Marktnische

Theologe, Käser und Züchter

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Martina Fischer
am Freitag, 31.07.2020 - 10:24

Christian Schäfer ist vielseitig: Seine Soay-Schafe sind auf Almen und in Gärten

Auf einen Blick

  • Die ursprünglich aus Schottland stammenden Soay-Schafe sind alpintauglich, schälen die Pflanzen nicht und sind robust.
  • Christian Schäfer hat Tiere aus ganz Europa gekauft, hat 2018 das Deutsche Zuchtzentrum Soay-Schafe gegründet und will die Tiere über fünf Generationen züchten, das entspricht dem englischen Standard für die Herdbuch-A-Fähigkeit.

Schafrasse gab es bereits in der Steinzeit

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Siebzehn Mutterschafe, fünf Jungauen, 19 Lämmer und rund 20 Böcke bilden die Herde von Christian Schäfer. Warum so viele Böcke? Diese Frage hört er immer wieder. Die ganz einfache Antwort: Er züchtet seit neun Jahren Soay-Schafe, eine sehr seltene Art, die es bereits in der Steinzeit gab. Und er möchte diese rare, nützliche Rasse weiter mit einem möglichst breiten Genpool erhalten. Also engagiert er sich für sie, ebenso betreibt er die Audorfer Käserei. Beides liegt ihm am Herzen. Dabei wird die Erhaltungszucht erst durch Schäfers Tätigkeit als Käsemeister möglich.Doch was ist so interessant an der Soay-Rasse? Ganz klar ihre Urtümlichkeit und ihre besonderen Eigenschaften, die Schäfer aufzeigt. „Sie sind genügsame Landschaftspfleger ohne Gehölzverbiss“, erklärt er einen klaren Vorteil, der besonders der Almpflege zugute kommt.

Projekt mit dem Bayerischen Umweltministerium

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Das zeigt sich in einem Projekt mit dem Bayerischen Umweltministerium. Dessen Ergebnis: Das Beste für extensive Flächen ist eine gelenkte Beweidung mit robusten Rassen. Die Soay sind dafür sehr gut geeignet. Sie haben sich als älteste noch lebende Nutztierrasse Europas ihr urtümliches Instinktverhalten bewahrt, können noch zwischen Gift- und Futterpflanzen unterscheiden. „Das schaffen moderne Schafe nicht“, zeigt Schäfer auf. Außerdem schälen sie nicht, können also beispielsweise in Gegenden mit seltenen Rosensorten eingesetzt werden, in denen Ziegen sonst nicht zulässig seien.

Fasziniert von den Eigenheiten der Tiere beschloss der Oberaudorfer, seine Herde zu gründen. Von einem Freund im Taunus erhielt er sechs Schafe und einen Bock. Auf Testflächen wollte er herausfinden, ob es tatsächlich nicht zum Schälen kommt, ob sie Schneeregen im Oktober vertragen und ob sie alpintauglich sind.

Schäfer war angetan, wie gut die Tiere alle Vorgaben erfüllten. Dabei musste er allerdings eine Menge Arbeit investieren. „Es waren ungelernte Parkschafe“, verweist er auf die Crux. Da die Tiere von Natur aus scheu sind, musste er sie zu guter Zutraulichkeit trainieren. Dass das durchaus möglich ist, zeigt sich, wenn man zusammen mit dem Oberaudorfer seine Schafe auf der Weide besucht.

Umgängliche Tiere

Sobald sie ihn sehen, kommen die Tiere angelaufen, sind dabei auch brav im Umgang. Mit 30 bis 40 Kilo und um die 60 Zentimeter Stockmaß sind sie relativ klein. Dabei strahlen sie eine gute Vitalität aus. Ursprünglich stammen die Soay aus Schottland. Die Tiere auf der Inselgruppe Hirta gelten als verwilderte Hausschafe der Jungsteinzeit und wurden aufgrund dieses außergewöhnlichen Umstandes und der geographischen Abgeschiedenheit ohne Außeneinflüsse seit den 1930er-Jahren im Rahmen von Forschungsprojekten umfassend untersucht.

