgaben gehen an der Praxis vorbei“, erklärt Johann Drexl (59), der mit seinem Sohn einen viehlosen, biologisch geführten Ackerbaubetrieb bewirtschaftet. Die Stimmung an der Basis sei schlecht und er habe oft das Gefühl, dass der Politik, aber auch den Forschungsanstalten und der Beratung gar nicht bewusst ist, wie frustriert viele Bauern über diese Vorgaben sind.

„Das Hauptmonster derzeit ist die Düngeverordnung“, erklärt Bernhard Drexl. Als Ringwart des Erzeugerringes für Pflanzenbau bekommt er die Probleme an der Basis hautnah mit. „Fast jeden Tag riefen mich Bauern an, die mit der Düngebedarfsermittlung nicht weiter kamen“, erklärt der 49-jährige Milchbauer, der einen Milchviehbetrieb mit 70 Kühen führt. Für ein paar Ringmitglieder berechnete Drexl selbst den Düngebedarf, andere suchten seinen Rat: „Einer dieser Landwirte bewirtschaftet einen Betrieb mit 90 Schlägen, hatte schon über 40 Stunden in die Düngebedarfsermittlung investiert und immer noch war kein Ende in Sicht“, erzählt Bernhard Drexl. Auch von anderen Landwirten bekam er Anrufe, weil sie nach der zeitaufwendigen Eingabe nicht zum Ergebnis kamen und am Ende oft „eine Litanei“ an Fehlermeldungen erhielten. Auch der Druck, etwas versehentlich falsch zu machen, sei oft eine Belastung. „Viele Bauern sind fix und fertig“, sagt Bernhard Drexl.

Auf die Praxistauglichkeit überprüfen

„Alle paar Jahre kommt für die Düngeverordnung ein neues Programm, das noch nicht ausgereift ist“, erklärt Christoph Wörl, der einen viehlosen Betrieb bewirtschaftet und mit zwei Berufskollegen eine Biogasanlage betreibt. Der 47-Jährige findet, die Software sollte noch besser auf die Praxistauglichkeit überprüft, einfacher gehalten und besser kompatibel mit anderen Programmen sein. Er arbeitet unter anderem mit einer Ackerschlagkartei, dem Düngeprogramm sowie Ibalis. „Man sollte diese Programme noch besser zusammenfassen und dabei auch die Anbieter der Ackerschlagkarteien mit ins Boot nehmen“, findet er. Auch andere Programme hält Bernhard Drexl für wenig ausgereift.

Beim Agrardieselantrag habe es erst geheißen, diesen könne man nur noch online stellen und müsse sich dazu bei Elster registrieren. Drexl probierte es aus, und kam nicht weiter. Später hieß es, der Antrag könne doch wieder in Papierform gestellt werden. „Ich finde es Wahnsinn, wie viel Zeit ein Landwirt heute im Büro verbringen soll“, sagt Bernhard Drexl. „Wir haben gut ausgebildete Landwirte, denen immer mehr Freiheiten und Entscheidungen genommen werden“, ergänzt Johann Drexl.
Auch fachlich gebe es viel zu kritisieren. Zum Beispiel, dass die Obergrenze von 170 N/ha aus organischer Düngung einheitlich für alle Gebiete gelte, egal, ob man zum Beispiel bei Grünland drei oder sechs Schnitte durchführt. Eine fünfschnittige Grünlandwiese an einem guten Standort habe einen Entzug von rund 280 kg N/ha. Anstatt diese Nährstoffe aus dem betriebsinternen Kreislauf den Wiesen zurückzugeben, dürfen aus Mist und Gülle nur 170 kg stammen. Den Rest kann der Landwirt über zugekauften Mineraldünger ergänzen, muss aber Gülle abgeben – das verstehe kein Mensch.
Auch das Zeitfenster und die Vorgaben für die Gülleausbringung im Acker seien zu eng. Nach Ansicht der drei Praktiker sollten Landwirte die Möglichkeit haben, mehr Gülle nach der Ernte auf die Zwischenfrüchte auszubringen. Das fördere die Strohrotte und viele Zwischenfrüchte benötigen diese Nährstoffe. In den roten Gebieten werde die Gülleausbringung auf Zwischenfrüchte noch deutlich mehr eingeschränkt, was sich auch auf den so wichtigen Humusaufbau negativ auswirke.
Derzeit konzentriere sich die Gülleausbringung im Ackerbau aufgrund der starren Vorgaben vorwiegend auf das Frühjahr, wenn die Böden zudem oft schlecht befahrbar sind. Letztlich sollte auch hier den gut ausgebildeten Praktikern, die ihre Böden bestens kennen, mehr Spielraum zur Anwendung nach guter fachlicher Praxis gegeben werden. Hervorragend hinsichtlich Stickstoffverwertung und Ammoniakbindung sei die Gülleausbringung auf eine hauchdünne Schneedecke auf Grünland. Dass das heute verboten ist, sei unverständlich und zeige, dass „Kontrollierbarkeit“ oft vor „Sinnhaftigkeit“ gehe.
Hinsichtlich der bodennahen Gülleausbringung erkennen die drei Landwirte die Vorteile auf Ackerflächen, haben aber Vorbehalte gegenüber der Verpflichtung auf Grünland ab 2025, weil dort die Themen Futterhygiene und Tiergesundheit eine große Rolle spielen. Problematisch sehen sie die Injektion der Gülle in den Boden. Christoph Wörl hat auf seinem Ackerbaubetrieb Erfahrung mit dem Gülleschlitzen gesammelt, damit aber vor zwei Jahren wegen des enormen Verschleißes wieder aufgehört. Auf Grünlandflächen bestehe zudem die Gefahr, dass bei wiederholtem Schlitzen die Grasnarbe verletzt wird.

