„Bei der Reittherapie stimmt das Gesamtpaket.“

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Sabine Hermsdorf-Hiss
am Freitag, 30.08.2019 - 10:29

Auf dem Pferdehof Neumeyer in Neufahrn kümmert man sich um behinderte Menschen und nutzt die positiven Wirkungen des therapeutischen Reitens.

Jeden Mittwoch hat Walter Neumeyer auf seinem Pferdehof in Neufahrn besonderen Besuch: Das Münchner Förderzentrum (MFZ) kommt mit seinen Bewohnern zum Reiten. Das MFZ ist ein Unternehmen der Stiftung ICP München, das sich um Menschen mit frühkindliche Hirnschädigungen und anderen Körper- und Mehrfachbehinderungen kümmert.
Fünf Erwachsene mit körperlichen und mehr oder weniger geistigen Einschränkungen gehören zur „Reitertruppe“ und können auf Neumeyers Hof das Angebot „therapeutisches Reiten“ wahrnehmen. Doch heute ist jeder Platz unter dem Vordach besetzt. „Unsere Reiter haben wohl so viel von Walter und seinen Pferden geschwärmt, dass wir heute mit meiner ganzen Förderstätten-Gruppe einen Sonderausflug hierher gemacht haben“, sagt Heilerziehungspflegerin Kathleen Müller (41), die beim MFZ seit Jahren für das Reiten zuständig ist, mit einem Augenzwinkern. Dass sich die acht mehrfach behinderten Gäste wohlfühlen, sieht man sofort. Überall nur strahlende Gesichter. Auch bei den Kolleginnen, die den Ausflug tatkräftig begleiten. „Wir fühlen uns hier seit Jahren willkommen. Ein Anruf bei Herrn Neumeyer hat genügt und wir können einfach vorbeischauen.
Begonnen hat das therapeutische Reiten auf dem Neumeyer-Hof bereits vor Jahrzehnten, lange, bevor das MFZ hierher kam. Als ein Bekannter des Landwirts verunfallte, konnten Therapeuten hier ihre Arbeit machen und das Therapiereiten wurde vorangetrieben. „Er hatte einen hohen Querschnitt“, beschreibt Reittherapeutin Karin Sippel (57) die damalige Situation. Das Reiten gibt durch das Schrittmuster der Pferde auf den menschlichen Körper die besten Impulse. „Die Bewegung ist dreidimensional – vor zurück, rauf und runter, rechts und links.“ Diese Schwingungen werden weitergeleitet und bewirken so eine Lockerung, obwohl sich der Reiter ständig neu auf die Bewegungen des Tieres einstellen muss.
„Bei der Reittherapie stimmt das Gesamtpaket“, sagt Sippel, die nun schon seit vielen Jahren auf dem Hof mit den Münchnern Therapie mit dem Pferd macht. „Der Kontakt zu dem Tier, es zu spüren und anzufassen bringt unglaublich viel. Sogar das Sprachzentrum wird positiv beeinflusst.“ Besonders beliebt ist das Holen der Pferde von der Koppel. „Das reißen sich alle drum. Allein das Gefühl, dass so ein großes Tier einfach mit einem mitgeht – gigantisch.“ Es ist etwas Besonderes für die Reiter im Rolli: raus aus dem Alltag. Eine Therapie, die sich toll anfühlt, auch wenn das die Kasse nicht zahlt. Kontakte zwischen den behinderten und nichtbehinderten Menschen auf dem Hof: das fördert auch das soziale Gefühl.

Nicht jedes Pferd kommt in Frage

28 Pferde hat Neumeyer als Einsteller auf seinem Hof. Derzeit kommen zwei Pferde für die Reiter des MFZ in Frage, denn es eignet sich nicht jedes. Einer der beiden ist Anno (30). Ausgeglichen sollten die Vierbeiner sein, menschenbezogen, geduldig und natürlich nicht schreckhaft. Außerdem müssen sie die Körperspannung und Lautäußerungen des behinderten Reiters aushalten. Auch nicht alltäglich ist, dass neben ihnen beim Putzen und Füttern jemand im Rollstuhl neben ihnen steht. Diese Eigenschaften hat auch „Jenny“, die Stute von Einstellerin Daniela Müller.
Müller kennt die Situation auch von der anderen Seite. Vor einiger Zeit erlitt sie einen Unfall, bei dem sie sich ein Schädelhirntrauma zuzog. Sie konnte nach und nach wieder beginnen sich mit ihrem Pferd zu beschäftigen und dann auch bald wieder aufsteigen – und merkte, wie sich ihr Zustand verbesserte. Sie stellt ihre Jenny dem MFZ gerne zur Verfügung. „Ich habe drei gesunde Kinder und zwei Enkel – für dieses Glück muss man etwas zurückgeben.“

Ein Ende der Zusammenarbeit zwischen den Menschen mit Behinderungen, ihren Begleitern und Walter Neumeyer ist noch lange nicht in Sicht. Dafür sorgt auch Tochter Monika Strobl, die bereits als Jugendliche auf dem Hof des Vaters beim therapeutischen Reiten dabei war. Heute ist sie mittendrin: Sie arbeitet mittlerweile für die Einrichtung in München „und das mit sehr viel Freude.“