Brauchtum

Schön, schiach, schaurig

Fastnacht
Max Riesberg Portrait
Max Riesberg
am Freitag, 21.02.2020 - 08:20

Holzwurm Dieter Brauner aus Ohlstadt schnitzt seit seiner Jugend die für die Fastnacht in der Region unverzichtbaren Holzlarven.

Dieter Brauner

Für das staatliche Haupt- und Landesgestüt Schwaiganger arbeitete Dieter Brauner aus Ohlstadt stolze 40 Jahre als Haus- und Hofschreiner. Vom Futterbarren im Kuhstall, über die Pferdeboxen und Zäune bis hin zu den Stalltoren war er dort für die Instandhaltung des gesamten Holzinventars in alleiniger Regie verantwortlich. Außerdem hat er die gesamten Kutschen in Schwaiganger repariert und restauriert.

„Holz war schon immer mein Werkstoff, weil es so vielfältig ist. Weil man aus ihm nahezu alles machen kann, ob Schiffe, Häuser oder Möbel und zu guter Letzt kann man noch den Ofen damit einschüren, dass man es warm hat“, sagt der 67-Jährige mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht.

Seine Freunde nennen Brauner aufgrund seiner Holzleidenschaft „den Holzwurm“. Das empfindet der humorige Rentner keinesfalls als Spott. Im Gegenteil, diesen Spitznamen hat er sich Brauner sogar auf seine Visitenkarten drucken lassen und darunter kennt man ihn landauf, landab. Die große Begeisterung des Ohlstädters, der in einem kleinen Anwesen mit Gärtnerei aufgewachsen ist und in Garmisch mit 14 Jahren die Holzfachschule besuchte, wo er Bildhauerei und das Schreinerhandwerk lernte, gehört allerdings dem Schnitzen von Faschingsmasken.

"Die Ideen hole ich mir draußen auf der Straße"

Die Larven, wie sie im Murnauer Raum und vor allem im Werdenfels mit der „Fosnochts“-Hochburg Mittenwald genannt werden, sind einzigartige und für die Region typische Kunstwerke. Sie hängen nicht nur als Zierde in den Bauernstuben, sondern kommen nun vermehrt auch wieder zum Einsatz beim sogenannten Maschkeragehen oder Gungeln. Sie werden von einigen wenigen Schnitzern im Zugspitz-Land meist aus Linden oder Zirbenholz in aufwendiger Handarbeit hergestellt. Jeder von ihnen hat seine spezielle und unverkennbare Art sie zum Leben zu erwecken.So auch Brauner, der sich in seiner Rente ganz seiner Schnitzer-Passion widmen kann.

Beachtlich ist seine Sammlung an Larven über die Jahre angewachsen. Gut 70 Stück nennt er sein Eigen. Kaum ein Raum im Haus der Familie Brauner, den nicht irgendein hölzernes Gesicht ziert. „Die Ideen dafür hole ich mir draußen auf der Straße. Ich schaue mir die Leute ganz genau an. Neulich saß ich in der Sauna und habe mir gedacht, der hat vielleicht ein interessantes Gesicht. Da musste ich gleich heim und eine neue Maske schnitzen“, erzählt er.

Mit Warzen und Furunkeln

Fasching

Gestaltungsmöglichkeiten habe man viele, wie Brauner scherzhaft meint: „Der eine bekommt besondere Haare oder Zähne, der andere eine schiache Nase oder ein Glasauge.“ Und auch Warzen und Furunkel, können beliebig verteilt werden. Der Kreativität seien hier keine Grenzen gesetzt, sagt Brauner und lacht. Zum Fassen, also bemalen, kommen die Kunstwerke vorübergehend zu drei Malern in der Region. Natürlich sind ihm die etwas ausgefalleneren Gesichter, die es in der Maschkera-Szene nicht so oft gibt, am Liebsten. „Jeder will halt etwas Besonderes haben.“

„Einen guten Maschkera darf man nicht erkennen, nicht einmal der beste Freund“, erklärt der Larvenschnitzer und erinnert sich an frühere Zeiten zurück, wo auch er selbst noch „Maschkera gegangen“ ist. Ohlstadt sei eine Maschkera-Hochburg gewesen und es habe sich schnell über Landkreis-Grenzen hinweg herumgesprochen, dass hier was los ist. In den Wirtshäusern und fast in jedem Bauernhaus gab es eine Gungel. Man habe sich in kleinen Gruppen verabredet und sei dann durch den Ort gezogen. „Da ging es schon teilweise wild zu“, berichtet Brauner wehmütig.

Als zunehmend Faschingshungrige von außerhalb kamen und über die Strenge schlugen und die Gaststätten, Höfe und Häuser unter anderem für den Fremdenverkehr renoviert wurden, blieben auch immer mehr Türen für das illustre und traditionelle Faschingstreiben verschlossen.

Die Vielfalt macht’s halt aus

Dieter Brauner

Nun könne man Gott sei Dank wieder eine leichte Maschkera-Renaissance, gerade in den Zugspitz-Orten wahrnehmen.
Brauner selbst bleibt in seinem Alter heute aber lieber in seiner beeindruckenden Werkstatt und verfeinert und entwickelt sein Handwerk immer noch weiter. „Meine erste Larve habe ich 1966 geschnitzt, mit drei stumpfen Schnitzmessern, sodass ich sie hinten gar nicht ausgehöhlt habe. Das war eine Quälerei“, erinnert sich der „Holzwurm“ zurück. Weit über 50 Jahre später ist er natürlich in Sachen Werkzeuge und gut gelagerter Rohstoffe bestens ausgestattet. „Das kann ich alles wahrscheinlich gar nicht mehr verschnitzen“, meint er mit einem Augenzwinkern.

Wenn er auf Märkten vertreten ist, dann hat er mehr als seine Larven im Gepäck, vom Holzspiel, über Vogelhäuschen, Schemel bis hin zu aufwändigen Holzschalen und sogar Schmuckaccessoires. „Es würde mich vor allem sehr freuen, wenn die ein oder andere meiner Holzmasken, die übrigens alle einen Namen haben, einen neuen Besitzer finden würde. Besichtigungen können jederzeit ausgemacht werden“, betont Brauner. Schließlich brauche auch er wieder Platz für seine neuen lustigen oder ernsten, aber vor allem einzigartigen Gesichter aus Holz, für die er sogar Aufträge von Faschingsgesellschaften aus Baden-Württemberg bekommt. „Die Vielfalt macht’s halt aus, wie beim Werkstoff Holz selbst oder wie ganz allgemein im Leben“, sagt der Holzwurm und schnitzt zwischendurch schnell eine Wildsau.

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