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Betriebszweige

Von Milchvieh zum Ölkürbis

Ölkürbis
Helga Gebendorfer
am Mittwoch, 30.10.2019 - 10:39

Eine komplette Neuausrichtung ihres Betriebs verwirklichte Familie Hiermeier aus dem Landkreis Eichstätt. Wie es dazu kam, wie es ihnen dabei erging und was weiter geplant ist, verrieten Markus und Sylvia Hiermeier dem Wochenblatt.

Ich hätte gerne mit der Milchviehhaltung weiter gemacht, doch es war aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich“, erzählt Markus Hiermeier in Wellheim im Landkreis Eichstätt. Der Landwirtschaftsmeister bekam vor acht Jahren plötzlich Atemprobleme bei der Arbeit im Stall – letztendlich so massiv, dass er sich mit seiner Familie entschloss, seinen Betrieb in eine andere Richtung zu lenken.

Ein Blick zurück: Der heute 44-Jährige übernahm vor 25 Jahren den elterlichen Betrieb mit Milchviehhaltung sowie Schweinezucht und -mast. Während er ein Jahr später die Schweinehaltung aufgab, wurde der vorhandene Anbindestall zum Laufstall für knapp 55 Milchkühe mit Nachzucht umgebaut. „Damit setzte ich auf den Schwerpunkt Milchviehhaltung – auch wegen unserem hohen Grünlandanteil“, erklärt er. 2002 heiratete Markus Hiermeier seine heutige Frau Sylvia. Aufgrund der beengten Lage direkt im Zentrum vom Markt Wellheim überlegten die beiden damals, ihren Hof auszusiedeln, um für die nächste Generation ausreichend Platz für die Weiterentwicklung des Betriebes zu schaffen. Doch dieses Vorhaben entpuppte sich als problematisch: Der vorgesehene Standort liegt im FFH- und Wasserschutzgebiet.

Einstieg in neues Segment

Ölabfüllung

Schließlich machten dem Landwirtschaftsmeister Atembeschwerden bei der Arbeit im Stall zusätzlich einen Strich durch die Rechnung und ihm blieb nach vergeblichen Besserungsversuchen nichts anderes übrig, als nach einer Alternative zu suchen.  Über einen Fernsehbeitrag stießen er und seine Frau auf den Kürbisanbau, woraufhin sie sich im Internet darüber schlau machten und zur vertieften Information Berufskollegen besuchten. „Danach fiel relativ schnell eine Entscheidung. Der Kürbis sollte es für uns sein“, erklärt der Betriebsleiter. 2015 wurde die Milchviehhaltung und 2017 das Jungvieh aufgegeben und ein Jahr später erfolgte der erste Anbau von 10 ha Ölkürbissen. 

Freilich war damit ein Risiko verbunden. Fragen wie: Passen die klimatischen Bedingungen? Klappt der Anbau auf den „steinreichen“ Böden in der Region? standen im Raum. Doch die ganze Familie mit zwei Kindern stand hinter dem Projekt. „So probierten wir es aus“, sagt Markus Hiermeier rückblickend. Unter dem Motto „Lernen durch Ausprobieren“ wuchs Familie Hiermeier in das neue Arbeitsgebiet. 

Der erste Ertrag überraschte positiv und war Motivation zum Weitermachen. Am Anfang war Überzeugungsarbeit angesagt. Aber mit der Zeit nahmen die Kerne zum einen Bäcker aus der Umgebung ab und zum anderen wurden sie bei einem Kollegen zu Öl gepresst. Dann fand der Weihnachtsmarkt in Wellheim statt und die Kürbiskerne – Natur und mit Zimtaroma – fanden am Stand und am Hof schnell den gewünschten Absatz. „Es war ein großer Erfolg. Wir erfuhren positive Resonanz und kurbelten mit Nachdruck das Hofgeschäft an, belieferten Hofläden in der Region und starteten unseren Internetshop“, teilt Sylvia Hiermeier mit. Sie und ihr Mann teilten das Gefühl, dass sie auf dem richtigen Weg sind und erweiterten diesen Betriebszweig mit den Jahren.

