Wolfspopulation

Traunstein: Mutmaßlicher Wolfsriss in Hofnähe

Foto Wolfriss Schleching
Axel Effner
am Mittwoch, 08.09.2021 - 16:37

Am Wochenende kam es in der Nähe von Schleching zu einem Rissvorfall, dem ein Schaf und eine Ziege zum Opfer fielen. Ob es ein Wolf war, muss jetzt eine DNA-Analyse zeigen.

Schleching/Lks. Traunstein - Erst im Juni letzten Jahres hat ein aus Südosteuropa eingewanderter Wolf in Reit im Winkl bei einem Schafhalter elf Tiere gerissen. Zwei Monate später traf der Forstwirt Konrad Rappl wenige Kilometer entfernt am Schmugglerweg bei Schleching am Tag auf einen Wolf und fotografierte ihn. Am Wochenende kam es dort in der Nähe jetzt zu einem Riss.

Es passierte, vermutlich am Sonntagvormittag, bei Thomas Pletschacher, der in Schleching den „Knogler Bauer“-Hof mit Ferienwohnungen bewirtschaftet. „Am Sonntagabend haben mich Wanderer darüber informiert, dass oben auf der Weide ein totes Tier liegt“, erklärt Pletschacher.

Gespenstische Stille auf der Weide

Zusammen mit seinem Lebensgefährten suchte er daraufhin die rund 2 ha große Weide ab, die nur 150 m vom Hof entfernt liegt. Bisher waren dort zehn Ziegen und fünf Schafe zur Landschaftspflege eingesetzt. Es habe eine „gespenstische Stille“ geherrscht. Von den handzahmen, zum Teil mit der Flasche aufgezogenen Tieren war nichts zu sehen.

Nach längerer Suche fanden die beiden ein schwer verletztes Schafbocklamm und – nach Absuchen des gesamten Areals – das völlig ausgeweidete Skelett eines Zickleins, das schon länger abgängig gewesen war. Viele Telefonate waren notwendig, bis schließlich der Tierarzt Robert Fischer aus Übersee den Schafbock von seinem Leiden erlösen konnte. Da der regionale Wolfsbeauftragte des LfU und auch sein Stellvertreter nicht erreichbar waren, nahm ein Assistent des Tierarztes in Absprache mit dem LfU am Montag die Proben für die DNA-Analyse. Laut Tierarzt Fischer lässt der Genickbruch des ausgeweideten Jungtiers auf einen Wolfsangriff schließen.

DNA-Analyseergebnisse dauern zu lang

Was die Knogler-Bauern empört, ist die Tatsache, dass die Anwesenheit eines Wolfes in der Region schon länger bekannt war. Aber auch jetzt ergeht eine offizielle Warnung erst, nachdem die DNA-Analyse einen Wolf bestätigt. Laut einem Sprecher des LfU dauert die durchschnittliche Auswertungszeit einer Probe zehn Werktage. Pletschacher hält das für viel zu lang: Die Landwirte mit Weidetieren müssten sofort gewarnt werden. Außerdem führt nur wenige Meter an der Riss-Stelle ein stark frequentierter Wanderweg vorbei. „Und die Kinder unserer Feriengäste spielen auf der Weide, auf der das mitten am Tag passiert ist“, sagt er. „Darüber mag ich gar nicht nachdenken!“

Warnung der Weidetierhalter muss schneller erfolgen

„Die DNA-Probenanalyse ist sehr teuer und dauert viel zu lang“, zeigt sich der Traunsteiner BBV-Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer erbost. „Wenn die Spuren eindeutig auf einen Wolf deuten, muss am nächsten Tag bereits die Entnahme erfolgen“, fordert er. Der Vorfall in Hofnähe, vermutlich bei Tag, an einem stark frequentierten Wanderweg widerlege die These vom scheuen Wolf und zeige eine neue Qualität, so Siglreithmayer. „Ich frage mich, was noch passieren muss, damit die Politik endlich handelt.“

Martin Bartl, Geschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Schafhalter, hält Schutzzäune für keine Lösung: „Bei uns ist ein ganzjähriger Herdenschutz aufgrund der Kleinstrukturiertheit sehr schwierig und finanziell nicht leistbar.“ Angesichts immer neuer Wolfsattacken befürchtet Bartl, dass „viele Jungzüchter nicht mehr weitermachen werden“.

Update vom 06.10.2021: Eine zweite DNA-Analyse genetischer Proben der beiden am „Knogler Bauer“-Hof“ gerissenen Weidetiere verlief ergebnislos. Thomas Pletschacher, der betroffene Landwirt, hatte die Kon­trollprobe nach dem Riss eines Schafes und einer Ziege Anfang September bei „ForGen“ beauftragt, einem privaten Labor für forensische Genetik und Rechtsmedizin in Hamburg. Im abschließenden Spurengutachten heißt es, die mehrfachen molekulargenetischen Analysen hätten an den Spurenträgern schwache „DNA von (mindestens) einem Vertreter aus der Familie der Canidae“ nachgewiesen, „eine weitere Eingrenzung ist jedoch nicht sicher möglich“. Zu einem anderen Ergebnis war das vom Landesamt für Umwelt (LfU) beauftragte Institut gekommen, demzufolge es sich beim Rissverursacher um einen Hund gehandelt hat.