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Diskussion

Problemwolf in Tschechien überfahren

Canis lupus
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Mittwoch, 09.02.2022 - 14:36

Überraschende Wende im Streit um den Abschuss eines Wolfes in Oberbayern: Das Tier wurde in Tschechien überfahren.

Es ist eine überraschende Wendung: Der zeitweilig zum Abschuss freigegebene Wolf ist tot – und das schon seit einigen Wochen. Wie das Landesamt für Umwelt mitteilte, ist der Wolf, der in Oberbayern mehrere Tiere gerissen hatte, in Tschechien überfahren worden. Der Wolf mit dem genetischen Code GW2425m starb am 17. Januar, also genau an dem Tag, an dem ihn die Regierung von Oberbayern mit einer umstrittenen Allgemeinverfügung zum Abschuss freigegeben hatte.

Der Wolf wurde nahe des tschechischen Prostejov, nordöstlich von Brünn, überfahren. Dass es sich dabei um den „Traunsteiner Wolf“ handelte, sei erst jetzt aufgrund genetischer Untersuchungen bekannt geworden. Der letzte Nachweis von GW2425m in Bayern in Marktschellenberg ist 360 Kilometer Luftlinie vom Auffindeort in Osttschechien entfernt.

Zu Verkehrsunfällen mit Wölfen kommt es immer wieder. Im Monitoringjahr 2021/2022 sind in Bayern bislang vier Wölfe durch einen Verkehrsunfall zu Tode gekommen. „Für die streng geschützten Wölfe sind Verkehrsunfälle die bekannte Haupttodesursache“, sagte ein Sprecher des Landesamt für Umwelt. Deutschlandweit starben im Monitoringjahr 2020/21 von 138 tot aufgefundenen Tieren 99 auf der Straße beziehungsweise Schiene. Ein Monitoringjahr beginnt am 1. Mai und endet mit dem 30. April des Folgejahres.

Juristischer Streit rund um den Wolf

Rund um den Wolf und die von der Regierung von Oberbayern erlassene Allgemeinverfügung, welche zwischenzeitlich den Abschuss des Wolfes erlaubte, war ein juristischer Streit entbrannt. Nachdem der Bund Naturschutz gegen die Abschusserlaubnis geklagt hatte, setzte das Verwaltungsgericht in München die Allgemeinverfügung fünf Tage später wieder außer Kraft. In den kommenden Tagen wäre eine Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs erwartet worden.

Doch wie geht es jetzt weiter – und fällt im Streit um den Abschuss noch ein richtungsweisendes Urteil? Ein Sprecher des Verwaltungsgerichts sagte dem Wochenblatt, dass das weitere Vorgehen vom Umgang der Prozessbeteiligten mit dem neuen Sachverhalt abhänge. Von der Regierung von Oberbayern hieß es, dass sich die Allgemeinverfügung mit dem Tod des Wolfes erledigt habe. Die Behörde prüft, ob die Allgemeinverfügung noch förmlich aufgehoben wird. Der Bund Naturschutz (BN) hingegen hofft, dass es zu einem Urteilsspruch kommt, der einen Wolfsabschuss in Bayern unter den vorliegenden Umständen verbiete. Der BN-Landesbeauftragte Martin Geilhufe sagte dem Wochenblatt: „Im Moment ziehen wir die Klage nicht zurück.“

Auf ein Urteil hofft auch der Bayerische Bauernverband, wie Umweltpräsident Stefan Köhler deutlich machte: „Es wäre schön, wenn das Verwaltungsgericht ein Urteil fällen würde. Dann würde für die Zukunft eine rechtssichere Aussage vorhanden sein. Wenn nicht, würden wir beim nächsten Problemwolf wieder bei Null anfangen.“ Die Nachricht, dass der Wolf in Tschechien überfahren wurde, sorgte bei den Nutztierhaltern im südlichen Oberbayern zumindest für Erleichterung. „Hoffentlich bleiben jetzt weitere Übergriffe und durch den Wolf verursachtes Tierleid aus“, sagte Köhler.

BBV

Trotzdem habe das Vorgehen der Behörden laut Köhler gezeigt, „dass Bayern bei Problemwölfen noch nicht richtig und schnell handlungsfähig ist“. Zu viele Fragen seien noch offen und müssten nun schleunigst geklärt werden. „Der Aktionsplan Wolf muss dringend überarbeitet werden. Dafür wird sich der BBV in den nächsten Wochen einsetzen!“

In der Landespolitik gehen die Meinungen auseinander. Dr. Leopold Herz (FW), Vorsitzender des Agrarausschusses im Landtag, wertete es als positive Nachricht, dass der Wolf nun keine weiteren Schäden mehr anrichten könne. Doch an der grundsätzlichen Sachlage hätte sich nach dem Unfall nichts geändert: „Naturschützer werben einerseits in Sonntagsreden für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft in Bayern, andererseits reichen sie bei drohender Entnahme eines einzigen Wolfes, der nachweislich massive Probleme verursacht, gleich Klage ein. Das passt nicht zusammen und macht die Weidetierhaltung kaputt!“ Sein Fraktionskollege Nikolaus Kraus, jagdpolitischer Sprecher der Freien Wähler, fordert ebenfalls, „dass die Ansichten mancher Naturschutzverbände zum Umweltschutz korrigiert werden“.

Grüne kritisieren die Staatsregierung

Anders sehen es die Grünen im Landtag. Christian Hierneis, Sprecher für Umweltpolitik und Tierschutz der Grünen, verweist darauf, dass der Wolf GW2425m fast 400 Kilometer von Oberbayern entfernt tot im Straßengraben gelegen habe, als die Regierung von Oberbayern die Abschussfreigabe erteilt hatte. „Er hätte in Bayern keine Schafe mehr gerissen, egal wie viele Gewehre ausgepackt worden wären.“

Notwendig sei eine bayernweite Förderung der Herdenschutzmaßnahmen, in die auch die Behirtung aufgenommen werden müsse. Hier habe die Staatsregierung aber, wie Hierneis kritisiert, „total versagt“. Am Schutzstatus werde sich in absehbarer Zeit seiner Meinung nach nichts ändern. „Deshalb helfen da alle Diskussionen nichts. Jedenfalls nicht aktuell. Aktuell hilft nur Herdenschutz.“