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Krisengespräch

„Wir stehen vor einer Ernährungskrise“

Im Laufstall des Steinerhofs in Tengling: (v. l.) Landwirtschafts-ministerin Michaela Kaniber diskutierte mit Traunsteins Kreisobmann Hans Steiner, Landwirt Arnulf Gut, Ortsbäuerin Heidi Eckart und Berchtesgadens Vize-Kreisobmann Michael Lichtmannegger.
Axel Effner
am Donnerstag, 15.09.2022 - 10:27

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber diskutiert in Traunstein über heiße Eisen der Landwirtschaftspolitik in diesen Krisenzeiten.

Tengling/Lks. Traunstein Angesichts zahlreicher weltpolitischer Krisen steht auch die Landwirtschaft vor Umbrüchen. Viele Themen hatten die Vertreter der BBV-Kreisverbände Traunstein und Berchtesgadener Land daher mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber zu besprechen. Die Stimmkreisabgeordnete kam vergangene Woche auf den Hof des Traunsteiner Kreisobmanns Hans Steiner, der in Tengling 100 Milchkühe und 110 Stück Jungvieh hält.

Ein erster Punkt, der den Landwirten auf den Nägeln brannte, war der Wolf. Bis Ende der Almsaison sollen die Weideschutzgebiete fertig ausgewiesen sein – Mitte September ein sportliches Ziel. Kaniber positionierte sich aufseiten der Landwirte. An Brüssel sei die Frage zu stellen, ob der Schutzstatus des Wolfs noch gerechtfertigt sei. „Deutlich erhöht“ werden müsse auch das Tempo für die Probenanalyse beim LfU (s. unten). Ob es „für Berufsjäger einen Maulkorb“ gebe, zeitnah über Wolfssichtungen zu berichten, fragte Kreisobmann Steiner. Kaniber wies diesen Verdacht von sich: „Die frühzeitige Information der Landwirte ist uns wichtig!“

Zum geplanten Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Natura-2000-Gebieten forderte sie im Rahmen einer umfassenden Ackerbaustrategie auch die Erntesicherung mit einzubeziehen. Bayern setze hier mehr auf Freiwilligkeit als auf die Durchsetzung des Ordnungsrechts.

Bodennahe Gülleausbringung in Hanglagen

Landwirt Arnulf Gut brachte die Probleme mit der bodennahen Ausbringung von Gülle in Hanglagen zur Sprache. Für Kleinbetriebe unter 15 ha Fläche gebe es eine Ausnahmeregelung. Wer darüber liegt, falle durchs Raster. Der Einsatz großer Schleppschlauchmaschinen sei in höheren oder Steillagen jedoch unpraktikabel. Eine Lösung solle her. Kaniber verwies auf Widerstände auch von Almbauern aus dem Allgäu. Für 69 % Prozent der Unternehmen gebe es bereits Ausnahmen. „Wir brauchen aber auch Betriebe, die CO2-Emissionen einsparen, um ein Vertragsverletzungsverfahren zu vermeiden.“

Mit eindeutigen Worten ging sie mit der geplanten Stilllegung von Ackerflächen pro Artenvielfalt ins Gericht: „Wir stehen vor einer Ernährungskrise in Europa“, sagte sie. Befeuert durch den Ukrainekrieg und Ernteausfälle infolge der Klimakrise wie in Frankreich und Italien könne es zu einer „Verschärfung der Ernährungssouveränität“ kommen. Die Situation sei eine neue, die Pläne sollten daher nach der Aussetzung für 2023 neu überdacht werden.

30 Prozent Bio realistisch?

„Sehr vorsichtig“ äußerte sie sich auf Nachfrage zum Ziel des Agrarministeriums, die Anbauflächen in Bayern von jetzt 13 % bis 2030 auf 30 % Bio zu steigern. Durch die Inflation seien Bio-Produkte am Markt „aktuell ins Hintertreffen“ geraten. Trotzdem engagiere sich ihr Ministerium mit dem Landesprogramm „BioRegio 2030“ weiter für den Umbau. Leider seien die Ökomarktsignale aber „aktuell nicht dazu geeignet, mehr Betriebe zum Umstellen zu bewegen“.

Im Laufstall von Hans Steiner kam die Sprache auf Planungssicherheit beim Laufstallbau. Kaniber verwies darauf, dass Bayern die Konditionen für die Umstellung auf Laufstallhaltung mit der Erhöhung des Maximalfördersatzes auf 40 % und gezielteren Förderbedingungen verbessert habe. Josef Helminger von der Milcherzeugergemeinschaft Alpenmilch ergänzte, einzelne Molkereien garantierten in neuen Verträgen die Abholung der Milch aus Anbindehaltung bis 2029 – ein Grund ist die derzeitige Milchknappheit.