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Kommentare in digitalen Plattformen

Nach tödlicher Attacke: Empörung über „verbalen Scheißdreck“

Digitale Netzwerke
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Dienstag, 22.03.2022 - 15:40

In Utting am Ammersee wird ein Landwirt von einer Kuh getötet. Das sorgt in den sozialen Netzwerken für Reaktionen – und für großen Ärger. Ein junger Landwirt ist entsetzt und spricht Klartext.

Uttting am Ammersee/Lks. Landsberg am Lech Das Entsetzen nach dem tödlichen Unfall auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Utting am Ammersee ist groß. Ein 63-jähriger Landwirt war von einer Kuh angegriffen und dabei so schwer verletzt worden, dass er noch vor Ort an den Verletzungen starb. Der Tierwirt hatte nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord eine Box im Kuhstall betreten, um ein neugeborenes Kalb aufzunehmen. Doch dann griff die Mutter den Mann plötzlich an.

Auf den digitalen Plattformen diskutierten die User die tödliche Attacke auf den Landwirt intensiv. Der 30-jährige Landwirtschaftsmeister Andreas Wolfrum kann über so manchem Kommentar allerdings nur den Kopf schütteln – und reagierte auf die Kommentierungen mit einer emotionalen und treffenden Videobotschaft: „Ich schäme mich wirklich für jeden einzelnen, der in so einer Situation auch noch auf den verstorbenen Landwirt schimpft“, postete Wolfrum dazu auf seinem Instagram und Facebook-Kanal. Die Kommentatoren hätten teilweise keine Ahnung, würden ungefragt ihre Meinung äußern und dabei zeigen, dass sie keinen Sinn, Verstand und vor allem keine Empathie gegenüber den Hinterbliebenen hätten, machte Wolfrum deutlich. „Was ist nur mit den Menschen los?“, fragte er sich und veröffentlichte dazu ein Video.

Eine Familie auseinandergerissen

„Ich bin wirklich geschockt, was hier auf Facebook abgeht“, sagte er mit ernstem Blick in dem Video. „Es gibt ganz viele Schlaumeier auf Facebook, die der Kuh alles Gute wünschen und sagen, das war richtig und die Landwirte gehören bestraft“, empört er sich und schiebt hinterher: „Leute, bei Euch hakt es doch, bei Euch setzt es doch aus!“ Menschen, die keine Ahnung von Tierhaltung hätten, sollten „ihren verbalen Bullshit nicht auf Facebook posten“, fordert er. Es gehe um Existenzen, die Attacke der Kuh auf den Mann habe eine Familie auseinandergerissen und zerstört. „In dieser Familie wird nichts mehr so sein, wie es zuvor war.“ Er schäme sich für jeden einzelnen, „der diesen Scheißdreck hier darunter schreibt“.

Andreas Wolfrum

Dem Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt sagte Andreas Wolfrum, dass ihn der Bericht über den tragischen Tod des Landwirts sehr erschüttert habe. „Es waren dann in den obersten Zeilen der Kommentare sehr viele negative Äußerungen, die mich wirklich geschockt haben.“ Er habe dann das Video veröffentlicht, das mittlerweile hundertfach geteilt und tausendfach aufgerufen wurde. Er finde es wichtig, dass diskutiert werde, sagt Wolfrum. „Aber wenn Menschen unter schweren Schicksalen leiden, dann müssen wir auf Augenhöhe diskutieren.“ Die vielen negativen, pauschalen Aussagen gegenüber der Landwirtschaft würden ihn sehr belasten.

Andreas Wolfrum selbst hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf den digitalen Kanälen der Bevölkerung zu zeigen, dass der Beruf Landwirt und regionale Produkte eine höhere Wertschätzung verdienen. Er betreibt mit seinem Vater einen Milchviehbetrieb im fränkischen Döbellitz mit 130 Milchkühen. Für sein Engagement wurde Wolfrum für den CeresAward nominiert.

Ein besonderer Moment

Wolfrum selbst weiß, dass es sich unmittelbar nach der Kalbung um eine besondere Situation für die Kuh handelt. „Man weiß nie, wie eine Kuh dann reagiert.“ Es müsse hier immer sehr aufgepasst werden. Er selbst habe es schon erlebt, dass eine Kuh aufgeschreckt durch die Abkalbebox gelaufen sei und dabei ihr Kalb getötet habe. Ihm gegenüber habe sich eine Kuh bislang nach dem Kalben glücklicherweise noch nicht aggressiv verhalten.

Sehen Sie hier ein Videostatement mit Klartext von Landwirt Andreas Wolfrum: 

Die Diskussion um die Trennung von Mutterkuh und Kalb kennt Wolfrum gut. „Das ist natürlich ein Thema. Außenstehende neigen allerdings dazu, Tiere zu vermenschlichen.“ Für Kuh und Kalb sei es leichter, sie sofort zu trennen, bevor sich eine enge Bindung entwickelt hat, sagt der junge Landwirt. „Wir machen nichts, was den Tieren schadet, denn wir lieben ja unsere Kühe.“

In den digitalen Plattformen hatten einige Nutzer unter anderem geschrieben: „Die Landwirte sollen doch den Tieren mehr Ruhe lassen!“ Ein weiterer Nutzer postete: „Kühe sind nie bösartig, sie sind auch keine Raubtiere. Aber, wie jede Mutter es tun würde, verteidigen sie ihr Kind.“ In einem weiteren Kommentar war zu lesen: „Jede Mutter würde ihr Kind beschützen!“

Keine Hinweise auf Fremdverschulden

Die Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck liegen nach dem tragischen Tod des Landwirts und den ersten Ermittlungen keine Hinweise auf ein Fremdverschulden vor. Das Muttertier hatte den 63-jährigen Landwirt angegriffen und dabei so schwer verletzt, dass der Mann noch vor Ort an den Folgen des Angriffs starb. Ein Polizeisprecher sagte, dass der Landwirt massive Verletzungen im Brustbereich erlitten hatte. Der Unfall soll sich, wie der „Münchner Merkur“ berichtet, auf dem Staatsgut Achselschwang bei Utting am Ammersee ereignet haben.

Erst Anfang März 2022 hatte ein Stier im oberbayerischen Dietramszell einen 53-jährigen Landwirt getötet. Der Mann starb nach Polizeiangaben ebenfalls noch am Unfallort. Die ganze Gemeinde zeigte sich laut dem örtlichen Bürgermeister betroffen. Der Polizei lagen vorerst keine Hinweise auf ein Fremdverschulden vor.