Hühnerhaltung

Mit Schnapsidee zum Erfolg

Hühnerhaltung
Martina Andrea Fischer
am Mittwoch, 27.11.2019 - 10:26

Nach der Umstellung von Milchvieh auf Hühnerhaltun und mit der Produktion eines eigenen regionalen Eierlikörs wurde die Bäuerin Gitti Riedl aus Jakobsbaiern heuer Unternehmerin des Jahres.

Es war eine Schnapsidee mit Freundinnen“. Wenn Gitti Riedl das sagt, lacht sie. So nahm die Benennung ihres Erfolgsproduktes ihren Lauf. Letzteres hat de facto etwas mit Alkohol zu tun. Ebenso mit einem modernen, wohlüberlegten Konzept. Innovativ und als neue, sanftere Auflage des traditionellen Eierlikörs konzipierte die Hühnerbäuerin das „Gackerl“. Mit diesem regionalen Produkt erobert sie Veranstaltungen, Gastronomie und Endverbraucher. Die Begeisterung wächst und die 41-Jährige errang auch schon zwei namhafte Auszeichnungen: den 3. Platz beim Meggle-Gründerpreis 2018 und heuer die Würdigung „Bäuerin als Unternehmerin des Jahres“ seitens des Landwirtschaftsministeriums.

Am Anfang des Erfolges stand jedoch eine tiefgreifende Entscheidung.  Der Zehetmoarhof in Jakobsbaiern (Lks. Ebersberg), auf dem Gitti Riedl, ihr Mann Hans (49) und die beiden Kinder Michi (8) und Andi (5) leben, ist bereits seit Generationen im Familienbesitz. Milchviehhaltung wurde betrieben. Doch der Laufstall für die 45 Kühe war bereits 40 Jahre alt. Neubau und Vergrößerung auf bis zu 80 Tiere und mehr Fläche wären wirtschaftlich notwendig gewesen. „Aber man kriegt bei uns wegen des Biogases keine Fläche,“ erläutert Gitti Riedl einen wichtigen Faktor. 

Für Umstellung entschieden

Eierlikör

2009 fiel die Entscheidung zur Umstellung. Nun hat der Betrieb 5 000 Legehennen in zwei Ställen. Dabei setzen die Riedls zum Tierwohl bewusst auf Freilandhaltung. Bei der Verarbeitung des hofeigenen Sojas entschied man sich für den Asamhof in Kissing als Mühle, die nur bayerische, gentechnikfreie Futtermittel verarbeitet. Ungewohnt war die Neuerung anfangs. „Von Kühe auf Hühner ist wie einen neuen Beruf lernen. Wie von Maurer auf Bäcker.“ Das zeigte sich für die Riedls ebenso wie ein weiterer Umstand. „Du bist plötzlich selbstständig, musst selbst schauen, wo du deine Produkte hinbringst,“ erinnert sich Gitti Riedl.

Mit „Unser Land“ wurde ein guter Vertriebspartner gefunden. Als weitere Abnehmer für die Eier belieferte die 41-Jährige Hofläden, Altenheime und Metzgereien in der näheren Umgebung. Außerdem gibt es am Hof ein Eierhäusl, das für die Kunden von sieben bis zwanzig Uhr geöffnet hat. 

Neben Eiern und Nudeln bietet Gitti Riedl seit 2013 ein neues Erzeugnis. Das ergab sich ganz simpel, wie sie meint: „Jede Hühnerbäuerin fängt mit Eierlikör an. Das machen total viele.“ Die üblichen Varianten waren ihr jedoch „zu rass“. Experimente zur Perfektion des Geschmacks begannen in der hofeigenen Küche. Sanfter sollte das Getränk sein und natürlich mit besten regionalen Zutaten hergestellt: frischen, handaufgeschlagenen Eigelben vom eigenen Hof, Bio-Sahne und -Milch der Molkerei Berchtesgadener Land, Alkohol der Firma Stettner aus Kolbermoor. Mit Zucker und Vanillinzucker dazu entstand ein sanft-sahniges alkoholisches Mischgetränk. Das muss so heißen, wie die Hühnerbäuerin erklärt, da es mit 12,5 % Alkoholgehalt nicht als Eierlikör verkauft werden darf. Das ist erst ab 14 % möglich.
Nun klingt „alkoholisches Mischgetränk“ zugegebenermaßen sperrig. Ein eingängiger Name musste her. Der fand sich bei einem gut gelaunten Abend mit Freundinnen. Angelehnt an die Legehennen fiel die Entscheidung auf eine lautmalerische Version - der „Gack“.