Ausufernde Bürokratie kritisiert

Von einem anderen Bürokratismus-Beispiel berichtet Wörl aus seinem Biogasbetrieb. Bei deren Bau galt, dass die Anlage alle drei Jahre auf Formaldehyd untersucht werden müsse und dabei ein Grenzwert von 40 mg/m3 einzuhalten sei. Zwischenzeitlich muss jährlich untersucht werden und der Grenzwert wurde auf 30 mg/m3 gesenkt. Das Ergebnis müsse er dann drei staatlichen Stellen auf unterschiedlichen Wegen zur Verfügung stellen, das sei Bürokratie pur.

Die drei Landwirte haben den Eindruck, dass die Entscheider „oben“ oft nicht wissen, was „unten“ in der Praxis abläuft. „Man liest auch im Wochenblatt zu wenig darüber, welcher Unmut draußen an der Basis herrscht“, sagt Johann Drexl, „es ist so viel Frust auf den Höfen da!“ Er findet, dass die Politiker, aber auch die LfL und die Ämter noch mehr das Gespräch mit praktizierenden Landwirten suchen sollten.
Was sich die drei Bauern wünschen, ist eine deutliche Vereinfachung. Warum etwa reicht bei einem Landwirt mit weniger als 2,0 GV/Hektar, der sich zudem in einem Gebiet ohne Trinkwasserprobleme befindet, nicht eine einfache Nährstoffbilanz? Warum muss alles auf Punkt und Komma geregelt sein, anstatt mit gesundem Menschenverstand und den Vorgaben der fachlichen Praxis zu urteilen? Man versuche alles in ein Schema zu pressen und heraus komme dabei oft der kleinste gemeinsame Nenner, der, siehe 170-kg-N-Regelung, fachlich daneben sei. Anstatt die Bürokratie ausufern zu lassen, sollten mehr Beratungs- und Schulungsangebote geschaffen werden. Auch in den Ämtern für Landwirtschaft sollte mit der anstehenden Ämterreform zum 1. Juli die Beratung wieder stärker in den Vordergrund rücken.
„Das Ziel sollte sein, dass jeder Landwirt die Vorgaben selbst gut meistern kann“, erklärt Bernhard Drexl. Wenn ein Bauer Aufgaben wie die Düngebedarfsermittlung an einen Dienstleister abgibt, weil sie zu kompliziert sind, verstehe er die Zusammenhänge selbst immer weniger. Die gute fachliche Praxis sollte wieder mehr zählen, unterstreicht Johann Drexl. Nicht alles, was in der Natur passiert, lasse sich schließlich in Tabellen und Formeln packen.