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Betriebsentwicklung

Schweinehaltung: Entweder hopp oder top

Schweinebetrieb Bauer Familie
Helga Gebendorfer
am Mittwoch, 16.03.2022 - 08:20

Sie haben ihren Schweinebetrieb laufend weiterentwickelt. Trotzdem reicht es nicht. Wie viele ihrer Kollegen aus der Schweinehaltung fragt sich auch Familie Bauer aus Giglberg, wie es weitergehen soll.

"Das Jahr 2021 war für uns ein Nullsummenspiel“, stellen Konrad und Rosmarie Bauer nüchtern fest. Zusammen mit ihrem Sohn Martin überlegen die beiden, wie es weitergehen soll. In Giglberg im Landkreis Freising betreiben die Bauers einen Schweinebetrieb, eine Kombination aus Zuchtsauenhaltung und Mast. Neben der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine macht ihnen die derzeitige Krise auf dem Schweinemarkt große Sorgen, so wie vielen ihrer Kollegen aus der Branche.

Nur noch jedes zweite Ferkel stammt aus Bayern

Schweinebetrieb Bauer mit Siegfried Ederer

Viele Faktoren wirken ungut zusammen: der Wegfall von Drittländerexporten, die Pandemie, aber auch der rückläufige Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch an sich. Die daraus resultierenden, sehr niedrigen Erlöse treffen dabei auf stark steigende Preise für Futter, Energie und Fixkosten wie zum Beispiel Versicherungen. So lagen die Produktionskosten für ein Mastschwein schon vor dem Krieg in der Ukraine bei rund 200 €, der Erlös aber nur bei 125 €. „Das bedeutet, es fehlen 80 Euro“, sagt Martin Bauer. Nicht nur er ist davon betroffen und die Folge ist ein Produktionsrückgang, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hat.

Schätzungsweise werden sich die wöchentlichen Schlachtungen in Bayern bis Mitte des Jahres von bislang 1 Mio. auf 750.000 reduzieren. Besonders dramatisch wirkt sich die Situation auf die Ferkelerzeuger als dem letzten Glied in der Kette aus. Sie verlieren momentan am meisten Geld und viele von ihnen hören auf – weil sie auf all das keine Lust mehr haben. „Und weil das Geld ausgeht“, sagt Rosmarie Bauer. Es wird damit gerechnet, dass der Selbstversorgungsgrad mit einheimischen Ferkeln, der in Bayern im Moment noch etwa 75 % beträgt, auf 50 % zurückgehen wird.

Die Hauswirtschaftsmeisterin heiratete 1988 beim „Giglberger“ ein, sechs Jahre später übernahm das junge Paar den Hof. Der Vollerwerbsbetrieb, ein Einödhof, ist bereits seit 1773 in Familienbesitz, ein viertel Jahrtausend Landwirtschaft.

„Für die Zukunft reicht es nicht. Das tut weh.“

Schweinebetrieb Bauer Ferkel

Die Milchvieh- und Rinderhaltung gab die Familie in den 1990er Jahren auf. Nachfolgend spezialisierten die Bauers sich auf die Schweinehaltung. Die Zuchtsauen wurden von ursprünglich 20 auf 80 Stück aufgestockt. 1997 starteten sie die Schweinemast, die auf aktuell 600 Mastplätze erweitert wurde. In diesem Zeitraum erfolgten die nötigen Um- und Erweiterungsbauten. „Wir haben uns ständig weiterentwickelt und verbessert“, erzählt Konrad Bauer. „Trotzdem reicht es für die Zukunft nicht aus. Das tut weh.“

Die Familie vermarktet seit vier Jahren zum Teil regional an einen Metzger in Gammelsdorf und sind bisher in der Haltungsstufe 1 geblieben. „Es war eine wirtschaftliche Entscheidung“, sagt der Landwirtschaftsmeister. Man habe auch keinen richtigen Vorteil gesehen. Bauer verweist auf die zahlreichen positiven Voraussetzungen in seiner Haltung. So passt die Betriebsfläche zur Tierhaltung, die Schweine werden mit Trockenfütterung gefüttert, sie sind gesund und punkten mit guter Fleischqualität.

Darüber hinaus wird im geschlossenen System mit Eigenremontierung produziert. Die Vorteile: niedriger Krankheitsdruck, Wegfall von Transportwegen, keine Futterumstellung, kein Tierzukauf. „Das funktioniert gut. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht und möchten es nicht mehr anders“, erklärt der 61-jährige. Aber jetzt denkt er zusammen mit seinem Sohn darüber nach, die Ferkelerzeugung aufzugeben und stattdessen Ferkel zuzukaufen.

