Altenpflege

Soziale Landwirtschaft: Bauer gesucht

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Andreas Mayr
am Dienstag, 17.11.2020 - 08:08

Einsamkeit im Alter, dieses Thema rückt in Zeiten von Corona weiter in den Mittelpunkt. Die Zauner-Stiftung in Murnau will Senioren in Bauernhöfen pflegen. Jetzt sucht sie einen Landwirt als Partner.

Für manchen Oberbayern mag das jetzt unglaublich klingen, also bitte festhalten. Es gibt tatsächlich Bereiche, in denen uns die Norddeutschen voraus sind. Erst vor vier Monaten hat das Zweite Deutsche Fernsehen eine Dokumentation über einen Hof in Brilon (Nordrhein Westfalen) gesendet, der ältere Menschen aufnimmt. Ein anderer Landwirt hat seine Scheune umgebaut, empfängt nun mehrmals in der Woche Senioren. Sie gehen spazieren und trinken am Ende Kaffee.
„Es gibt einige tolle Projekte in Norddeutschland“, sagt Anni Hindelang, Landwirtin in Schöffau. Auch ihren Hof an der Landkreisgrenze zu Weilheim-Schongau besuchen regelmäßig Menschen mit Behinderung, Kinder wie auch Senioren. Aber der „Hoimahof“ ist die Ausnahme im Oberland. In den Niederlanden, in Norwegen, der Schweiz und auch in Österreich bieten bereits tausende bäuerliche Betriebe diese Art der Betreuung für Ältere an.

Zunächst stundenweise und nur auf Probe

Nun soll dieses Konzept auch in der Region fruchten. Gesucht ist ein Bauernhof, der probeweise Senioren aufnimmt. Dauerhaft oder auch nur stundenweise. Sozusagen ein Testbetrieb.
Der Suchende ist Wolfgang Kastl. Vorige Woche hat er in die kleine Villa am Murnauer Seidlpark eingeladen, Sitz der Antonie-Zauner-Stiftung, die er als Vorsitzender verwaltet. Er hat erzählt, wie er eine Broschüre des bayerischen Landwirtschaftsministeriums durchblätterte, das acht Modelle zur Seniorenpflege vorstellt.
Nicht ganz unbedeutend in dieser Sache ist auch Kastls Mutter. Sie ist 88 Jahre alt und im Pflegeheim. „Die schaut von Betonwand zu Betonwand“, sagt der Stiftungschef. Dagegen müsse man doch etwas unternehmen als Stiftung, die sich Menschen verpflichtet, die unschuldig in Not geraten sind. Wie das oft so ist mit guten Ideen, traf Kastl schnell die richtigen Mitstreiter, in diesem Fall Doris Kettner und Petra Stragies von der Alzheimer-Gesellschaft Lechrain.
Zur unangenehmen Realität in Deutschland gehört die Einsamkeit der Alten. Ein Großteil lebt isoliert von Familie und getrennt von Freunden in Heimen oder kleinen Wohnungen. Corona hat das Thema sichtbarer werden lassen. Die Retla-Stiftung in München hat etwa Telefonate gegen die Einsamkeit angeboten. In Spitzenzeiten meldeten sich 200 am Tag. Eine Seniorin erzählte unter Tränen, dass sie große Angst vor Weihnachten habe. Seit neun Jahren hat sie das Hochfest alleine in ihrer Wohnung verbracht. Für Kastl steht fest: „Der Wunsch nach neuen Lebensformen ist enorm gewachsen.“

Eine Chance für „Soziale Landwirtschaft“

Deshalb fahndet das Trio nun nach einem Bauernhof. Konkret nach einem Landwirt im Oberland, der Räumlichkeiten frei hat, etwa einen alten Stall, und nach neuen Einnahmequellen sucht. Eine Chance, das Feld „Soziale Landwirtschaft“ in Oberbayern auszubauen. Um Interessierten die Angst zu nehmen: Sie brauchen sich nicht selbst um die Senioren oder Demenz-Kranken kümmern. Das übernehmen die Profis.
„Der Bauer muss nicht den Altenpfleger machen“, betont Hindelang. Im Endeffekt benötigt die Stiftung nur freie Zimmer und eine Familie mit sozialer Ader. Bei allen anderen Fragen helfen die drei Ideengeber.
Zunächst wollen sie mit Interessenten über die Form der Betreuung sprechen. Die entscheidende Frage: „Was ist das sinnvollste Projekt für die Familie?“, verdeutlicht Kettner. Das kann ein wöchentliches Freizeit-Angebot, aber auch eine ganze Senioren-WG sein. Abhängig von den Vorstellungen der Landwirte. Entlohnt wird der Bauer pro Quadratmeter Fläche, den er zur Verfügung stellt. Auch bei diesen ganzen wirtschaftlichen oder baulichen Fragen helfen die drei Macher, die sich als „Lotsen“ verstehen, wie Kettner sagt. Ideen haben sie viele. Nun fehlt nur noch ein erster Interessent.