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Lebenslinien

Spargelland statt Rheinland

Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 19.05.2022 - 12:00

Claudia Westner baut als Quereinsteigerin Schrobenhausener Spargel an und präsentiert ihn mittlerweile neben Markus Söder.

Spargel Claudia Westner

Große Schritte hat Claudia Westner nie bereut. Als gebürtige Rheinländerin kam sie 1987 nach Bayern, lernte dort Landwirtschaftsmeister Peter Westner kennen und heiratete ihn samt Milchviehbetrieb in Eresing im Landkreis Landsberg am Lech.

Als ein paar Jahre später die geplante Aussiedlung nicht klappte, orientierten die beiden sich neu und wagten den nächsten Riesenschritt: Sie gaben die Milcherzeugung auf und zogen 1997 auf Gut Haslangkreit im Landkreis Aichach-Friedberg, auf einen Ackerbaubetrieb mit Schwerpunkt Kartoffeln. Den ergänzten sie wenig später um Spargel – alles andere als ein Anfängergemüse.

Recht gab ihnen aber die Beschaffenheit des Bodens in der Schrobenhausener Region. „Letztlich war es die richtige Entscheidung“, sagt Claudia Westner heute. Den Quereinstieg in den Spargelanbau vor knapp 25 Jahren haben die gelernte Industriekauffrau und Hauswirtschafterin und ihr Mann Peter nie bereut.

Start mit einem Hektar und zwei Mitarbeitern

Beim Spargel ist die bewirtschaftete Fläche seither stetig gewachsen. Los ging es damals mit rund 1 ha Pachtfeld mit Pflanzen unterschiedlicher Altersstufen, von frisch gepflanzt bis voll im Ertrag.

Zwei Saisonarbeitskräfte aus der Umgebung halfen damals mit. Anfangs bekamen Claudia und Peter Westner Unterstützung im Anbau und Management durch den Verpächter und von ihrem Berater vom AELF Schrobenhausen, Peter Strobl. Sie besuchten Fortbildungsveranstaltungen und führten viele Gespräche mit Berufskollegen. „Das restliche Wissen und Können folgte mit der Erfahrung in der Praxis“, sagt Claudia Westner.

Die Ab-Hof-Kundschaft des Verpächters war schon da. Weiter bot sich die Möglichkeit, das Edelgemüse am Stand in der Gärtnerhalle der Münchener Großmarkthalle zu vermarkten. Hier half Claudia Westners Mutter, die aus einer Gärtnerfamilie stammt und ihr den Weg zu dieser Absatzmöglichkeit ebnen konnte.

Der Direktverkauf ab Hof ging bald zurück, dafür wuchs das Geschäft über den Großmarkt. „Weil wir die Anforderungen hinsichtlich Frische und Qualität erfüllen“, sagt die Bäuerin nicht ohne Stolz.

Die Neueinsteigerin von damals hat auch die südbayerische Spargelbranche von sich überzeugt: Claudia Westner vertritt sie seit drei Jahren als Vorsitzende des Spargelerzeugerverbands Südbayern. Als solche eröffnete sie auch dieses Jahr wieder die Spargelsaison auf dem Viktualienmarkt.

Dabei präsentierte die ehemalige Rheinländerin den Schrobenhausener Spargel an der Seite von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Ministerpräsident Markus Söder.

Aktuell werden auf Gut Haslangkreit einschließlich Junganlagen 12 – 15 ha Spargel angebaut, davon 2 ha Grünspargel. Der überwiegende Teil der Erntemenge geht am Großmarktstand über den Tisch. Kunden sind Lebensmitteleinzelhandel, Gastronomie, Gastronomie-Lieferservice und Großhandel.

Der Rest wird ab Hof und an zwei Verkaufsständen vermarktet. Beim Verkauf helfen in der Saison drei deutsche Mitarbeiter, auf dem Feld und in der Verarbeitung bis zu 16 polnische Erntehelfer.

Idealer Standort, unbekanntes Wetter

Spargel Westner Feld

„Auf unserem Hof bedeutet die Spargelsaison die arbeitsreichsten Wochen im Jahr“, sagt Claudia Westner. Denn neben der Ernte und Vermarktung müssen auch Kartoffeln gepflanzt und Mais und Sommergetreide gesät werden. Und wie so oft bleibt auch hier bis zuletzt das Wetter die große Unbekannte: Den ersten Spargel haben die Westners auf dem Gutshof heuer am 30. März gestochen.

