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Rinderzucht

Rinderzuchtverband Traunstein: Abschied von der Chiemgauhalle

Klaus Oberkandler
am Mittwoch, 28.09.2022 - 12:12

Der Neubau der Versteigerungsräume hat begonnen. Beim Abriss der alten Halle ist nach 50 Jahren etwas Wehmut dabei.

Traunstein Vom Stallgebäude ist nach dem Abriss nur noch ein riesiger Haufen Schutt übrig. Und auch die Tage der Chiemgauhalle sind schon angezählt. Wenn bis 2024 die neuen Vermarktungsräume des Rinderzuchtverbandes Traunstein am alten Platz an der Siegsdorfer Straße stehen, wird auch sie abgerissen und Parkplätzen weichen – der Schlusspunkt nach knapp einem halben Jahrhundert, in dem hier nicht nur Kälber die Besitzer wechselten, sondern Opernpublikum die Nase gerümpft hatte und einmal sogar Franz Josef Strauß gekommen war.

Stallgebäude schon seit 2019 nicht nutzbar

Freude über den Neuanfang: (v. l.) Der Verwalter des Rinderzuchtverbandes Bernhard Reiter, Vorsitzender Hubert Hartl und Zuchtleiter Rudolf Maierhofer präsentieren die Neubaupläne.

Der Neubau wurde notwendig, weil das Dach des alten Stallgebäudes im Februar 2019 unter der Last von Neuschneemassen eingestürzt war. Die Suche nach einem neuen Standort in Traunstein oder Umgebung blieb erfolglos bzw. scheiterte am Widerstand der Anlieger. Deshalb entschloss sich der Verband für den Wiederaufbau in zentraler Lage.

Im Gespräch mit dem Wochenblatt erläuterten der Vorsitzende Hubert Hartl, Verwalter Bernhard Reiter und Zuchtleiter Rudolf Maierhofer das Vorhaben. Geplant sind eine neue Bergehalle, Stallungen und ein unterkellerter Versteigerungsraum für nur mehr 199 statt 1300 Besucher. Anders als die Chiemgauhalle, die man gegen Gebühr für Veranstaltungen zur Verfügung stellte, soll der neue Versteigerungsraum aber nur noch den über 1900 Zuchtverbandsmitglieder dienen. Die 14-tägigen Kälbermärkte und der monatliche Großviehmarkt sollen während der Bauphase uneingeschränkt stattfinden.

Die Chiemgauhalle mit ihrer kühnen Holzkonstruktion war in den 1970er Jahren eines der modernsten Bauwerke in der Großen Kreisstadt. Die rasante Entwicklung der Kälber- und Zuchtviehmärkte hatte drangvolle Enge in der alten Tierzuchthalle an der Scheibenstraße zur Folge. Da war es ein glücklicher Zufall, dass gleichzeitig die Stadt Traunstein nach einem zentralen Standort für die Feuerwehr suchte. So einigte man sich auf den Neubau der Versteigerungshalle auf städtischem Grund und den Bau der Feuerwache an der Scheibenstraße. 4,2 Mio. DM hat der Neubau damals gekostet.

Kälbermarkt als Volksfest, aber Opernfreunde litten

Die Markttage waren zu jener Zeit für viele bäuerliche Familien ein kleines Volksfest. Oft fuhren sie mit nur ein oder zwei Kälbern nach Traunstein, verfolgten die Auktionen, bei denen Versteigerer Stefan Waltl aus Langmoos wortgewaltig die Preise in die Höhe trieb, und kehrten in den Chiemgaustuben ein, die im Hallentrakt gute Küche boten.

Die ganze Region profitierte in den folgenden Jahrzehnten von dem imposanten Neubau. Die Halle entwickelte sich nämlich schnell zu einem begehrten Veranstaltungszentrum, das Jahr für Jahr an bis zu drei Dutzend Terminen von Künstlern, Vereinen und Verbänden genutzt wurde.

Der Stallgeruch war das große Manko an der Halle. Besonders bei festlichen Terminen, bei Opern- oder Operettenaufführungen, beeinträchtigten die Gerüche den Kunstgenuss. Einen ähnlich großen Veranstaltungsraum gab es im näheren Umkreis aber nicht, sodass die Halle mangels Alternativen immer wieder gebucht wurde. 1978 zum Beispiel auch für eine Wahlveranstaltung von Ministerpräsident Franz Josef Strauß.

Auch die Vereine nutzten die Halle, die Chiemgauer Mineralienfreunde für ihre jährliche Ausstellung ebenso wie die Geflügel- und die Kaninchenzüchter. In den Anfangsjahren gab es Heimatabende, Adventssingen, Hausmessen von größeren Firmen und in den Chiemgaustuben Vereins- und Bürgerversammlungen.

In 47 Jahren1300 Kälber- und 740 Großviehmärkte

In der Chiemgauhalle wurden seit ihrer Inbetriebnahme vor 47 Jahren 740 Großvieh- und fast 1300 Kälbermärkte abgehalten. Nur wenige Male mussten Märkte abgesagt werden – so beim Einsturz des Stalldaches 2019. Damals hatte man es mit tatkräftiger Hilfe der Bauern binnen 48 Stunden geschafft, den Markt in die Versteigerungshalle nach Miesbach zu verlegen. Dort wurden in den folgenden Wochen donnerstags die Großviehmärkte des Verbandes abgehalten, obwohl gleichzeitig in Miesbach Kälbermarkt war.

Die Zahl der versteigerten Tiere ging über die Jahrzehnte nur leicht zurück, aber deutlich die der Bauern, die zum Markt kamen. Deshalb, so Hubert Hartl, habe man sich entschieden, den neuen Auktionsraum nun kleiner zu bauen. Dass es mit der Rinderzucht in der Region noch lange nicht zu Ende ist, zeigen die Zahlen: Pro Jahr wird bei den Versteigerungen ein Umsatz von bis zu 10 Mio. € und mehr erzielt. Die herausragende Bedeutung der Region für die Rinderzucht zeigt sich auch daran, wie begehrt hiesiges Zuchtmaterial ist und welche Preis Besamungsstationen dafür zu bezahlen bereit sind.