Unwetter

Eine „Mondlandschaft“ vorgefunden

Starkregen im Berchtesgadener Land
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Donnerstag, 22.07.2021 - 14:52

Starkregen und Hochwasser richteten in Teilen Bayerns hohe Schäden an. Auch Muren setzten den Landwirten zu. Doch noch ist die Bereitschaft für Elementarversicherungen bei den Landwirten niedrig.

München Braune Wassermassen fließen an der weißen Hausfassade der Wettersteinalm in Garmisch vorbei. Die Wassermassen scheinen kein Ende zu nehmen, verwandeln die Wege rund um die Alm zu einem reißenden Fluss. Es sind Bilder, die Joseph Grasegger nicht mehr vergessen wird. Grasegger ist der Vorsitzende der Weidegenossenschaft Partenkirchen, die im Besitz der Wetterstein- alm ist. Die Schäden sind enorm: „Direkt vor der Hütte hat es alles rausgerissen“, sagt Grasegger. Gewaltige Geröllmassen bedecken die grünen Wiesen rings um die Alm.

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Ähnlich sieht es in Bischofswiesen aus: Geröll und Schlamm statt grüner Wiesen. BBV-Präsident Walter Heidl blickt auf die nun steinigen Flächen: „Die Geröllmassen, die vom Berg heruntergekommen sind, haben hier sehr viel kaputt gemacht und auch Fischteiche weggespült“, sagt er. Den Lohn- und Forstbetrieb von Barbara und Johann Angerer hat es hart getroffen, die Aufräumarbeiten werden noch länger dauern. In der Hausfassade des unbewohnten Althofes klafft ein großes Loch. Eine Mure riss die Hausecke mit. Der Berchtesgadener Kreisobmann Georg Baumgartner nennt es eine „Mondlandschaft“, die er vorgefunden habe.

Viele Menschen würden vor den Trümmern ihrer Existenzen stehen, sagte Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Unwetter und Hochwasser haben am Wochenende in einigen Teilen Bayerns immense Schäden angerichtet. „Die dramatischen Starkniederschläge trafen vor allem den südlichen Landkreis Berchtesgadener Land“, erklärte Dr. Inge Sommergut von der Versicherungskammer Bayern.

Schäden sind schwer zu beziffern

Die landwirtschaftlichen Gebäudeschäden in der Region seien derzeit noch schwer zu schätzen. Die Versicherungskammer rechnete in einer ersten Prognose für das Wochenblatt mit einem Schadensvolumen zwischen einer Million und zwei Millionen Euro.

Die Vereinigte Hagel teilt mit, dass die letzten Unwetterereignisse die Schadenzahlen noch einmal zunehmen ließen – allerdings im moderaten Bereich, da viele Bestände nur gegen Hagel, nicht aber gegen Starkregen oder Sturm versichert seien, sagt Dr. Philipp Schönbach von der Bezirksdirektion in Nürnberg.

Mais Sturm-Hagel LK Landshut

Insgesamt bereiteten der Landwirtschaft vielerorts Sturm und Starkregen große Probleme. Ein Schwerpunkt der jüngeren Schäden sei der Kreis Hof gewesen. Hier habe es heftigen Starkregen und Schaden gegeben.

Glimpflich ist es für die Landwirtschaft in der Region Passau ausgegangen, heißt es von der Versicherungskammer Bayern. Aus dieser Region seien keine Ernteschäden gemeldet worden. Insgesamt betrage die durch Starkregen geschädigte Fläche im Juli über 300 ha. „Die geringe versicherte Fläche ist in der schwachen Versicherungsnachfrage begründet“, sagt die Sprecherin der Versicherungskammer. Die Sensibilität der Landwirte für die Absicherung von Ernteausfällen durch Extremwetter steige zwar, die Versicherungsdichte, vor allem gegen Starkregen und Trockenheit sei aber nach wie vor „sehr gering“. Sie bewege sich im einstelligen Prozentbereich der versicherten Gesamtfläche. Gegen Hagel dagegen seien deutschlandweit rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen versichert. Gegen Elementargefahren sei nur jedes zehnte landwirtschaftliche Gebäude in Bayern versichert.

Markus Söder im Berchtesgadener Land

Bayerns Staatsregierung hat derweil schnelle Soforthilfen für die Geschädigten der Starkregen und Überflutungen angekündigt. Betroffene Landwirte müssen sich aber noch gedulden. Das Landwirtschaftsministerium erarbeitet derzeit das Hilfsprogramm. Wie das Ministerium auf Nachfrage des Wochenblatts mitteilt, können die Hilfen für Landwirte erst nach Fertigstellung des Hilfsprogramms auf der Grundlage vorliegender und geprüfter Anträge ausgezahlt werden.

Es sei empfehlenswert, die Schäden nachvollziehbar über Fotos oder Aufzeichnungen zu dokumentieren. Anträge auf Soforthilfen seien grundsätzlich über die Landwirtschaftsämter zu stellen. Die Kulisse für die Soforthilfen umfasst die Landkreise Berchtesgadener Land, Ansbach, Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim, Erlangen/Höchstadt, Fürth, Kitzingen und Schweinfurt. Weitere betroffene Gebiete können noch dazu kommen. Die genannten Landkreise waren von den Wetterereignissen besonders betroffen.

Viele Landwirte unterstützen die Hilfskräfte mit Geräten bei der Beseitigung der Schäden. Der Wiederaufbau wird aber für viele Betriebe nur mit zusätzlicher finanzieller Hilfe gelingen. Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl bat um Spenden für die betroffenen Landwirte. Hier lesen Sie mehr dazu.

Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl machte sich selbst ein Bild von den entstandenen Schäden. Ein Video mit Eindrücken, wie es im Berchtesgadener Land nach dem Unwetter aussieht, finden Sie hier: