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Betriebskonzept

Schafwolle verwerten: Koa Glump produzieren

Wollspinnerei Hoefer Wolldatsch
Martina Fischer
am Mittwoch, 01.06.2022 - 07:13

Guter Wollpreis, gute Wollwaren und gute Beziehungen zu Schäfern und Kunden: Die Wollspinnerei der Familie Höfer im Landkreis Rosenheim zeigt in 3. Generation wie es auch gehen kann – nämlich fair für alle Beteiligten.

Wollspinnerei Hoefer Wolle Detail

Dem Erfindergeist von Mathias Höfer ist eine Betriebsgründung in Litzldorf zu verdanken, die sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt hat: 1947 baute er eine Wolldatsch nach selbst erarbeitetem Konstruktionsprinzip. Fahrradketten für den Antrieb, kombiniert mit Flach- und Rundriemen, eine Holzlattenkonstruktion als Abdeckung und ein Stahlträgergestell als Basis – so präsentiert sich die Wolldatsch, respektive Kardiermaschine, die Höfer in zweijähriger Tüftlerarbeit ersann. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Maschinenbauer schließlich nur mit einer begrenzten Auswahl an Materialien arbeiten. Das aber schaffte er sehr gut und gründete so mit seiner Frau Maria die Schafwollspinnerei Höfer, die es im Bad Feilnbacher Ortsteil Litzldorf immer noch gibt, mittlerweile in dritter Generation und allen Zeitläuften zum Trotz.

Wolldatsch aus Holzlatten und Fahrradketten

Wollspinnerei Hoefer Kardiermaschne

Nach 75 Jahren des Bestehens wird der Betrieb heute vom Sohn des Firmengründers Hans Höfer und dessen Frau Martina geleitet und auch deren Sohn Matthias Höfer ist bereits in die Geschäftsführung miteingebunden. Die erste Wolldatsch ist zwar nicht mehr in Betrieb, hat aber natürlich einen Ehrenplatz in einem kleinen Museumsbereich. Die Maschinen, die in der Produktion jetzt eingesetzt werden, sind jedoch auch nicht viel jünger. Sie wurden in den 50er- und 60er-Jahren gebaut. „Gott sei Dank“, sagt der Gründerenkel Matthias Höfer. „Mit den Maschinen kann man noch arbeiten.“ Viel Pflege bräuchten sie, aber man könne sie noch selbst reparieren.

Nicht nur der Hardware ist die Wollspinnerfamilie über die Jahrzehnte treu geblieben, sondern auch den Werten des Gründers. Regionalität, Qualität und ein hohes Maß an Handarbeit zählen in der Spinnerei. Dabei entstehen hochwertige heimische Produkte von Strickwolle bis Bettwaren und Arbeitsplätze vor Ort und für die Schafhalter gibt es einen sehr guten Wollpreis. Für den fairen Umgang mit den Schäfern sind die Höfers bekannt. 130 von ihnen beliefern die Spinnerei. Ihre Herdengrößen umfassen fünf bis 1200 Tiere. Fast alle Schäfer stammen aus Bayern, zehn Prozent aus anderen Teilen Deutschlands. „Wir haben keine Wolle aus dem Ausland“, betont Höfer.

Zum Waschen nach Belgien, Rest passiert hier

Wollspinnerei Hoefer Schafwollteppich

Die verarbeitete Jahresmenge stammt von circa 35.000 Schafen unterschiedlicher Rassen, den größten Teil stellen Merino- und Bergschafe. Aber auch die Wolle von Coburger Fuchsschafen oder dem Deutschen schwarzköpfigen Fleischschaf nimmt die Spinnerei an.

100 t Rohwolle werden pro Jahr verarbeitet. Die müssen erst gewaschen werden. Bei einem Großteil der Menge geschieht das in Belgien. „In Deutschland macht das keiner mehr“, bedauert der Junior-Geschäftsführer. Zwar gebe es in Österreich noch eine kleine Wäscherei. Auch an die würde ein Teil gegeben, die habe jedoch nicht die Kapazität für die Gesamtmenge, die hier verarbeitet wird.

