Waldbau

Sonderprogramm Berghütten nutzen

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Christiane Giesen
am Freitag, 17.04.2020 - 10:57

Sehr gut besuchte Versammlung der Forstberechtigten im Chiemgau.

Ruhpolding/Lks. Traunstein „In einer Zeit, in der latentes Misstrauen gegenüber allen besteht, die etwas mit der Landwirtschaft zu tun haben, ist es umso wichtiger Klartext zu reden und einen starken Verband hinter sich zu wissen“, sagte der erste Vorsitzende des Verbandes der Forstberechtigten im Chiemgau, Traunsteins Landrat Siegfried Walch, vor rund 200 Verbandsmitgliedern im Hotel Zur Post in Ruhpolding. Der Verband vertritt insgesamt rund 800 Mitglieder, davon 550 aus dem Landkreis Traunstein, 250 aus dem Berchtesgadener Land und einige aus anderen Landkreisen.
Zu Beginn wurde besonders des im letzten Jahr im Alter von 99 Jahren verstorbenen Ehrenvorsitzenden Leonhard Schmucker gedacht, der den Verband im Jahr 1952 aus der Not heraus gegründet hatte. Die Versammlung gedachte seinen Verdiensten, darunter die Durchsetzung des Forstrechtegesetzes, das den Bauern weitgehend alle alten Rechte sichere.
Eine Neuerung gab Geschäftsführerin Maria Stöberl bekannt: Erstmals gebe es das „Sonderprogramm Berghütten“, womit der erstmalige Bau kommunaler Trinkwasserleitungen und kommunaler Abwasserkanäle zur Ver- und Entsorgung von bestehenden Einrichtungen, wie Berghütten, in Bergregionen über 1000 m Höhe gefördert werde. In der Regel müssten die jeweiligen Kommunen Träger solcher Maßnahmen sein. Der Anschluss weiterer Einrichtungen, zum Beispiel Almhütten, im Rahmen des Förderprogramms könne möglich sein, wenn sie auf der Trasse dieser förderfähigen Maßnahmen lägen.

Runde Tische mit den Kommunen

Der Verband organisiere „Runde Tische“ mit den Kommunen, um auszuloten, ob etwas über das „Sonderprogramm Berghütten“ durchgeführt werden könne, berichtete Stöberl. Für die Hemmersuppenalm und die Grassauer Almen sei ein solch Runder Tisch bereits einberufen worden.

Bei vielen Almen sei die Sanierung der Wasserversorgungen ein Riesenthema, sagte die Geschäftsführerin. Die alten Quellfassungen brächen häufig weg und die Wasserquellen lägen meist in Bereichen, die naturschutzrechtlich streng geschützt seien. Daher sei für Eingriffe und Grabungen häufig eine Ausnahmegenehmigung notwendig. Es empfehle sich, die Untere Naturschutzbehörde von Anfang an mit einzubeziehen und die Neufassung von Quellen unbedingt beim zuständigen Landratsamt anzuzeigen.
Für eine „almübliche“ Bewirtung auf Almen seien einwandfreies Trinkwasser, eine ordnungsgemäße Entsorgung und die Einhaltung der Hygienevorschriften grundsätzlich notwendig, betonte Stöberl. Bei den vorhandenen Wasserquellen und Wasserfassungen im Almbereich könne oft nur mit technischer Aufbereitung einwandfreies Trinkwasser erzeugt werden. Daher stehe das Gesundheitsamt beratend zur Seite.
Die „almübliche Bewirtung“ sei nur im Rahmen einer landwirtschaftlichen Nebentätigkeit zulässig und sollte sich überwiegend auf selbst erzeugte Produkte beschränken.