15 Hektar Ölkürbis

Zum Vollerwerbsbetrieb Hiermeier gehören 6 ha Wald und gute 100 ha LN. Diese teilt sich auf in 30 ha Grünland und Ackerfläche, wovon die Ölkürbisse aktuell 15 ha einnehmen. Eine kleine Fläche dient dem Anbau von Speise- und Zierkürbissen für den Ab-Hof-Verkauf. Neben Getreide, Zuckerrüben und Raps sind Flächen für den Anbau von Sojabohnen, Sonnenblumen, Mohn und Hanf reserviert. „Ich probiere gerne Neues und prüfe, ob es zu unserem Betrieb passt“, erklärt der Landwirtschaftsmeister. Inzwischen ergänzen Öl und Samen von Hanf und Mohn das Sortiment. Die Hanfsamen werden auch schokoliert angeboten.

Saatgut aus Österreich

Der Steirische Ölkürbis liefert Kürbiskerne ohne Schale und punktet mit hohen Ölgehalt. So ergeben 2,5 bis 3 kg Kürbis einen Liter Öl. Das Saatgut, das Markus Hiermeier aus Österreich bezieht, wird je nach Witterung Anfang Mai ausgebracht, wenn die für die Keimung erforderlichen 10°C Bodentemperatur erreicht sind. „Heuer mussten wir aufgrund der kühlen Witterung im Mai und der nachfolgenden Trockenheit an bestimmten Standorten relativ große Ausfälle verkraften“, gibt er Auskunft.

In der Regel wird Ende September bis Mitte Oktober geerntet. Mit einem Ertrag von 0 bis 700 kg getrockneter Ware pro Hektar ist beim Kürbis alles möglich. „Mittlerweile habe ich viel gelernt rund um den Ölkürbisanbau und viel Fingerspitzengefühl dafür entwickelt“, meint der 44-Jährige. Bis auf das Pressen der Kerne sind fast alle erforderlichen Maschinen auf seinem Betrieb vorhanden. Die geerntete Rohware wird von einem Lohnunternehmen gereinigt und kommt in 25-kg-Säcken als Naturkerne zurück. Die Naturkerne werden zum Teil weiterverarbeitet, so dass inzwischen insgesamt zehn verschiedene Sorten angeboten werden können.

Rohernte am Hof gelagert

Die Rohernte wird am Hof in Kühlcontainern gelagert, bis sie bei Bedarf veredelt und abgefüllt wird. Von der Gesamternte gehen rund 15 bis 20 % in die Ölherstellung. „Alle vier bis sechs Wochen lassen wir unser ‚Altmühltaler Kürbiskernöl’ pressen“, ergänzt die Direktvermarkterin. Hanf-, Mohn- und Leinöl sowie ab 2020 auch Sonnenblumenöl pressen die Hiermeiers selbst auf ihrem Betrieb.
Sämtliches Öl wird selbst am Hof abgefüllt in 0,25-Liter- und 0,5-Liter-Flaschen, aber auch in lichtgeschützte Dosen. „Die 0,25-Liter-Flasche kostet 8 Euro und ist der Renner“, verrät die Direktvermarkterin. Das bei der Ölherstellung anfallende Press­kuchenmehl füllen die Hiermeiers in 25-kg-Säcke und kleine Verpackungen ab, die an Bäcker und Privatkunden verkauft werden. 

Kerne rund um die Uhr

Die Absatzwege der hofeigenen Produkte sind vielfältig. So wurde erst im Mai im ehemaligen Stallgebäude der Hofladen „Altmühltaler Kernstod’l“ eröffnet. Er ist das ganze Jahr über zweimal pro Woche geöffnet. Für die restliche Zeit ist ein Automat aufgestellt, der rund um die Uhr in Betrieb ist. 

Weiter werden die Erzeugnisse über den Online-Shop, Wiederverkäufer, zum Beispiel Direktvermarkterkollegen, sowie Bäcker und schließlich auf bis zu 20 Märkten in der Region im Jahr verkauft. In Spitzenzeiten helfen der Familie Verwandte und Freunde bei der Arbeit. Während Markus Hiermeier verstärkt für den Anbau und die Pflege der Kultur verantwortlich ist, kümmert sich seine Frau Sylvia schwerpunktmäßig um die Vermarktung. „Wir sind sehr zufrieden mit der Betriebsentwicklung. Der Kürbisanbau war auf jeden Fall die richtige Entscheidung“, lautet das Resultat der Eheleute.

Für die Zukunft ist die regionale Vermarktung das Ziel. Außerdem soll auf Bio umgestellt werden. „Das Altmühltaler Kürbiskernöl und die Altmühltaler Kürbiskerne sind etwas Besonderes und so soll es auch bleiben“, wünschen sie sich. Auch bei allen neuen Produkten legen sie höchsten Wert auf Qualität beim Anbau und der Verarbeitung – nach dem Motto „Lieber weniger, aber dafür besser.“