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Zukunftsregion Rupertiwinkel

Miteinander reden statt übereinander

Interessengemeinschaft
Anneliese Caruso
am Dienstag, 25.10.2022 - 10:09

Viele Ideen, jetzt geht es an die Umsetzung: Auf dem Waginger Bauernmarkt kam der Bauernratsprozesses der ILE Zukunftsregion Rupertiwinkel zum Abschluss.

Die Zukunft miteinander gestalten: Auf dem Podium beim Waginger Handwerker- und Bauernmarkt saßen (v. l.) Landwirt Franz Huber, Kirchanschörings Bürgermeister Hans-Jörg Birner, Biobauer Michael Gramsamer und Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Waging am See/Lks. Traunstein - Die Landwirtschaft produziert Lebensmittel, pflegt die Kulturlandschaft und ist wichtiger Teil des ländlichen Raumes. Seit Jahren aber nimmt die Zahl der Landwirte ab – und die Kritik an der Landwirtschaft zu. Einen Beitrag, Landwirtschaft und Gesellschaft besser in Einklang zu bringen, leistet im Ruptertiwinkel der Bauernrat.

In diesem Bauernrat schilderten Landwirte ihre Probleme und suchten gemeinsam mit der Bevölkerung nach Lösungen. Ziel war die Entwicklung eines gemeinsamen Leitbildes einer nachhaltigen Landwirtschaft, die auch morgen noch trägt. Das Projekt startete im Winter 2021 im Rahmen der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) Zukunftsregion Rupertiwinkel und endete am vergangenen Wochenende fürs erste mit einer Podiumsdiskussion auf dem Waginger Handwerker- und Bauernmarkt.

Landwirtschaft Hand in Hand mit den Leuten

Aber was heißt schon enden: „Es soll jetzt erst richtig losgehen“, sagte Hans Jörg Birner, Bürgermeister von Kirchanschöring und ILE-Vorstandssprecher. Losgehen soll: deutlich mehr Aufklärungsarbeit bei den Verbrauchern etwa über Lieferketten und die Situation auf den Höfen, die Eindämmung des Flächenverbrauchs und der Aufbau von Regionalmarkthallen zur Vermarktung. Die ILE-Zukunftsregion mit ihren sieben Gemeinden will all diese erarbeiteten Themen in den kommenden Monaten weiterbearbeiten.

Mit auf der Bühne waren von Landwirtsseite Biobauer Michael Gramsamer aus Tittmoning und der konventionelle Landwirt Franz Huber aus Fridolfing. Als Ehrengast kam Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Sie lobte die Idee des Bauernrates als „großartige Sache“. „Ein Hoch auf Kommunen, die ihre Dörfer fit für die Zukunft machen, die die Herausforderungen erkennen und gemeinsam mit ihren Einwohnern, Vereinen, Wirtschaft und Behörden an Lösungen arbeiten“, sagte sie.

Engagierte Bauern und Verbraucher

Auch Bauer Franz Huber schien angetan. Die Bauernrats-Gespräche seien interessant aber auch anstrengend gewesen. „Ich habe sehr engagierte Leute, auch Verbraucher, kennengelernt“, sagte er. Deutlich zum Ausdruck gekommen sei, dass alle an einem Strang ziehen müssen. Nicht übereinander, miteinander reden sei wichtig. „Wir müssen gemeinsam die Verantwortung übernehmen.“ .

In den Gesprächen des Bauernrat drückten nicht nur konventionelle, sondern auch die Biobauern das Gefühl mangelnder Wertschätzung aus. Landwirt Michael Gramsamer sprach die desaströse Preisentwicklung für Biolebensmitteln an, die nicht nachgezogen haben wie die aus konventioneller Landwirtschaft. Der Markt sei nicht aufnahmefähig für „30 Prozent Bio“. Vielmehr sinke die Nachfrage, verursacht durch die Inflation. Um dem entgegenzuwirken, schlug Franz Huber regelmäßige Tage der offenen Tür auf Bauernhöfen vor, um Gespräche mit den Verbrauchern zu führen.

Bürokratie vernichtet manch guten Ansatz

Von Kaniber wünschten sich die Landwirte, sie möge sich bei Bund und EU für weniger realitätsfremde Gesetze einsetzen. Beispiele: Düngeverordnung, Fruchtfolgeregelung, Tierwohlvorstellungen. „Als ordentlich und verantwortungsvoll arbeitender Bauer würde ich gerne so wirtschaften, wie ich das einst gelernt habe,“ sagte Huber.

Auch Bürgermeister Birner hatte einen Wunsch an Kaniber: ein einfacheres staatliches Fördersystem. Der Bauernrat habe durchaus Ideen, die helfen würden, landwirtschaftliche Betriebe zu erhalten. Die Rathäuser hätten aber nicht das Personal, den Dschungel der Fördertöpfe zu durchforsten. Es brauche einen gemeinsamen Ansprechpartner dafür.

Der Bauernrat ist derzeit noch ein Modellprojekt. Die Ergebnisse, die im Rupertiwinkel erarbeitet worden sind, sollen bayernweit auch auf andere ILE-Prozesse angewandt werden.