Verkauf von Holzbezugs- und Weiderechten

Zum Verkauf von Holzbezugs- und Weiderechten informierte die Geschäftsführerin, dass bei einem Kauf oder Verkauf von Forstrechten grundsätzlich eine Übertragung von einem Anwesen auf ein anderes notwendig sei. Der Verpflichtete, also der Forst, müsse dieser Übertragung grundsätzlich zustimmen. Vor Abschluss des Kaufvertrags sei deshalb das Einverständnis des Verpflichteten einzuholen. Dann müsse die Übertragung notariell ins Grundbuch eingetragen werden. Es gibt viele, die ein Forst- oder Almrecht kaufen wollten, sagte Stöberl. Bei der Übertragung von Almweiderechten sei zusätzlich die Genehmigung nach dem Almgesetz erforderlich, wobei das jeweilige Landratsamt zuständig ist.

Über „Naturschutzförderung auf Almflächen“ sprachen danach die Biodiversitätsbeauftragte der Regierung von Oberbayern, Christiane Mayr, und Wolfgang Selbertinger von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Traunstein. „Almbauern und Naturschützer haben wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze“, sagte Selbertinger. Die Anzahl der Almen und Alpen sei auch dank der Förderungen weitgehend konstant, aber an den „Rändern“ gebe es Handlungsbedarf. Die Almen seien der Grünlandtyp mit der höchsten Pflanzendiversität. Beide Referenten belegten diese Aussage anhand zahlreicher Lichtbilder.
Im Landkreis Traunstein gibt es insgesamt 2780 ha Vertragsnaturschutzflächen, 739 ha auf Almen. Im Jahr 2020 seien 345 ha neue Vertragsflächen dazu gekommen, also in einem Jahr fast 80 Prozent, berichtete Selbertinger. Die Fördersumme im Landkreis Traunstein beträgt 1,2 Mio. € im Jahr, die Fördersumme für die Almen 110 785 €. Dabei würden nicht große neue Auflagen gemacht, sondern das bereits Geleistete gefördert, betonte Selbertinger. Ziel der bayerischen Staatsregierung sei die Erhöhung der Vertragsnaturschutzflächen von derzeit 100 000 ha auf 180 000 ha.

Hotspot der Biodiversität

Almen seien ein „Hotspot der Biodiversität“, sagte Christiane Mayr, denn zum Beispiel 42 % aller in Bayern lebenden Tagfalterarten seien auf Almen beheimatet. Die Almwirtschaft habe entscheidend dazu beigetragen, dass diese Lebensräume mit ihrer Artenvielfalt entstanden sind.

Da die Nutzungsbedingungen der Almwirtschaft heute andere seien und viele Almbauern notwendigerweise die Almen nur noch im Nebenerwerb bewirtschaften, seien Pflegemaßnahmen zu Förderung seltener und geschützte Lebensräume von Tieren und Pflanzen notwendig geworden.
Mayr betonte, dass die Landschaftspflegemaßnahmen auf Almen von Seiten der Grundeigentümer und Bewirtschafter freiwillig sein müssen. Doppelförderungen seien ausgeschlossen. Aber da das Kulturlandschaftsprogramm weitgehend ausgelaufen sei, gebe es durch die Vertragsnaturschutzprogramme mehrere neue Förderungsmöglichkeitenen für die Almen.

Schafbeweidung auf Almen noch nicht gefördert

Bei der Aussprache bedauerten mehrere Landwirte, dass die Schafbeweidung auf Almen noch nicht gefördert würde. Mayr und Selbertinger versprachen, die Vorschläge der Bauern an höherer Stelle vorzutragen, so dass sich auch hier etwas ändern könne.

In einer kurzen Ansprache verabschiedete sich der langjährige Vertreter der Bayerischen Staatsforsten Reinhard Strobl von den Forstberechtigten, da er in den Ruhestand gehen werde. Landrat Walch dankte ihm für die stets gute Zusammenarbeit.
Auch der scheidende stellvertretende Landrat von Berchtesgaden, Rudolf Schaupp verabschiedete sich, da er nicht mehr zur Wahl antreten werde. Er dankte „der guten Seele der Forstberechtigten“ Maria Stöberl und Landrat Siegfried Walch für die jahrelange gute Zusammenarbeit auch im Namen von Landrat Georg Grabner. Er sei immer gerne zu den Jahresversammlungen der Forstberechtigten gekommen, die wichtiger denn je seien.