Mit der Benennung verkaufte Gitti Riedl ihre Kreation zuerst in 350- und 500-ml-Flaschen. „Die Leute waren total begeistert,“ freut sie sich über positive Rückmeldungen. Das hieß: Einrichtung einer Eierlikörküche im ehemaligen Laufstall aufgrund von Nachfrage und Auflagen, dabei weiterhin Handarbeit. 

Zündende Idee

Die eigentlich zündende Idee hatte die Hühnerbäuerin 2016. Sie wollte den Eierlikör aus der „Oma-Ecke“ in die Gegenwart holen, als „neues In-Getränk“ für junge Leute. Als Zwei-Zentiliter-Stamperl sollten sie an die beliebten „Klopfer“ anknüpfen. Gängige Schnapsfläschchen waren jedoch aufgrund der dickflüssigen Konsistenz des Getränks nicht sinnvoll, Twist-off Portionsgläser mit Schraubverschluss schon. Für das kleine Geschwister des „Gack“ gab es dann natürlich einen eigenen Namen – das „Gackerl“. Und das sollte den Erfolg des großen Bruders überflügeln.

Als Test zur Konsumententauglichkeit lieferte Gitti Riedl 200 Stück an ein Maibaumstüberl im Ort. Sie waren bereits am ersten Abend verkauft. Die Getränkeneuerung war ein Hit. Als nächste gute Abnehmer stellten sich lokale Feste heraus, beliefert mit 20er-Eierhöckern für XL-Eier, in die die „Gackerl“ perfekt hineinpassten. „Ich habe ständig telefoniert, bin rumgefahren und habe probieren lassen,“ blickt die Hühnerbäuerin auf diese anfängliche Akquisephase zurück.

Absatz läuft

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Die Leute waren begeistert vom Getränk. Aber nicht jeder ist ein Großabnehmer. Die 41-Jährige erhielt Anfragen nach kleineren Verpackungseinheiten, auch mit Geschenkeignung. Die Gläschen passten auch perfekt in Kartons für XL-Eier. Seitdem gibt es sie in Vierer- und Zehnerschachteln. Dabei ist der Überraschungseffekt bei den Beschenkten meist riesig. „Wennst a Oarschachtl kriagst, schaugst erst moi komisch,“ sagt Gitti Riedl schmunzelnd. Durch die verschiedenen Verpackungseinheiten ist der Abnehmerkreis auch vielfältiger, mit Privatkunden, Hofläden, Veranstaltern und regionalen Getränkemärkten im Umkreis von rund 100 km sowie drei Online-Händlern.

Ihre Idee hat sich Gitti Riedl auch offiziell eintragen lassen. Seit August 2016 sind sowohl der Name „Gackerl“, als auch die speziellen Verpackungsformen beim Deutschen Patent- und Markenamt München geschützt. Um Produktpiraterie zu verhindern, die bereits vorgekommen ist. 

Bei so viel Nachfrage kann die Bäuerin zudem nicht als Einzelkämpferin dastehen. Sie hat inzwischen ein Team zur Mitarbeit in der „Gackerl“-Produktion: vier Damen aus der Verwaltungsgemeinschaft Glonn. Angelika, Juditha, Karoline und Sylvia sind ebenso Mamas wie die Hühnerbäuerin. Die Arbeit vormittags ist an die Betreuungszeiten ihrer Kinder angepasst und in den Ferien können diese gerne mit auf den Zehetmoarhof kommen.
Aufgrund der hervorragenden Nachfrage hat Gitti Riedl ihren Blick natürlich nach vorne gerichtet. Sie möchte den Verkauf auf Oberbayern, so möglich auf ganz Bayern, erweitern und die Akquise beim Einzelhandel verstärken. Mit einem Maschinenbauingenieur aus der Region plant sie eine kleine, halb-automatische Abfüll- und Etikettier-Anlage. Ihre Überlegung zur Zukunft: „Ja, ausbauen halt. Ich weiß nicht, wo es hingeht.“

Vorhersagen kann man das sicher nie. Was man jedoch im Fall von Gitti Riedl und ihren „Gackerl“ sagen kann: eine „Schnapsidee“ muss keine bleiben, wenn man die gute Laune des Moments mitnimmt, ein hochwertiges Produkt bietet und das Ziel mit Temperament und Ausdauer verfolgt.