Debatte

Nach Rissen: Almbauern wollen Wolf abschießen

Wolf
Barbara Höfler und Philipp Seitz
am Donnerstag, 18.11.2021 - 17:05

Nach den jüngsten Vorfällen in Oberbayern haben Almbauern einen Abschuss beantragt. Ein Video löst derweil große Befürchtungen und eine Debatte aus.

Bergen/Lks. Traunstein Der Ärger im Landkreis Traunstein ist groß. Die jüngsten Wolfsrisse in Traunstein und im Berchtesgadener Land haben für viele Landwirte das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Verband der Forstberechtigten im Chiemgau will nicht mehr länger abwarten – und hat einen Antrag auf Abschussgenehmigung gestellt. Das teilte das Landratsamt Traunstein dem Wochenblatt mit. Das Landesamt für Umwelt (LfU) hatte jüngst bestätigt, dass der Wolf fünf Schafe in Bergen (Lks. Traunstein) und ein Schaf in Aufham-Anger (Lks. Berchtesgadener Land) gerissen hatte.

Nach dem Wolfsriss in Bergen fehlt von einem sechsten Schaf noch jede Spur. Die Besitzer der gerissen Schafe, Stefan und Monika Rappl überlegen derzeit, ob sie auch als Privatperson eine Abschussgenehmigung beantragen sollen. Für Landrat Siegfried Walch (CSU) ist die Sache klar: Eine Entnahme sei der richtige Schritt, sagte er dem Wochenblatt. Die Gebiete vor Ort seien nachweisbar durch die Kartierung nicht zu schützen. Und auch Dr. Leopold Herz, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Bayerischen Landtag, drängt auf den Abschuss von Wölfen: „Wir halten es für dringend geboten, den strengen Schutzstatus des Wolfs auf den Prüfstand zu stellen.“ Dem Wochenblatt sagte Herz: „Wir werden künftig nicht umhinkommen, den Wolfsbestand zu regulieren.“

Anfang der Woche hatte die Debatte um den Wolf nochmals an Fahrt aufgenommen. In den digitalen Netzwerken verbreitet sich ein Video, dass zeigt, wie ein Wolf über einen abgelegenen Hof schleicht. Entstanden ist das Video in Brannenburg im Landkreis Rosenheim. Aufgenommen hat es die Überwachungskamera eines Hofes. Am Mittwochabend bestätigte das LfU unserer Zeitung, dass die Videosequenz „als Nachweis eines Wolfs gewertet wird“.

Wolf tastet sich an Siedlungen heran

Fachpolitiker überraschen die Aufnahmen allerdings nicht. Schon seit vielen Jahren taste sich der Wolf immer näher an menschliche Siedlungen heran. Das sei gerade auch im Oberallgäu der Fall, sagt FW-Politiker Dr. Leopold Herz, der seit 1997 BBV-Ortsobmann in Wertach im Allgäu ist. Zustimmung erhält er vom CSU-Abgeordneten Klaus Steiner aus Traunstein. „Wir müssen uns an solche Bilder gewöhnen“, sagt er. Dramatisch sei, dass mit den steigenden Wolfsrissen und Wolfssichtungen auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen vor Ort leide.

BJV-Bezirksvorsitzender Alexander Flierl

Sein Fraktionskollege im Landtag, Alexander Flierl, bezeichnet als jagdpolitischer Sprecher der CSU das Video als „besorgniserregend“. Ihn beunruhige, dass der Wolf keine große Scheu beim Durchqueren der Hofstelle zeige. „Insofern haben wir großes Verständnis für die Befürchtungen und Sorgen der Landwirte vor Ort.“ Doch damit nicht genug. Der Wolf bedrohe auch den Tourismus, klagt Steiner: „Es geht doch niemand mehr auf die Almen, wenn dort ein Wolfsrudel oder sogar ein Bär sein Revier hat.“ Es brauche nun schleunigst eine sachliche Debatte. Das sagt auch Monika Rappl. „Wir wollen keine Panik schüren. Aber es muss jetzt einfach etwas passieren.“

BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler bereitet die Ausbreitung des Wolfes im Freistaat große Sorgen: „Ich frage mich, wie lange wir noch warten wollen.“ Er habe das Gefühl, dass sich in Sachen Wolf nichts bewege. Dabei müsse dringend über den Schutzstatus gesprochen – und dann auch konsequent gehandelt werden. Köhler verweist auf das Stufen-Modell des kanadischen Wolfs-Forschers Valerius Geist. Der Biologe spricht von sieben Eskalationsstufen. In der siebten Stufe verliere der Wolf endgültig die Scheu vor dem Menschen und könnte den Menschen angreifen. Aktuell ist laut Köhler Stufe zwei des Modells erreicht: Der Wolf nähere sich in der Nacht menschlichen Behausungen.

Nicht alle Gebiete sind zäunbar

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) hatte sich erst bei der Hauptalmbegehung in Unterwössen (Lks. Traunstein) für die Entnahme von Problemwölfen in Regionen ausgesprochen, die schwer oder gar nicht zäunbar sind. Stefan Rappl zufolge liegt sein Betrieb ausgewiesen im unzäunbaren Gebiet. Auf Wochenblatt-Nachfrage sagte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, man wolle in der Frage nicht der Weideschutzkomission vorgreifen, deren Aufgabe diese Einstufung ist.

Abzuwarten sei auch, „ob die für die letzten Risse verantwortlichen Wölfe standorttreu werden oder ob es sich ‚nur‘ um durchziehende Tiere handelt“. Auch das entscheidet über eine mögliche Genehmigung des Abschusses. Zum Video aus Brannenburg bezog das Landwirtschaftsministerium dahingehend Stellung, dass „eine Gefahr für Leib und Leben von Menschen“ durch Wölfe einen „Entnahmegrund nach der FFH-Richtlinie bzw. Bundesnaturschutzgesetz“ darstellen würde, aber dann nicht mehr Sache des Landwirtschafts-, sondern des Umwelt- und Innenministeriums sei.

Ob der Antrag des Verbands der Forstberechtigten im Chiemgau wirklich erfolgreich sein wird, bleibt offen. Für Oberbayerns BBV-Bezirkspräsidenten Ralf Huber steht fest, „dass es nun Zeit zum Handeln“ sei. BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler gibt nicht auf. Er führt in Kürze Gespräche mit dem LfU und mit Umweltminister Glauber. Seine Warnung: „Wir dürfen den Wolf nicht ständig verharmlosen.“

Die Bauern sind in "Hab-Acht-Stellung" und die Befürchtungen sind groß, beschreibt Kreisbäuerin Katharina Kern die aktuelle Situation. Hier sehen Sie das Videointerview:

Das Bayerische Umweltministerium betont, dass es die Weidetierhaltung im Freistaat auch in Zukunft erhalten möchte. Ein Sprecher sagte unserer Zeitung: „Den Verlust von Nutztieren durch den Wolf nehmen wir sehr ernst.“ Der Umgang mit dem Wolf in Bayern sei mit dem Landwirtschaftsministerium in einem Aktionsplan beschlossen worden – und schöpfe die rechtlichen Möglichkeiten aus. Eine entsprechende Genehmigung für den Abschuss eines Wolfes könne im Einzelfall durch die zuständige Bezirksregierung erteilt werden.

Der Schutzstatus des Wolfs ist allerdings durch EU- und Bundesrecht festgelegt. „Hiervon können die einzelnen Bundesländer nicht abweichen“, sagte der Sprecher. Das Bayerische Umweltministerium habe sich im Bundesrat mehrfach mit Anträgen für die Möglichkeit einer gemäßigten Bestandsregulierung eingesetzt. Dieses Anliegen fand unter den deutschen Bundesländern allerdings bislang keine Mehrheit.