Planungen

Naherholer und Wertverlust befürchtet

SAM_10---
Paul Kannamüller
am Donnerstag, 18.02.2021 - 17:12

Die Landeshauptstadt München will im Nordosten den „Moosgrund“ unter Schutz stellen. Örtliche Landwirte sind aber skeptisch und befürchten Einschränkungen.

Es geht um 360 ha im Nordosten Münchens, die nach den Vorstellungen der Landeshauptstadt „dauerhaft“ in ein Landschaftsschutzgebiet verwandelt werden sollen. Aber anders als etwa beim etwas kleineren im Stadtgebiet liegenden Naturschutzgebiet der Fröttmaninger Heide wird das ehemalige Niedermoorgebiet noch landwirtschaftlich genutzt, weshalb denn auch der Bauernverband erhebliche Auswirkungen auf die künftige Bewirtschaftung befürchtet. Es wären um die acht Betriebe tangiert.

Die Pläne zur Unterschutzstellung des „Moosgrunds“ gehen auf einen Beschluss des Münchner Stadtrats von 1993 zurück; schon seit 2016 ist die Fläche als Landschaftsschutzgebiet einstweilig gesichert, wie es so schön heißt. Man habe gegen eine dauerhafte Schutzausweisung „gravierende Einwände“, wie BBV-Referentin Dagmar Wagner gegenüber dem Wochenblatt betont. Künftig dürfte dort ohne vorherige Genehmigung „nichts mehr geändert werden“.

SAM_ 11-

Am Beteiligungsverfahren sollte auch die Stadtrandgemeinde Unterföhring wie auch andere Träger öffentlicher Belange eine Stellungnahme abgeben, zu denen nicht nur Kommunen und Behörden gehören, sondern auch Vereine und Berufsorganisationen wie etwa der Bayerische Bauernverband.

Ursprünglich war von Seiten der Landeshauptstadt geplant, die Ausweisung des Landschaftsschutzgebietes „Moosgrund“ noch 2020 zu einem Abschluss zu bringen, was aber bis heute nicht geschah. Derzeit würden die eingegangenen Einwendungen noch ausgewertet, rechtlich geprüft und gewürdigt, wie aus dem Rathaus zu vernehmen ist. Die Ausweisung des Landschaftsschutzgebietes verschiebe sich deshalb voraussichtlich auf 2021. Beim Bauernverband empfindet man es als seltsam, dass bis heute auf die eingebrachten Einwendungen noch nicht reagiert wurde.

Streng genommen aber ist die Gemeinde Unterföhring vom Erschaffen des neuen Landschaftsschutzgebietes „Moosgrund“ im Münchner Nordosten gar nicht tangiert – die Folgen einer Inschutznahme des weitläufigen Geländes aber fürchten auch die Lokalpolitiker in der Gemeinde – dazu gehört auch Gemeinderätin und stellvertretende Kreisbäuerin Claudia Leitner. Hintergrund der Debatte in Unterföhring war die Aufforderung an die Kommune, eine Stellungnahme zu den Plänen der Münchner abzugeben. Den dortigen Gemeinderat interessierte vor allem auch die Frage, ob das neue Landschaftsschutzgebiet im Zusammenhang mit der sogenannten Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) steht, und ob die Unterföhringer Bauern Konsequenzen für ihre Arbeit fürchten müssen. Zudem wundern sich die Unterföhringer darüber, dass in dem Schutzgebiet weiterhin eine umfangreiche Kiesausbeutung erlaubt bleiben soll.