Eine Zeit der Entscheidungen

Familie Bauer befindet sich gerade in einer Phase der Entscheidungsfindung. „Wir überlegen, ob und wie wir die Schweinehaltung , vor allem Zuchtsauen, für die Zukunft aufrechterhalten“, sagt Hofnachfolger Martin. Er ist halbtags beim Fleischerzeugerring Oberbayern-West Pfaffenhofen (FER) als Ringbetreuer für rund 20 Betriebe zuständig. Eigentlich wäre der Standort des Hofes in Einzellage optimal und der Junior bringt als Agrarbetriebswirt und gelernter Elektriker auch jede notwendige Qualifizierung mit.
Auf der anderen Seite lastet die schlechte wirtschaftliche Lage auf der Familie und auch, dass in der Gesellschaft die Wertschätzung für ihre Arbeit fehlt, wie sie glauben. „Ich bräuchte ein neues Betriebskonzept, verbunden mit einer enormen Investition, aber es gibt dafür keine Planungssicherheit“, erklärt der 28-Jährige die Bredouille, in der er sich sieht. „Entweder hopp oder top“, beschreibt er die Stimmung. Die ganze Familie befindet sich in der Schwebe.
Augenblicklich kann Martin nicht sagen, ob der Betrieb in 5 – 10 Jahren noch Zuchtsauen hat. Das Ganze muss wohlüberlegt sein. „Wir möchten schon mitgehen, doch nicht auf Biegen und Brechen“, sagt er.
Um im Vollerwerb zu bleiben, müsste die Familie auch voll einsteigen und viel Geld in die Hand nehmen. Der Betriebsnachfolger hat dabei vor Augen, dass künftig sowohl der Arbeitszeitbedarf als auch die Festkosten pro Tier steigen werden. „Für mich muss auf jeden Fall unterm Strich die Betriebswirtschaft stimmen und meine Arbeit vernünftig entlohnt sein“, lautet seine Bedingung.
Dass die Schweinehalter künftig mit Tierwohl-Programmen sowie langfristig mit Haltungsstufe 3 werden arbeiten müssen, davon geht Martin Bauer aus. Selbstverständlich, sagt er, wäre er bereit, Schweine nach hohen Tierwohl-Standards zu halten, doch dann müssen Betrieb, Konzept und Stall passen – und die Finanzierung. Die erste Hürde beim Giglberger ist aktuell das Deckzentrum, das mit einer geringen Investition zu überbrücken wär. Alles andere entscheidet sich später.

Erzeugerring fordert Perspektiven von Politik

Auch beim Fleischerzeugerring ist die dramatische Lage der Schweinehalter für Martin Bauer deutlich zu spüren. Die meisten Ferkelerzeuger sind mittlerweile zwischen 50 und 60 Jahre alt. Martin Bauer schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens ein Drittel von ihnen die Ferkelhaltung aufgeben wird. Das befürchtet auch FER-Vorsitzender Siegfried Ederer. Er plädiert dafür, dass Ferkelerzeuger und Mäster sich als Einheit sehen und sich vertraglich binden sollen. Ferkel- und Mastschweinepreis müssten in einem definierten Verhältnis zueinander stehen. Zudem müssten Wertschöpfung und Wertschätzung am Markt steigen, sagt Ederer. Eine Produktion zu Weltmarktpreisen könne nicht mehr klappen. In Zukunft würde nur eine Produktion in Wertschöpfungsketten bis zum Lebensmitteleinzelhandel funktionieren.
Von der Politik fordert Ederer die Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen und damit Perspektiven für die heimischen Produzenten. Denn nur bei der Produktion im eigenen Land bestehen Einflussmöglichkeiten und die Gewährleistung von bestimmten Standards. Der LEH müsse für fairere Spielregeln sorgen, fordert er. „Bio zum Preis von Normalproduktion wird nicht funktionieren und auch dem Verbraucher muss bewusst werden, dass immer nur billiger nicht mehr geht“, sagt Ederer
Martin Bauer sagt, er glaube schon daran, „dass wir auch in den nächsten zwanzig Jahren noch Schweine halten werden“. Nur in welcher Form, das ist derzeit für ihn und seine Familie noch ungewiss. „Mein Ziel ist, den Hof für die Zukunft so zu erhalten, dass er lebenswert ist“, fasst der Hofnachfolger seine Gedanken zusammen. Kurz nach dem Besuch des Wochenblattes bei ihm stiegen die Schweine-Verkaufspreise langsam wieder an. Leider aber auch die Erzeugerkosten, vor allem Futter und Energie.