Existenz gefährdet

Ochsentour wegen dem Wolf

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Max Riesberg
Max Riesberg
am Donnerstag, 17.09.2020 - 11:47

Almbauern sorgen sich nach Ausnahmesommer 2020 um die Sicherheit ihrer Weidetiere. Bei einer internen Almbegehung auf der Winklmoosalm wurden Erfahrungen ausgetauscht und die gezielte Entnahme der Beutegreifer gefordert.

Forderungen des AVO

  • Ausweisung weiträumiger Weideschutzgebiete im Alpenraum mit erleichterten Vorgaben zur schnellen Entnahme.
  • Herabstufung des strengen Schutzstatus der FFH Richtlinie (aktuell Anhang IV, Ziel in Anhang V überführen)
  • Übernahme ins Jagdrecht
  • Beibehaltung der geforderten Weideschutzzonen
  • Beibehaltung der Rissentschädigungen

Vieles musste dieses Jahr ausfallen

Was blieb in diesem Jahr nicht schon alles auf der Strecke? An viele Großveranstaltungen war und ist aufgrund der Corona-Pandemie nicht zu denken. So musste auch die beliebte Hauptalmbegehenung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO), zu der Hunderte Landwirte, Almerer, Almbegeisterte und die politische Prominenz alljährlich strömen, heuer abgesagt werden.

Doch ganz ausfallen wollten der AVO-Vorsitzende Sepp Glatz und seine Mannschaft den traditionellen Event doch nicht, hatte sich die Bezirksalmbauernschaft Reit im Winkl, die in diesem Jahr mit der Organisation an der Reihe war, doch schon viel Mühe gegeben.

Wolf bewegt die Gemüter der Almerer

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So lud man kurzerhand einen kleineren Kreis von rund 40 Personen, darunter alle Bezirksalmbauern und die Almfachberater, zu einem „intensiven Austausch“ am Berg ein. Und ein Thema bewegte die Gemüter dabei ganz besonders, nämlich der Wolf – der für viele leider alles andere als auf der Strecke bleibt.

In der Grenzregion zwischen Reit im Winkl und dem Tiroler Kössen fielen diesen Sommer schon 33 Schafe und einige Kälber einem „Problemwolf“ zum Opfer. Aber auch im Kreis Garmisch-Partenkirchen wurden jüngst Wolfsrisse nachgewiesen.

Dort hat auch Glatz seine Murnau-Werdenfelser Rinder auf der Alm und ist zudem Vorstand der Weidegenossenschaft. Er mahnt: „Durch die unkontrollierte Ausbreitung der großen Beutegreifer ist die heimische Tier- und Pflanzenwelt ernsthaft in Gefahr.“

Es sei unerlässlich, hier regulierend einzuschreiten und sich breit zum Schutz der Alm- und Weidewirtschaft aufzustellen. Andernfalls sieht er eine Katastrophe auf die Berglandwirtschaft zukommen.
Wie Glatz können viele Almerer in diesem Jahr von ungewöhnlichen Vorkommnissen auf den Bergweiden berichten und sorgen sich um ihre Herden, vom versprengten und verletzten Rindvieh bis zum abgestürzten Ross mit eindeutigen Biss- wunden und Schafen, die nicht mehr aufzufinden sind.
Von Seiten der Behörden sehen sich viele Almbewirtschafter dabei im Stich gelassen, vor allem vom zuständigen Landesamt für Umwelt, das für die Bestätigung der Wolfsrisse zuständig ist. Die Verzögerungstaktik sei hausgemacht. Die Analyse, der an den Kadavern gezogenen DNA-Proben dauere sehr lange, nur wenn zudem tatsächlich Aufnahmen von Wildkameras vorliegen, sei die Bestätigung für das Amt unabwendbar. Allerdings erfolge sie meist viel zu spät. Da sei der Wolf schon wieder über alle Berge, berichten die Bezirksalmbauern.