Land- und Gartenbau auf der Kippe

Bereits im Umweltausschuss und nun auch im Gemeinderat haben die Unterföhringer eingehend über das geplante Schutzgebiet debattiert und mit Dagmar Wagner auch die Referentin vom Bayerischen Bauernverband (BBV) eingeladen, um sich genauer zu informieren. Weil die Skepsis groß ist und im Umweltausschuss der Wunsch nach mehr Information aufkam, hatte Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer die Referentin des Bauernverbands eingeladen.
Dabei erläuterte Dagmar Wagner dem Gemeinderat, wie sich das Landschaftsschutzgebiet für die Landwirte auswirken würde: Demnach müssten in Zukunft landwirtschaftliche Bauten explizit erlaubt werden, und auch eine gartenbauliche Nutzung wäre nicht mehr ohne Weiteres möglich. Insgesamt würde die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe „sehr eingeschränkt“ werden.
Zwar würden also Unterföhringer Belange durch das Landschaftsschutzgebiet nicht direkt betroffen, so Landschaftsarchitektin Margarethe Waubke, dennoch aber bereite die SEM mit Wohnungen für 30 000 Einwohner und Arbeitsplätzen für 10 000 Menschen den Unterföhringern Sorge. So wird etwa befürchtet, „dass für Erholung und Freizeit alle zu uns strömen“.
Die Niedermoorlandschaft mit Mulden, Bächen und Gräben ist geprägt durch einen Wechsel aus landwirtschaftlichen Flächen, Hecken und Feldgehölzen. Während also auf dem Areal beispielsweise die artenreiche Flora und Fauna „gesichert“ werden soll, bangen Landwirte um ihre Existenz, wie Kreisbäuerin Dirl betont. So befürchte etwa ein Münchner Vorzeigebetrieb, dass er seinen Hof bei einer Schutzgebietsausweisung „so nicht mehr weiterführen kann“. Nach den Worten der Kreisbäuerin könne sich der Betrieb dann schlicht nicht mehr weiterentwickeln und hat Angst, „wegrationalisiert zu werden“.

Kies- und Sandabbau im Niedermoor genehmigt?

BBV-Referentin Dagmar Wagner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Betriebe, die Land für Wohnbau verkaufen müssten, ja wieder neue Flächen benötigen, was aber in einem Schutzgebiet nicht so ohne Weiteres möglich sei. Vor allem aber irritiere sie, dass die Stadt auf der Hälfte des Schutzgebiets Kies- und Sandabbau gestattet. „Das widerspricht sich deutlich, denn durch den Kiesabbau werden die niedermoorigen Böden für immer zerstört“, so Wagner. Und die stellvertretende Kreisbäuerin Leitner (CSU) mutmaßt, ob der Landschaftsschutz vielleicht nur vorgeschoben sei. Für sie ist klar, warum die Stadt den Kiesabbau im LSG gestatte: „Wenn die SEM kommt, braucht man viel Kies und Sand.“ Generell treibt die betroffenen Landwirte im geplanten Landschaftsschutzgebiet die Sorge um, dass ihre Flächen auch an Wert verlieren könnten, weil die Landeshauptstadt jederzeit Verbote verschärfen könnte.

Gebietscharakter darf nicht verändert werden

Anders als in einem höher eingestuften Naturschutzgebiet gibt es in einem Landschaftsschutzgebiet keine ausdrücklichen Verbote, sondern „nur“ den Grundsatz, dass sich der Charakter des Gebiets nicht verändern oder verschlechtern darf. Geplante Aktivitäten wie Bewirtschaftung oder Kiesabbau müssten zuvor genehmigt werden.

Für die im Moosgrund arbeitenden Bauern stellen die nach der endgültigen Ausweisung nötigen Genehmigungen aber ein Problem dar. Die ansässigen Landwirte genießen zwar Bestandsschutz, müssten aber künftig Einschränkungen hinnehmen. Und sie fürchten auch um ihre Äcker, wenn in absehbarer Zukunft das direkt angrenzende Gebiet der SEM bezogen sein wird und noch mehr Bewohner durch die Flur spazieren. Schon heute ist der Moosgrund für viele Münchner als Erholungsfläche attraktiv, weil sich hier „gut Luft schnappen lässt“.