Vor Ort

Mehr Bio als Bison geht nicht

Bisonhede
Helga Gebendorfer
am Freitag, 12.02.2021 - 14:19

Seit 1995 hält der Freisinger Landwirt und Metzgermeister Josef Wiesheu Bisons, die er selbst vermarktet – mittlerweile hat er die größte Herde Deutschlands.

Die größte Bisonherde in Deutschland grast in Sickenhausen im Landkreis Freising. Aktuell besitzen Josef und Edeltraud Wiesheu 60 Kühe mit Nachzucht sowie drei Zuchtbullen. Die Kunden bekommen in der eigenen Hofmetzgerei feinste Fleisch- und Wurstspezialitäten aus eigener Produktion von Bison, Rind, Kalb sowie von zugekauftem Schweinefleisch von Landwirten aus der Region.

Als das Ehepaar den Milchviehbetrieb 1980 übernahm, stockte es den Bestand zunächst 15 Jahre lang auf, bevor es parallel eine Mutterkuhhaltung mit rund 40 Mutterkühen der französischen Fleischrasse Blonde d´Aquitaine startete. Bis heute hat sich deren Bestand auf 150 Kühe verfünffacht. 1998 war mit den Milchkühen Schluss.

Ein zweites Standbein gesucht

Dafür fiel drei Jahre zuvor der Startschuss für die Bisonhaltung. „Wir waren auf der Suche nach einem zweiten Standbein und bei einer Reise nach Kalifornien machte ich meine erste Begegnung mit einem US-Bisonzüchter“, erzählt der 72-jährige, der sich bei dem Amerikaner grundlegende Informationen einholte. Weil die Einfuhr von Tieren aus der USA nach Deutschland wegen der Blauzungenkrankheit nicht möglich war, suchte Wiesheu Kontakt zu kanadischen Züchtern und besuchte eine Tagung des regionalen Zuchtverbandes Süd Alberta Bison Association, wo er bis heute Hilfe und Unterstützung findet.

„Bisons sind faszinierende Tiere. Sie sind die einzigen Nutztiere, die vom Menschen nicht bearbeitet wurden, das heißt, sie waren vor tausend Jahren genauso wie heute“, sagt er und fügt hinzu: „Mehr Bio als Bison geht nicht.“ Einst bildeten sie für die Indianer eine wichtige Lebensgrundlage, weil sie Nahrung und Kleidung lieferten, Obdach schenkten und ihre Kultur prägten.

Tierschützern und Rangern sei Dank

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Ende des 19. Jahrhunderts stand der Bison allerdings kurz vor der Ausrottung. Tierschützern und Rangern ist es zu verdanken, dass ihre Zahl seitdem wieder zugenommen hat.

In Kanada besuchte Wiesheu die Farm eines namhaften Züchters, der ihm die Grundlagen für die Bisonhaltung auf den Weg gab. Letztendlich gelang es Wiesheu, von vier verschiedenen Farmern 60 weibliche Kälber im Alter von einem Jahr zu kaufen. Zusammen mit den Tieren ging es sechs Tage und Nächte mit dem Lkw knapp 6000 km nach Montreal, wo ein passendes Flugzeug nach Paris abhob. Von dort aus transportierte er die Tiere per Lastwagen in den heimatlichen Betrieb. „Ich habe sie selbst gefahren und so von Anfang bis zum Schluss begleitet und versorgt. Es gab keine Verluste.“, ergänzt Wiesheu. Ein Jahr später holte er aus Kanada fünf Zuchtbullen im Alter von zwei Jahren dazu. Auf 5 ha zog er die Kälber im Freien groß und legte den Grundstein für seine Bisonzucht.

wiesheu-hofmetzgerei

Der Metzgermeister führt den landwirtschaftlichen Betrieb im Vollerwerb. Bewirtschaftet werden 80 ha, davon 1 ha Wald. Neben 60 ha Grünland werden Getreide und Mais kultiviert. „Alles, was verfüttert wird, baue ich selbst an“, bekräftigt er. Die 60 Bison-Kühe bilden eine Zuchtherde, die auf einer Gehegefläche von 18 ha – in acht Abteilen – untergebracht ist. „Ein Elektrozaun ist überflüssig“, sagt Wiesheu. Es reicht ein doppelt verknoteter Maschendrahtzaun.

