Klimaschutz

Moor nutzen und Klima schützen

Ortsbegehung Kolbermoor Gruppenbild
Katharina Heinz
am Mittwoch, 08.09.2021 - 06:13

Ein LfL-Projekt prüft in Kolbermoor, wie mittelintensive Landwirtschaft und Klimaschutz gewinnbringend zusammengehen können.

Kolbermoor Detail Bodenprobe

Kolbermoor/Lks. Rosenheim - Moorboden ist fruchtbar. Doch die Trockenlegung führt zu Abbauprozessen im Boden, verbunden mit einem erheblichen Ausstoß an Kohlendioxid. Ein Projekt der LfL untersucht, wie sich das stoppen lässt.

10.000 Jahre alt ist das Pflanzenmaterial, das in Torfböden zu finden ist. Einst waren auch die Flächen rund um Kolbermoor Moorgebiet. Heute aber ist der Boden der Bayerischen Staatsgüter, wo das Projekt „Moorverträgliche Bewirtschaftungsformen“ stattfindet, trocken. Nicht nur oberflächlich, sondern auch im Untergrund. Die Projektgruppe der LfL rund um Dr. Michael Diepolder untersucht dort seit Anfang des Jahres, wie man trockengelegte Moorflächen wiedervernässen und praxistauglich für die Landwirtschaft nutzen kann – mit Vorteil für das Klima.

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts erkannten die Menschen den Wert von Torf. Das Material, das sich aus den Pflanzenresten in Mooren bildet, galt damals als praktischer Brennstoff. Die Geschichte des Torfstechens begann. Bis das Vorkommen etwa 1900 erschöpft war, wurde Torf im großen Stil abgebaut, erklärt Projektmitarbeiter Bastian Zwack.

Moor hat sich bis heute um etwa 2 Meter gesetzt

Nach dem Torfstich begann der Mensch, die Flächen für die Landwirtschaft zu verwenden. Dafür musste die Fläche trockengelegt werden. Drainagen im Untergrund leiteten das Wasser der Kolbermoorer Filze zum Beispiel in den Erlbach.
Damit wurde eine Art Kettenreaktion ausgelöst, mit Folgen für die Natur und den Menschen. Bis heute hat sich der Boden der Moorflächen um etwa 2 m gesetzt. Denn heute weiß man, dass in trockengelegten Moorböden organische Substanz abgebaut und dabei Kohlendioxid freigesetzt wird.

Grundwasser anheben, trotzdem bewirtschaften

Das Projekt will daher untersuchen, wie man Klimaschutz und landwirtschaftliche Nutzung unter einen Hut bekommen kann: auf der Fläche der Staatsgüter bei Kolbermoor in Form einer mittelintensiven Grünlandbewirtschaftung. Der Ansatz: Durch ein Anheben des Grundwasserstandes verringert sich die CO2-Emission. Doch die Umsetzung ist nicht ganz einfach.
Eine Untersuchung des Bodenprofils zeigt: Bei etwa 2 m Tiefe ist die Substanz grau – Seeton. Sollte sich der Boden bis dahin weiter setzen, ist es vorbei mit der Landwirtschaft. Auf Seeton wächst nichts mehr. Oben ist die Erde fein wie Asche. „Denn es ist im Prinzip Asche“, erklärt Zwack. Das zersetzte Pflanzenmaterial des einstigen Moorbodens ist vererdet, staubig und wasserabweisend. Dadurch wird es bei Wind leicht abgetragen. Pflanzen bekommen außerdem schnell einen Trockenstress, da das Wasser quasi durch den Boden durchsickert. Bei Starkregen dagegen kommt es schnell zu einem Überstau – die Pflanzen verfaulen. „Das Problem wird häufig mit einem hohen Grundwasserstand verwechselt und es wird vermehrt drainiert“, erklärt Zwack.

Emissionen von 30 t CO2-Äquivalenten pro ha

Das aber habe den genau gegensätzlichen Effekt. Der Boden baue sich weiter ab. Durch den Abbau des Bodenkohlenstoffs durch Mikroorganismen wird CO2 freigesetzt. Tief entwässerte Moorböden emittieren jährlich über 30 t CO2-Äquivalente pro ha – so viel wie eine durchschnittliche bayerische Familie. Zur Zeit sind circa 4 % der bayerischen Landwirtschaftsfläche für rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen im Freistaat verantwortlich.

„Damit ist es aber auch möglich, auf einer relativ kleinen Fläche hohe Einsparungen zu erzielen“, sagt Projektmitarbeiterin Martina Schlaipfer. Sie ist für die Emissionsmessungen zuständig, um den Versuch mit den nötigen wissenschaftlichen Zahlen zu füttern.

Wasserstand 0 bis 30 cm unter Geländekante

Mittels einer lichtdichten Haube über einer kleinen Grünland-Parzelle erfasst sie die Methan- und Lachgasausgasung. Neben der CO2-Messung, die mit einer durchsichtigen Haube stattfindet, sind besonders diese Parameter relevant. „Wird der Wasserstand zu hoch gesetzt, wird Methan zum Problem“, erklärt sie. Ideal wären 0 – 30 cm unter Geländekante.

Deswegen wird das Drainagesystem der Versuchsfläche, das die einstigen Landwirte dort angelegt hatten, jetzt rückwärts genutzt: Zur Anhebung des Grundwasserstandes. Dieser, im Übrigen auch mit wasserrechtlichen Verfahren verbunden, sollte relativ präzise eingestellt werden. Erst dann kann ein guter Aufwuchs und eine gute Befahrbarkeit sichergestellt werden.

Erste Anbauversuche laufen bereits

Um herauszufinden, welche Saaten sich für das Grünland eignen, wurden in sechs Parzellen verschiedene Mischungen angebaut: Von einer klassischen Grünlandmischung bis hin zu nässeangepassten Saaten mit Rohrschwingel und Riesenstraußgras. Untersucht wird dabei auch die Tragfähigkeit des Bodens sowie die Futterqualität. Klar ist aber: Mehr als drei Schnitte sind auf einer solchen Fläche nicht drin.
Auch von der Landtechnik her ist die Bewirtschaftung teurer. Zwar sei alles auf dem Markt, was man für eine nasse Bewirtschaftung brauche, sagt der Landtechnik-Experte der LfL, Stefan Thurner: etwa Breitreifen, Stachelwalzen, Einachser und Co. Doch viele Geräte müssten den Anforderungen entsprechend umgebaut werden und der Reparaturaufwand sei höher. Auch sei man langsamer unterwegs. Für Projektleiter Diepolder ist daher klar: „Der hohe Aufwand der Bewirtschaftung wiedervernässter Flächen muss entsprechend entschädigt werden.“