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Ökologisch wertvolle Staatswälder

Sieben mal so groß wie der Chiemsee: Urwälder von morgen

Wo Totholz liegen bleibt: Im Naturwaldreservat Vogelspitz trafen sich (v. l.) Revierförster Otto Ertl, Wolfgang Madl und Dominik Zellner (AELF Traunstein) sowie Joachim Kessler (Forstbetrieb Ruhpolding).
Axel Effner
am Montag, 28.11.2022 - 09:34

Exkursion im Naturwaldreservat Vogelspitz zeigt die Bedeutung naturbelassener Wälder auf.

Schleching/Lks. Traunstein  58 000 ha naturnahe, ökologisch besonders wertvolle Staatswälder stellte das Landwirtschaftsministerium im Dezember 2020 unter dauerhaften Schutz. Eine Fläche, die sieben Mal so groß wie der Chiemsee ist, kann sich damit jetzt ohne lenkenden Einfluss durch den Menschen und wirtschaftliche Nutzung entwickeln – wohin, das erkundete eine Exkursion des AELF Traunstein und des Forstbetriebs Ruhpolding im Naturwaldreservat Vogelspitz in Schleching.

Größte Naturwaldreservate Bayerns in Traunstein

Dominik Zellner zufolge, Waldnaturschutzfachmann am AELF, besteht Bayern aus 2,5 Mio. ha Wald, 800 000 ha gehören dem Freistaat. 10 % der Staatswaldfläche bilden das zusammenhängende „Netzwerk wilde Waldnatur“, das alle im Freistaat typischen Waldarten abbildet.

Der Vogelspitz wurde bereits 1978 aus der Bewirtschaftung genommen und ist mit 240 ha heute das drittgrößte Naturwaldreservat Bayerns. Seit 2013 zählen dazu auch die Reservate der Geißenklamm und des Jagerbodens. Im Traunsteiner Amtsbereich liegen mit der Reiteralpe und dem Fischbach-Gebiet südlich von Ruhpolding zugleich das zweitgrößte und größte Naturwaldreservat Bayerns. Diese „Urwälder von morgen“, so Joachim Kessler, Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding, sollen einerseits Erkenntnisse über die Biodiversität, die natürliche Verjüngung und Veränderung der Waldgesellschaften und Baumarten bringen, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels. Die Naturwaldreservate dienen aber auch der Erholung, dürfen also auch betreten werden.

Zonen mit unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit

Das Gebiet Vogelspitz zeichnet sich durch blockschuttreiche, zum Teil recht steile Hangflächen und Schluchtpartien aus. Im Bergmischwald dominieren Fichte, Buche, Bergahorn und Tanne. Typisch sind Zonen unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit, erklärte Inzells Revierförster Josef Gambs. Auf einigen Partien des Felskammes finden sich so trockenheitstolerante Kiefern und Lärchen.

Wie sich Waldwurfflächen nach einem Sturm vor 13 Jahren verändert haben, ließ sich entlang des Aufstiegs am Luftbodensteig studieren. Zwischen zahlreichen Totholzstämmen, die Nährboden für Pilz- und Insektenarten bieten, zeigt sich artenreicher Jungwald.

Rare Insekten, Pilze und Pflanzen angesiedelt

Zellner zufolge wurden bereits 115 Pflanzen-, 170 Pilz-, 214 Schmetterlings- und 48 Schneckenarten gezählt. Darunter die Österreichische Quellschnecke, eine in Bayern äußerst seltene Schneckenart. Als rare Pflanzen sind Rosmarin-Seidelbast, Schwalbenwurz-Enzian und Hirschzungenfarn zu nennen, bei den Pilzen Dunkelbrauner Borstenscheibling und Tannenfeuerschwamm. Auch Falter wie die Rollflügel-Holzeule und die Heidekräuterrasen-Erdeule machen sich heimisch. Naturwaldreservate seien ein „Schatz zur Bewahrung der Artenvielfalt“, so Zellner. Es bleibt spannend im Traunsteiner Naturwald, wenn auch nicht für die Holzindustrie.