Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Allgemeinverfügung

Problemwolf: Streit um die Entnahme in Oberbayern

Canis lupus
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Dienstag, 18.01.2022 - 03:00

Die Regierung von Oberbayern sieht keine anderweitigen zumutbaren Alternativen zur Entnahme. Doch der Bund Naturschutz klagt.

München - Streit um den Wolf: Die Regierung von Oberbayern hat mit einer Allgemeinverfügung die Entnahme des Wolfs mit dem genetischen Code GW2425m im südöstlichen Oberbayern zugelassen. Ziel sei es, der Gefährdung von Menschen vorzubeugen. Die Allgemeinverfügung wurde Montagabend, 17. Januar 2022, veröffentlicht. Die Ausnahmegenehmigung gilt bis einschließlich 31. März 2022 für das Gebiet der Landkreise Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land südlich der Autobahn A8 und östlich der Autobahn A93 mit Ausnahme des Nationalparks Berchtesgaden, teilte die Regierung von Oberbayern mit.

Der betroffene Wolf hat im Dezember 2021 mehrere Wild- und Nutztiere in Südostoberbayern getötet und teilweise verletzt, wie eine Genanalyse ergab. Diese Vorfälle ereigneten sich wiederholt und überwiegend in der Nähe von Siedlungen. In einem Fall wurde der Wolf zudem auch im Siedlungskern einer Ortschaft gesichtet. Es sei daher davon auszugehen, dass das Tier eine Gewohnheit dahingehend entwickelt hat, dass in und bei Siedlungsstrukturen erleichtert Beute zu machen ist, heißt es in einer Mitteilung der Regierung von Oberbayern. Auch in Zukunft seien deshalb Annäherungen dieses Wolfes an bewohnte Siedlungsstrukturen wahrscheinlich, sodass auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für gefährliche Begegnungen zwischen dem Wolf und Menschen besteht.

Herdenschutzmaßnahmen sind nicht ausreichend

Zumutbare Alternativen zu einer Entnahme bestehen im vorliegenden Fall nicht, wie die Regierung von Oberbayern schreibt. Eine Vergrämung sei angesichts des großen Aktionsradius und des nicht vorhersehbaren Auftretens des Tieres nicht mit verhältnismäßigem Aufwand möglich. Ein Fang mit anschließender dauerhafter Unterbringung eines wildlebenden Tieres in einem Gehege wäre nicht tierschutzgerecht. Herdenschutzmaßnahmen seien angesichts der Gewöhnung des Wolfes an Siedlungsstrukturen zur Abwehr einer Gefahr für Menschen nicht ausreichend.

Zur Entnahme des Wolfes sind nur die im Geltungsbereich der Allgemeinverfügung Jagdausübungsberechtigten und die in diesen Revieren tätigen Forstbediensteten mit Jagdschein, Berufsjäger und Begehungsscheininhaber berechtigt. Um bestmöglich zu gewährleisten, dass tatsächlich der Wolf mit dem Code GW2425m entnommen wird, werden im Fall einer Erlegung eines Wolfs oder eines Totfundes alle Berechtigten umgehend durch das örtliche Landratsamt informiert. Weitere Maßnahmen auf Grundlage der Allgemeinverfügung sind dann unzulässig, bis eine genetische Überprüfung zweifelsfrei geklärt hat, ob es sich bei dem Tier um den Wolf mit der genetischen Kennzeichnung GW2425m handelt. Die Allgemeinverfügung wurde in einer Sonderausgabe des Oberbayerischen Amtsblatts veröffentlicht.

Allerdings ist die Entscheidung der Regierung von Oberbayern umstritten. Der Bund Naturschutz kritisierte die Allgemeinverfügung scharf - und kündigte eine Klage an. Die Entnahmebegründung sei nicht haltbar, hieß es in einer am Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung des Bund Naturschutz. Darin hieß es, dass sich der Bund Naturschutz in seiner Position gestärkt sehe, „dass eine Entnahme nicht rechtmäßig wäre“. Der von der Regierung von  Oberbayern genehmigte Abschuss verstößt nach Ansicht des BN gegen das Bundesnaturschutzgesetz und EU-Verordnungen, weshalb der BN eine Klage gegen die Verfügung ankündigte.   

Beate Rutkowski, stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes und Vorsitzende der BN-Kreisgruppe Traunstein, sagte laut der Mitteilung: „Die Sicherheit des Menschen hat auch für uns oberste Priorität. Der Wolf zeigte aber bisher keinerlei Verhalten, das auf eine erhöhte Gefährdung für Menschen hinweist. Auch im Aktionsplan Wolf der Staatsregierung ist für diesen Fall keine Tötung vorgesehen, sondern der Schutz von Weidentieren in Hof- und Siedlungsnähe sowie eine Vergrämung. Von einem Abschuss ist dort nicht die Rede!“