Vermarktung

Pflanzenöl: In die Salatschüssel statt in den Tank

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Axel Effner
am Freitag, 22.05.2020 - 09:22

Ölmühle Garting: Mit Öl-Spezialitäten aus der Region eine Marktnische erobert

Lein 2014 (24)

Schnaitsee - Dass sich Ölreichtum durchaus mit Regionalität, Biodiversität und der Wiederentdeckung alter Kulturpflanzen verträgt, beweist Toni Lamprecht mit seiner Ölmühle Garting. Mit einer Vielfalt von kaltgepressten Bio- und Speiseölen, darunter auch echte Öl-Raritäten, zeigt der 40-Jährige, wie sich mit der Verbindung von Gesundheit und Genuss eine Marktlücke schließen lässt.

Öl pressen im ehemaligen Kuhstall

Im ehemaligen Kuhstall präsentiert der Familienunternehmer das Herzstück seines Betriebs: Dort sorgt die Schnecke seiner Ölmühle mit langsamen Drehbewegungen für beständigen Nachschub an flüssigem Gold. „Die Funktionsweise muss man sich wie bei einem Fleischwolf vorstellen“, erläutert er, während die Presse knackend Rapskörner zerdrückt. Über eine mächtige Walze fließt ein kleines Rinnsal aus zähem, goldgelbem Saft und plätschert beständig in ein 1000-Liter-Fass. Nach fünf bis sechs Stunden ist der Bottich voll mit mehr als sechs Barrel Öl, das allerdings nicht für den Tank, sondern für die Salatschüssel bestimmt ist.

Der Vergleich ist insofern nicht abwegig, weil Lamprecht bis 2011 tatsächlich noch Rapsöl für die Mineralölindustrie produziert hat. Nach einer Zimmererlehre und einem Agrarmarketingstudium hatte er 2008 vom Vater den elterlichen Hof mit klassischer Milchviehwirtschaft übernommen. „Da ich keine Leidenschaft für die 30 Kühe hatte, musste ich mich anders orientieren“, erzählt er. „Als nachwachsender Biosprit lag Rapsöl anfangs groß im Trend bis die Politik eine radikale Wende in der Förderpolitik vollzogen hat und ein ruinöser Preiswettbewerb folgte.“
Zusammen mit seiner Frau Irmi, die berufliche Erfahrung aus dem Gesundheitsbereich mitbringt, füllte er vor neun Jahren die erste Flasche Rapsöl ab. Inzwischen umfasst sein Sortiment 29 unterschiedliche Öle – von Kürbis- und Walnussöl über Hanf- und Färberdistelöl bis hin zu Öl aus Schwarzkümmel- und Senfsaaten. 90 000 l oder 200 000 Flaschen füllt der Betrieb mit inzwischen 30 Mitarbeitern im Jahr in Handarbeit ab. Spitzenreiter ist nach wie vor das Rapsöl mit einem Anteil von 60 %. In Kosmetika kommt ergänzend das als Anti-Akne-Mittel gefragte Färberdistelöl zum Einsatz.
Aussaat, Kulturpflege, Ernte, Lagerung und Verarbeitung liegen dabei in einer Hand. Leindotter, Lein, Raps, Soja und Senf baut Lamprecht auf den eigenen Feldern an. Für sich wiederentdeckt hat er zudem den iberischen Drachenkopf. Die auch als Ölziest bekannte Kulturpflanze war im 19. Jahrhundert so verbreitet wie heute Raps oder Sonnenblumen.
Zugunsten biologischer Ackerbauverfahren verzichtet der Agrartüftler auf chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel. Zu 95 % bezieht die Ölmanufaktur die Kerne, Nüsse und Samen von rund 50 Zulieferern aus einem Umkreis von 70 km, darunter auch Exoten wie Mohn, Hanf und Schwarzkümmel. Nur für Sesam und Kokos greift Lamprecht auf weiter entfernte Bezugsquellen zurück.
Was macht den Unterschied zur Standardflasche aus dem Supermarktregal aus? „Durch unsere handwerkliche Kaltpressung mit Temperaturen zwischen 35 und 50° C bleibt neben den Vitaminen, Mineralstoffen und mehrfach ungesättigten Fettsäuren auch der Geschmack erhalten“, erklärt Lamprecht. Raffinierte, geschmacksneutrale Öle werden deutlich höher erhitzt. Gefragt sind auch die Kräuter-Rapsöle der Ölmühle Garting, bei denen die Aromen etwa von Basilikum, Knoblauch, Ingwer oder Salbei durch Mitverpressen oder Ölauszüge gewonnen werden.

Das neue Kirschkernöl schmeckt nach Marzipan

Die Lamprechts betreiben auch einen Hofladen. Dessen Sortiment wächst dank guter Vernetzung mit innovativen Betrieben ebenso beständig wie der Internethandel. Der Ideenreichtum der Lamprechts hat dem Betrieb 2014 den 3. Preis beim Meggle-Gründerpreis eingebracht. Das Wissen über die gesundheitlichen Wirkungen der Öle gibt Toni Lamprecht in jährlich gut 100 Führungen an viele Besucher weiter. Stolz zeigt er das neue Kirschkernöl. Mehr als 3,5 kg Kerne sind nötig, um einen Liter Öl zu gewinnen. Es schmeckt nach…ja, was eigentlich, …nach Marzipan!

Die Ölmühle Garting in Schnaitsee

Familie/Betrieb: Toni und Irmi Lamprecht mit vier Kindern, Tonis Eltern und rund 30 Mitarbeiter.

Flächen: 20 ha landwirtschaftliche Nutzfläche, die komplett selbst biologisch bewirtschaftet werden. Angebaut werden Leindotter, Lein, Raps, Soja, Senf, Schwarzkümmel, Hanf und Iberischer Drachenkopf.

Produkte: Die Rohstoffe werden über 50 meist regionale Erzeugerbetriebe bezogen. Das Sortiment des seit heuer biozertifizierten Betriebs umfasst 29 native Speiseöle und sieben Bio-Öle, Absatzschwerpunkt ist Rapsöl mit 60 %. Diese werden kalt gepresst und per Hand in Flaschen gefüllt. Dazu kommen Mehle aus Presskuchen.

Vermarktung: Vermarktet wird über 350 Supermärkte, Bio- und Hofläden, per Internetversand oder im eigenen Hofladen, wo es auch regionale Spezialitäten wie Spezialmehle, Nudeln (etwa Hanf), Urkorngetreide, Kräuter, Gewürze, Säfte, Senf, Saucen oder Essig-Spezialitäten gibt.