„Wir werden unserer Lebensgrundlage beraubt“

„Wir werden unserer Lebensgrundlage beraubt“, betont Kaspar Stangassinger aus Bischofswiesen im Berchtesgadener Land. Er fordert: „Der Schutzstatus des Wolfes in der EU muss dringend aufgehoben werden und außerdem muss er ins Jagdrecht aufgenommen werden.“ In anderen europäischen Ländern gehe es schließlich auch.
Der ausgeschiedene AVO-Vorsitzende Georg Mair aus Gaißach macht deutlich: „Wir haben die Problematik über Jahrzehnte pragmatisch begleitet und schon vieles prophezeit, was nun eingetreten ist, aber dass es so dramatisch kommt, haben auch wir nicht gehofft.“ Der Wolfsmanagementplan biete nach Mair die Möglichkeit der Entnahme von Problemtieren. „Wir dürfen nun bloß nicht zaudern“, so Mair nachdrücklich.
Der AVO-Vorsitzende Glatz sagt zu, dass beim nächsten Übergriff des Kössener Wolfes auch auf bayerischer Seite dessen Abschuss beantragt werde. Die Tiroler Nachbarn hätten dies bereits in die Wege geleitet.
„Irgendwie wird man den faden Beigeschmack nicht los, dass es um eine generelle Reduzierung der Viehbestände in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung gehe“, schildert die AVO-Wolfsbeauftragte Brigitta Regauer ihre Sicht der Dinge. Das Kreislaufsystem Alm- und Talweide sei in vielen Regionen so verzahnt, „da gebe es das eine ohne das andere nicht mehr.“

Forderungen per Brief an Glauber und Kaniber

„Wir werden diese Ochsentour weiter auf uns nehmen“, bestätigt Glatz. Der AVO hat seine Forderungen (siehe Kasten unten) in einem aktuellen Brief an die Minister Glauber und Kaniber nochmals klar formuliert und hofft, so weiter Bewegung in die Sache zu bringen.
Dass nun Pferde, also die Hobbytierhaltung betroffen ist, stoße nun viele zu einem Umdenken an. Einen medialen Kampf scheut der AVO-Vorsitzende allerdings und sagt: „Der WWF wird antworten und viel Geld dafür in die Hand nehmen.“
Auch der Landtagsabgeordnete Klaus Steiner (CSU) fordert im Rahmen der kleinen Hauptalmbegehung mehr Solidarität der Bevölkerung mit den Alm- und Bergbauern im Speziellen und der Landwirtschaft im Allgemeinen. „Jeder will zwar die einmalige Kulturlandschaft nutzen – in diesen Zeiten mehr denn je. Aber wenn es um konkrete Maßnahmen, wie die Regelung des Wolfes geht, dann will keiner mehr was von den Bauern wissen“, so das Mitglied im Agrarauschuss.
Die Geschäftsstelle AVO möchte künftig das interne Netzwerk in der Causa Wolf weiter verbessern. Dazu sollen Sichtungen sowie Risse und Verdachtsfälle zeitnah dokumentiert und entsprechende Infos an seine Mitglieder weitergegeben werden, wie Geschäftsführer Hans Stöckl in Aussicht stellt.

Zu Gast auf der Dürrnbachalm

Interessante Einblicke gab es auf den einzelnen Stationen der Almbegehung. So startete man an der Holzstube in der Hahnfilzen, wo Paul Höglmüller von den Forstbetrieben Ruhpolding Einblicke über Nutzung und Nachhaltigkeit in der Waldbewirtschaftung gab.
Auf der Dürrnbachalm empfing Familie Speicher mit ihrem Senner Korbinian Reichhofer aus Heutau die Gäste des AVO. Der 30-jährige Schreiner ist für die Betreuung von 48 Stück Rindvieh auf den Weideflächen bis auf knapp 1700 m zuständig. Zudem werden auf dem Pötschkaser traditionell einige Kühe gemolken und die Milch auf der Alm verarbeitet. Eine Arbeit, die Reichhofer besonders viel Spaß macht.
Schon auf österreichischem Staatsgebiet liegt die Finsterbachalm, die von Magarete und Valentin Hechenbichler bewirtschaftet wird. Unterstützung haben sie vom Studentenpaar Sophia Schweiger und Johannes Ostenrieder aus Waging.

Lebensadern der Almen sicherstellen

Endstation der „kleinen Hauptalmbegehung“ war der Kaser des stellvertretenden Bezirksalmbauern Pangraz Speicher, der vor zehn Jahren, nach einem langen bürokratischen Hickack, mit seiner Familie einen neuen Kaser auf der Winklmoosalm errichten konnte.
An diesem Beispiel wurde deutlich, dass nur, wenn die Lebensadern einer Alm, nämlich Wirtschaftsweg sowie Strom- und Wasserversorgung sichergestellt sind, überhaupt eine Zukunftsperspektive gewährleistet ist. Andererseits werden auch hier viele Bauern langfristig auf der Strecke bleiben müssen. Max Riesberg