Doch gleich darauf folgte aufgrund eines Kälteeinbruchs eine Unterbrechung. Insgesamt berichtet Claudia Westner von einem durchschnittlichen Start. Ihr Wunsch für die restliche Spargelsaison, die traditionell noch bis Johanni (24. Juni) dauert: „Ausreichend Wärme und vor allem keine Nachtfröste mehr!“

Der Sandboden mit gewissem Lehm- und Schluffanteil sorgt im Schrobenhausener Spargelland für ein leicht nussiges Aroma. Die passende Sortenwahl führt zu einem nur geringen Anteil an bitteren Stangen. Je nach Witterung werden in Haslangkreit täglich zwischen 500 – 2500 kg Rohware geerntet.

Westners versuchen, die Fläche an die Nachfrage anzupassen. „Aber es kann schon einmal vorkommen, dass aufgrund der Witterung oder bestimmter Festtage, wie Muttertag, der Spargel frühzeitig ausverkauft ist“, sagt Claudia Westner. Dass er nicht immer verfügbar ist, macht Spargel letztlich auch zu etwas Besonderem.

Die gekühlte Rohware wird nach Bedarf gewaschen und sortiert. Betriebsleiter Peter Westner ist für die produktionstechnischen Dinge wie Anbau, Ernte und Pflege des Spargels zuständig. Claudia Westner kümmert sich neben der Büroarbeit vorrangig um die Vermarktung und fährt die Ware von Montag bis Freitag zum Verkauf in die Großmarkthalle. „Das ist von der Handhabung her für unsere Betriebsgröße einfacher als der Direktverkauf ab Hof“, erklärt sie.

In der Großmarkthalle werden ausschließlich 5 kg-Kartons vermarktet, teilweise mit abgepackten 500 g-Bunden, auf Bestellung geschält. Claudia Westner kann auf langjährige Kundenbeziehungen bauen, so dass der Verkauf zum Großteil über Vorbestellung läuft. „Unsere Pluspunkte sind kontinuierliche Frische und Qualität sowie immer gleiche Sortierung“, sagt sie, und mit einem Augenzwinkern: „Selbstverständlich punktet auch die Bedienung von der Chefin persönlich.“

Frühmorgens um 3.30 Uhr am Großmarkt

Der Tagesablauf der Chefin lässt während der Spargelsaison wenig Zeit für die Familie, zu der auch der erwachsene Sohn Johannes zählt. Denn die Vermarktung am Münchner Großmarkt beginnt um 3.30 Uhr. Da müssen die Verkäufer die Ware schon ausgeladen haben. In dieser Zeit dauert der Arbeitstag von Claudia Westner 16 bis 18 Stunden.

„Ich bin zeitlich sehr eingespannt, doch es macht mir trotzdem Spaß“, sagt sie. „Ich komme raus und genieße die Kundenkontakte mit netten Gesprächen.“ Auch die Verbandsarbeit nimmt viel Zeit ein. Für die Landwirtin ist das dennoch„genau was ich immer machen wollte“, wie sie – im Leben sichtlich angekommen – sagt.

Spargel Westner Stechen

Auf Gut Haslangkreit hat sich der Spargel inzwischen neben dem Pommes-Kartoffel-Anbau zu einem wesentlichen Standbein entwickelt. Auf die mediterrane Pflanze wollen Westners auch künftig setzen, schon allein, weil der Spargel „auf unseren Sandböden auch Trockenheit gut ausgleichen kann, im Gegensatz zu den Kartoffeln“, sagt Claudia Westner.

Betriebsnachfolge schon gesichert

Was sich außer dem Klima noch geändert hat, im Vergleich zu den Anfangstagen? „Früher kam der Kunde zum Hof, heute kommt der Spargel zum Kunden“, sagt sie und freut sich, dass gerade der Schrobenhausener Spargel in München einen so guten Ruf hat.

„Mit diesem Markennamen läuft vieles leichter“, gibt sie zu. So trägt der Schrobenhausener Spargel die „geschützte geografische Angabe“, kurz „g. g. A.“. Nennen darf sich so nur Spargel, der in Teilen der drei Landkreise Aichach-Friedberg, Neuburg-Schrobenhausen und Pfaffenhofen wächst. Das ist derzeit der Fall auf 55 Erzeugerbetrieben mit insgesamt 650 ha Anbaufläche.

Für mehr Hektare wird Familie Westner vorerst nicht sorgen. „Den aktuellen Umfang können wir alleine mit unserem Familienbetrieb gut stemmen“, erklärt Claudia Westner. „Außerdem wird das Problem mit den Arbeitskräften nicht besser.“ Die sind schwer zu finden.

Gefunden ist hingegen schon der Betriebsnachfolger: Sohn Johannes, ein Landwirtschaftsmeister, ist schon jetzt fest im Betrieb integriert.