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Stadtförster in Traunstein zu sein, ist eine Lebensaufgabe

Gerhard Fischer u. Tobias Steiner
Klaus Oberkandler
am Dienstag, 02.08.2022 - 06:10

Stadtförster in Traunstein zu sein ist kein Job. Es ist eine Lebensaufgabe. Tobias Steiner (34) ist diese Aufgabe kürzlich angetreten. In der Nachfolge von Stadtförster Gerhard Fischer betreut er künftig die rund 600 ha Wald, die im Besitz der Stadt Traunstein sind. Dazu gehören auch Flächen in den angrenzenden Gemeinden Waging und Seeon-Seebruck.

Vor Tobias Steiner hat es in mehr als hundert Jahren nur drei Wechsel auf diesem Posten gegeben: Von 1920 bis 1958 war Hubertus Artinger Stadtförster, dann bis 1989 Hans Fehringer und seither, seit ca. 33 Jahren, Gerhard Fischer. Das Wochenblatt war mit ihm und mit seinem Nachfolger im Traunsteiner Stadtwald, genauer in Froschham im Gemeindebereich Waging am See unterwegs – und mit einer Frage: Wie ist das so, wenn einer den Wald, den er von seinen Vor- und Vorvorgängern anvertraut bekommt, weiterentwickeln darf?

600 Hektar Schutz-, Nutz- und Erholungswald

Gerhard Fischer im Wald

Die Kontinuität, das wird klar, ist für Steiner Verpflichtung und Last zugleich: Verpflichtung, weil es ein Bruch in der über hundert Jahre währenden Tradition wäre, wenn das Amt des Stadtförsters vom Nimbus einer Lebensaufgabe wirklich zu einem „Job“ herabgewürdigt würde. Und Last, weil er – nähme er die Sache weniger ernst beziehungsweise lang – mit einer Tradition brechen würde, die begründet wurde zu einer Zeit, aus der es keine Zeugen mehr gibt.

Gerhard Fischer übergibt seinem Nachfolger einen Wald, der nicht nur als Akademischer Lehrwald der Technischen Universität (TU) München, sondern in vielerlei Hinsicht etwas ganz besonderes ist.

In den letzten Jahrzehnten ist es nämlich gut gelungen, seine drei wichtigsten Funktionen unter einen Hut zu bringen: die Schutzfunktion für Natur, Wasserhaushalt und Klima, die Nutzfunktion mit dem Ziel, durch die Erträge aus dem Holzverkauf die Pflege und Weiterentwicklung des Waldes zu einem Großteil zu finanzieren und drittens die Erholungsfunktion sicherzustellen. Gerade die stadtnahen Waldparzellen sind beliebte Naherholungsziele für Menschen aus der Großen Kreisstadt.

Eine Riesenwaldfläche für einen Stadtförster

Von dieser Kontinuität kann Tobias Steiner einerseits profitieren, tritt andererseits aber ein Erbe an, das hohe Verantwortung und viel Liebe zum Beruf voraussetzt. Der neue Stadtförster stammt aus Hannover und hat an der Universität in Göttingen Forstwissenschaft studiert. Um die Stelle haben sich mehrere Förster beworben. Steiner freut sich, dass er sie bekommen hat. Es sei eine einmalige Konstellation in Oberbayern, dass man als Stadtförster eine derart große Waldfläche betreuen darf, betont er. Aber: „Wir sind sehr gut aufgestellt. Es ist schön zu sehen, wie vielfältig der Stadtwald dasteht.“

Die strukturreichen Bestände sind – jetzt noch – in erster Linie ein Verdienst seines Vorgängers. Der hat es in seiner mehr als drei Jahrzehnte dauernden Dienstzeit geschafft, den Anteil der Fichten von 70 % auf 40 % zu reduzieren. Gerhard Fischer hat vor allem die Pflanzung von Laubbäumen und Tannen gefördert. Der Anteil der Laubbäume stieg auf 40%, der der Tannen auf rund 15 %. Weitere Baumarten wie Lärchen, Kiefern, Douglasien und andere Exoten machen etwa 5 % aus.

Küstentannen, Zypressen und Tulpenbäume

Ziel war und ist immer die Suche nach Bäumen, die mit dem sich stark verändernden Klima bei uns gut zurechtkommen. Aus Amerika kommen neben der Douglasie die Große Küstentanne, die Hemlocktanne, Sumpfzypressen, und Scheinzypressen. Gut gedeiht an verschiedenen Stellen der Riesenlebensbaum, von dem annähernd 500 Setzlinge ausgebracht wurden und der ebenfalls aus Nordamerika stammende Riesenmammutbaum. Prächtig blühende Tulpenbäume, duftende Hickorybäume und Schwarznüsse sind weitere Arten vom anderen Kontinent, die sich bei uns offenbar wohlfühlen.

Aus dem Kaukasus stammt die Nordmanntanne, von der man im Stadtforst einige prächtige Exemplare bewundern kann, und vom Balkan kommt die Türkische Baumhasel, die irgendwann einmal wertvolles Holz liefern könnte. Gerhard Fischer verweist darauf, dass die durchschnittliche Niederschlagsmenge bei uns im letzten halben Jahrhundert um 25 % zurückgegangen ist. Dass Tanne und Laubbäume so gut aufkommen, liegt auch an der kompromisslosen Formel: Wald vor Wild. Fischer hat die Jagd im Stadtwald selbst ausgeübt.

Eigenjagd schützt Aufwuchs im Stadtwald

Das will auch Tobias Steiner, selbst wenn der hohe zusätzliche Zeitaufwand einen Spagat zwischen Arbeit, Hobby und seiner Familie erfordert. Mit Hilfe einiger „Mitgeher“ will auch er den Abschuss von gut 80 Stück Rehwild pro Jahr im Stadtwald erfüllen. Zunächst muss er jedoch die betrieblichen Verwaltungsabläufe neu organisieren.

Eine große Herausforderung sind die immer größeren Unwägbarkeiten auf dem Holzmarkt, die es von Jahr zu Jahr schwerer machen, die Betriebsergebnisse zu planen. Die Holzpreise sind in den letzten Jahren immer größeren Schwankungen ausgesetzt gewesen. Die Marktlage ändert sich in immer kürzeren Abständen. „Mit rund 6000 Festmeter Einschlag pro Jahr sind wir nur ein kleiner Spieler auf dem Markt“, sagt Steiner. Der Einfluss auf die Preise sei da mehr als gering.

Einzige feste Größe sind die Personalkosten. Sie zu erwirtschaften ist in den vergangenen Jahren zunehmend schwierig geworden, weiß Gerhard Fischer. Viele Aufgaben warten also auf seinen Nachfolger. Wenn alles nach der Tradition geht, hat er dafür fast ein Berufsleben lang Zeit.