Die ist nach dem Waschen bereits ordentlich reduziert. 55 t bleiben übrig. Der Verlust von 45 % ist viel Fett oder Dreck. Dabei wird im Litzldorfer Betrieb auch aus dem schmutzigen Wollmaterial noch etwas gemacht, nämlich Düngepellets. „Ein Kreislauf, bei dem nichts verloren geht“, sagt Höfer stolz.

Bis die „Wendelstein Schafwolle“ entsteht, benannt nach dem markanten Berg hier in der Gegend, braucht es nach dem Waschen noch viele Arbeitsschritte. Es folgen das Kardieren, das Spinnen per Hand oder Maschine, das Zwirnen und das Portionieren. Das Unternehmen sorgt auch für die weitere Veredlung, verfügt über eine Teppich-Weberei, eine Bettenproduktion und eine Näherei.

Im Spinnerei-Laden gibt es Web-, Strick-, Vlies-, Filz- und Bastelwolle in Natur und 52 Farbtönen. Dabei werden auch verschiedene Naturfärbemittel verwendet, unter anderem Blauholz, Krapp, Gelbbeere und Schellack. Ein Aufwand in der Entwicklung und Herstellung, der aber eben auch der Qualitätsmaxime entspricht. „Du derfst nix Billigs produziern, koa Glump. Deshoib gibt ´s uns no“, ist Matthias Höfer überzeugt.

Die Klage vieler Schafhalter, die für den Verkauf ihrer Wolle oft nicht einmal den Schurpreis hereinholen können, sieht Höfer kritisch. Niedrige Preise im Wollsegment hätten ihre Gründe, meint er. Ein Problem seien etwa nicht reinrassige Herden, ebenso, wenn zu sehr auf Fleischschaf gezüchtet werde. „Oder beim Scheren wird nicht ordentlich sortiert,“ erklärt er. Bauch-, Haxen- und Schwanzwolle müsse gleich aussortiert werden. „Gute Wolle reinrassiger Schafe ist in der Textilindustrie gesucht“, versichert er. Dann gebe es auch einen ordentlichen Erlös. Die Litzldorfer Spinnerei zahle überdurchschnittlich gut. Der Wollpreis sei seit rund 20 Jahren relativ stabil. Aufrechterhalten könne man diesen, weil die Spinnerei den Großhandel nicht beliefert. Regionale Schafwolle, regionale Verarbeitung und regionale Vermarktung – das ist hier Trumpf.

Unabhängig sein vom Weltmarkt ist das Ziel

Anderswo sitzen Schäfer heute noch auf der Wolle vom vergangenen Jahr. Hier im Landkreis Rosenheim kann sich Schäfer Quirin Fröwis aus Amerang nicht darüber beschweren. Er hält rund 500 Merino-Mutterschafe. Dass das Konzept und der Auszahlungspreis der Wollspinnerei stimmen, bestätigt er. Für sauber sortierte Wolle seiner reinrassigen Tiere bekomme er einen sehr guten Preis, sagt Fröwis. „Und die Wolle geht nicht nach China.“ Das ist dem Schäfer wichtig. Auch können Wolllieferanten wie Fröwis Produkte der Spinnerei an ihre Kunden verkaufen – und die kaufen sie gerne, im guten Wissen, dass die Wolle von Schäfern aus Bayern stammt und auch hier verarbeitet wird. Ohne die lokale Wollspinnerei wären beide vom Weltmarkt abhängig – Schäfer und Verbraucher.

Rund 45 Arbeitsplätze schafft der Betrieb in der Region. 25 Mitarbeiter sind dabei direkt im Unternehmen tätig, etwa im Laden, an den Maschinen zur Wollherstellung sowie in der Spinnerei, Weberei und Näherei. Zwanzig üben ihre Tätigkeit in Heimarbeit aus. Denn neben der reinen „Wendelstein Schafwolle“ gibt es im Laden auch Strickwaren, Gefilztes, Gewalktes, Webwaren und Stoffe, aber auch Naturseifen, Shampoos und Lotionen aus Schafmilch. Es ist, kurzum, ein Schaf-Mekka, das hier vor einem Dreivierteljahrhundert in Litzldorf entstand. Eines, in dem die Welt für Kunden, Schäfer und Schafe in bester Ordnung ist.