Rinder

Ritterschlag für den Elitezüchter

Thumbnail
Paul Kannamüller
am Dienstag, 08.01.2019 - 10:10

Siegfried und Carla Wagner haben sich auf die Zucht von Angus und Galloways spezialisiert.

Frühlingsgefühle am Winteranfang: Wie ein Hase springt ein junges Kalb über die Weide, um Anschluss an seine Herde zu finden, die sich an einer Futterstelle am schmackhaften Heu labt. Siegfried Wagner lockert die Drähte des Weidezauns und führt dann zu einem Unterstand, wo in einer kuscheligen Ecke in einem Heuhaufen ein frisch geborenes Kalb liegt. Es handelt sich hier um ein Jungrind der Rasse Angus, die im Allgemeinen als sehr pflegeleicht und robust gilt. Also ideal für die Extensivhaltung nach biologisch-dynamischen Richtlinien, wie sie hier auf dem Betrieb von Siegfried und Carla Wagner seit fast 40 Jahren praktiziert wird.

Thumbnail

Bis unters Dach stapeln sich die Heuvorräte für den Winter, die Vierbeiner werden jetzt wieder von der Weide in ihre überdachten Stallungen gebracht, wo sie auch den ganzen Winter über genügend Auslauf haben. Prinzipiell könnten sie natürlich auch während der kalten Jahreszeit draußen auf der Weide bleiben, sagt Siegfried Wagner, aber die Grasnarbe wurde den ganzen langen Sommer dermaßen strapaziert, dass sie nun dringend eine Schonung braucht, um sich bis zum Frühjahr wieder regenerieren zu können. Insgesamt 36 ha Wiesen und Weiden gehören zum Betrieb, auf dem die Futtervorräte für das Winterhalbjahr zur Gänze selbst produziert werden. „Wir bräuchten noch dringend Weideflächen in Hofnähe“, sagt Carla Wagner. Aber landwirtschaftliche Flächen seien knapp und inzwischen ein Riesenproblem, welche zu erwerben. In der Anfangsphase des Betriebes war das alles natürlich noch viel einfacher. Übrigens: Rund 800 Ballen Heu werden den Winter über an die Rinder verfüttert, „was eine ziemlich große Menge ist“.

Ein Züchter aus Leidenschaft

Thumbnail

Eher zufällig hat Siegfried Wagner seine Leidenschaft für die aus Schottland stammenden Angus und Galloways Anfang der achtziger Jahre entdeckt. Es war im Urlaub auf der „Insel“, als ihm die „schwarzen Tiere“ begegnet sind und er davon so fasziniert war, dass er dann gleich welche ins oberbayerische Haag a. d. Amper (Landkreis Freising) importiert hat. Doch vorher musste der angehende Rinderzüchter noch einen kleinen Stadl ausräumen, in dem sich noch alte Maschinen befanden, die vom elterlichen Hof stammten. Seinerzeit existierte hier nämlich eine kleine Landwirtschaft mit Kühen und Schweinen, von der eine kleine Familie leben konnte, wie Wagner erzählt. Ein „Draht zur Landwirtschaft“ war also immer schon da, obwohl Wagner ursprünglich das Konditorenhandwerk erlernt und darin auch seinen Meister gemacht hat. Noch gut kann sich Wagner daran erinnern, als er damals ob seiner züchterischen Ambitionen „belächelt“ wurde, galt er in den Augen vieler Zeitgenossen doch nur als „kleiner Bäcker“.

Inzwischen hat sich das Bild freilich komplett gewandelt, die Herde mit Angus und Galloways ist mit den Jahren gewachsen – und auch Wagner mit seinen Aufgaben. Auf der Weide inmitten eines Naturschutzgebietes grasen drei Herden, die aus insgesamt 45 Mutterkühen bestehen. Es ist diese extensive Form der Rinderhaltung, die den Wagners von Anfang an vorschwebte. Normalerweise geben die Gras- und Weideflächen auch so viel her, wie die Rinder zu fressen brauchen. Nur heuer, in diesem trockenen Sommer, war ein Drittel weniger geerntet worden, „sodass wir Futter aus dem Allgäu zukaufen mussten“. Siegfried Wagner spricht von einer Ausnahmesituation, die in erster Linie auf die extreme Wettersituation im Sommer zurückzuführen sei.

Mal zu trocken, mal überschwemmt

Vor etwa fünf Jahren hat er genau das Gegenteil erlebt, als nämlich bei einem Jahrhunderthochwasser die ansonsten harmlose Amper über die Ufer trat und seine Weiden komplett überschwemmt hat. Die Tiere waren bis zum Bauch im Wasser gestanden und mussten vorübergehend „ausgelagert“ werden, erinnert sich der Rinderzüchter. Die stark verschlammte Weide war erst ein Jahr darauf wieder brauchbar. Weil ihr Betrieb beim Ökoverband „Naturland“ registriert ist, müssen die Wagners mindestens einmal im Jahr auch mit Kontrollen rechnen, bei denen von der Fütterung bis hin zur Haltung alles unter die Lupe genommen wird.

Wenn man mit Siegfried und Carla Wagner über die inzwischen etwas aufgeweichte Weide stapft, dann spürt man beinahe mit jedem Schritt, dass hier alles getan wird, damit sich die Rinder wohlfühlen. So sollen demnächst einige Stallungen verbessert werden, damit man dem Tierwohl noch mehr gerecht wird, sagt Wagner, dessen Expertise auch als Tierrichter gefragt ist. Den Ritterschlag in dieser Disziplin erhält man wohl dann, wenn man als erster Deutscher zur Royal Highland-Show in Edinburg berufen wird. „Das war das Highlight in meinem bisherigen Züchterleben“, sagt Wagner, der sich demnächst zum Weltkongress der Anguszüchter nach Uruguay aufmacht und betont, dass er nur mit „guten Tieren“ züchte. Seine Zuchtbullen hat er beispielsweise aus Schottland und Kanada importiert, es sind Kleiderschränke auf vier Beinen, die einen mächtigen Eindruck machen. Inzwischen besitzen die Wagners zwei Angus- und eine Galloway-Herde.

Von April bis Dezember tummeln sich die Tiere draußen auf der Weide und haben Auslauf das ganze Jahr über, schildert Siegfried Wagner. Um den Bestand in etwa stabil zu halten, wird einmal im Monat geschlachtet – nämlich dann, wenn die Jungtiere etwa 500 kg auf die Waage bringen und zwei Jahre alt sind.

Wurstspezialitäten im Bäckerladen

Thumbnail

Ein Teil geht in die Fleisch- und Wurstvermarktung, ein Teil wird auf dem Hof selbst an die Kundschaft verkauft. „Viel geht auf Bestellung und an Stammkunden“, erläutert Carla Wagner, die oft selbst im geschmackvoll eingerichteten Bäckerladen steht, wo man im hinteren Teil auch leckere Wurstspezialitäten vom Angus und Galloway kaufen kann. Das Angebot hat sich herumgesprochen und Bestellungen sind selbstverständlich auch per Mausklick übers Internet möglich. Pakete gehen beispielsweise bis nach Augsburg und Düsseldorf, „die Kühlboxen stehen bereits am nächsten Tag beim Kunden vor der Haustür“, sagt Siegfried Wagner.