Die Reinrassigkeit, die auf der Insel gegeben ist, konnte sich natürlich in weniger abgelegenen Gegenden so nicht erhalten. Derzeit belaufe sich die Anzahl reinrassiger Mutterschafe europaweit auf 500 bis 600 Tiere, so Schäfer. Der Oberaudorfer hat in ganz Europa Tiere gekauft, die dem Rassestandard entsprechen und möchte sie über fünf Generationen züchten, was dem strengen englischen Standard für die Herdbuch-A-Fähigkeit entspricht. Die möchte er mit den ersten Tieren 2024 erreicht haben. Um die Gesundheit und Robustheit der Schafe und seiner Zucht zu testen, will er die Tiere bis ins hohe Alter halten. Dazu hat er auch 2018 das Deutsche Zuchtzentrum Soay-Schafe gegründet.
Um den Fortbestand der Rasse langfristig zu sichern, gilt aber wie immer das Motto: Erhalt durch Nutzung. Schäfers Tiere sind zum Freihalten auf diversen Almflächen unterwegs. „Dabei ist ein fester Zaun mit Knotengeflecht und eine langfristige Sicht über mehrere Jahre nötig“, erklärt er. Neben Landwirten nehmen aber auch Privatleute mit großen Gärten die Dienste der Soay in Anspruch. Zudem verkauft der Oberaudorfer Zuchttiere.

Mehr Weide und Winterstall gesucht

Schäfers Herde wächst und er sucht dementsprechend auch ständig größere Extensivflächen südlich von Rosenheim als Weide. Ebenso sucht er einen günstigen Winterstall mit Auslauf für die Bockherde, damit die Böcke zwischen Dezember und April nicht in unmittelbarer Nähe zu den Muttertieren untergebracht werden müssen. Die Unruhe der Brunft würde sonst oft zu Verletzungen führen.

Das Engagement für die Rasse ist bisher nur durch Schäfers Audorfer Käserei möglich, die heuer ihr zehnjähriges Bestehen feiern kann. Zu der kam er nicht auf direktem Weg. Der evangelische Theologe begann 2000 eine Ausbildung zum Landwirt. Schließlich wollte er für die Übernahme des Familienbetriebes im Bayerischen Wald gut gerüstet sein. Er zog bereits nach Niederbayern und engagierte sich auf dem Anwesen. Seine Familie wollte nachkommen. Für den Betrieb hatte er schon Pläne. Die bis dahin bestehende Bullenmast sollte aufgegeben werden. „Ich brauche die Zucht“, formuliert Schäfer seine Vorstellung. Er machte sich an den Stallumbau und begann eine Ausbildung zum Fachagrarwirt für handwerkliche Milchverarbeitung, früher als Ausbildung zum Käsemeister bekannt. Der Bau einer großen Umgehungsstraße vereitelte alle Pläne. Aufgrund zu weniger Flächen musste der Hof aufgegeben werden.

Ideen zur nachhaltigen Produktvermarktung

Zurück in Oberaudorf entwickelten Bäuerinnen Ideen zu nachhaltiger Produktvermarktung. Sie wollten die alte Käsetradition der Gegend wieder aufleben lassen und boten Schäfer die Aufgabe als Käser an. Die hat er seit 2010 ebenso inne wie die Geschäftsführung. Das Unternehmen hat sich gut entwickelt. Nach anfangs 30 000 l werden nun bis zu 100 000 l Kuhmilch jährlich verarbeitet. Die kommt von Landwirten aus einem Umkreis von rund 100 km. Nach der Reifung erhalten sie EU-zertifizierten, pasteurisierten Käse. „Ich bin der einzige, der das in Südbayern in einer kleinen Käserei als Dienstleistung bietet“, ist Schäfer auf die Zertifizierung stolz. Dabei arbeitet er nach individuellen Vorstellungen der Landwirte, produziert je nach Wunsch eine breite Palette an Weich- oder Hartkäsen, auch mit Kräutern wie Bärlauch, Paprika oder Bockshornklee. Die Betriebe erhalten die fertigen Produkte dann für ihre Direktvermarktung. So können auch sie ihre Kunden in den Hofläden, auf Märkten oder in der Gastronomie mit einem differenzierten Angebot bedienen.

Die positive Entwicklung der „Audorfer Käserei“ kommt wiederum den Soay-Schafen zugute. Ohne die Tätigkeit und somit die finanzielle Basis als Käsemeister könnte Christian Schäfer die Tiere aus der Steinzeit nicht erhalten. Durch die Kombination ist es ihm aber möglich, sich für seine beiden Herzensangelegenheiten einzusetzen.
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