Die Tiere sind friedfertig, sehr neugierig und robust. Und doch: „Sie dürfen nicht unterschätzt werden und als Wildtiere erfordern sie einen vorsichtigen und respektvollen Umgang“, so der Tierhalter. Das Betreten des Geheges ist problemlos möglich. Treibt man sie in die Enge, wird es gefährlich. Sommer wie Winter stehen die Tiere auf der Weide mit Zugang zu einem großzügigen Offenstall. Neben dem Weidegras stehen Schlecksteine, Mineralfutter, Luzerne und hochwertiges Heu zur Verfügung.

Bisons erreichen die Geschlechtsreife ein halbes Jahr später als Hausrinder. Die Brunftzeit erstreckt sich von Juli bis August und die Trächtigkeit dauert etwa neun Monate. Die Kälber werden von April bis Mai geboren und von der Mutter rund acht Monate lang gesäugt. Dann werden die Jungtiere abgesetzt und in einer separaten Schlachtherde gehalten, wo zum Grundfutter etwas Getreide und Körnermais zugefüttert wird.

Fanganlage ist unentbehrlich

Fanganlage

Nach Bedarf werden die Tiere im Alter von etwa 30 Monaten und einem Schlachtgewicht von 360 bis 380 kg geschlachtet, Ihr Privileg: Sie werden auf der Weide geschossen, wodurch unnötiger Stress vermieden wird.

Die Haltung von Bisons ist extensiv, will aber gut gemanagt werden. So ist eine Fanganlage ist unentbehrlich. „Ohne sie läuft nichts. Egal ob man zwei oder 100 Tiere hat“, stellt Wiesheu fest. Er kaufte sie zum Teil aus Kanada und vervollständigte sie selbst nach kanadischem Vorbild. Sie dient zur jährlichen Blutentahme und prophylaktischen Entwurmung sowie zum Ohrmarken einziehen oder zur Kontrolle bei Besonderheiten. „Ein schwaches Tier wäre in Gefahr. Ich muss sofort einschreiten, es separieren, bis es wieder fit ist und in die Herde zurückkann“, erläutert der Halter.

Momentan wird nur der männliche Nachwuchs abgesondert. Die weibliche Nachzucht, die die ersten 15 Jahre ausschließlich als Zuchttiere verkauft wurde, dient aktuell zum Aufbau des Bestandes. Die Preise für ein einjähriges, weibliches Zuchttier liegen bei 2500 bis 2800 €. „Sie sind europaweit gesucht und sind Jahre voraus ausgebucht“, gibt der Züchter Auskunft. Interessenten gibt Wiesheu gerne sein Know-how weiter.

Hofmetzgerei mit eigener Schlachtung

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Der Metzgermeister betreibt seit 23 Jahren eine EU-zugelassene Hofmetzgerei mit eigener Schlachtung. „In dieser Form macht das in Deutschland sonst niemand außer mir“, verrät der 72-jährige, der erklärt, dass das eigentlich nie geplant war. Im Betrieb beschäftigt sind zehn Vollzeit-Mitarbeiter, davon drei Metzgermeister, sowie ein Lehrling und eine Aushilfskraft. Die Vermarktung entwickelte sich langsam, aber gut, wobei eindeutig der Bison der Aufhänger ist. Sein Fleisch wird in der aktuellen Pandemie-Situation zu 95 % im Laden verkauft. Der Rest geht an Gaststätten und Hotels in Deutschland. In normalen Zeiten ist das Verhältnis 60 % zu 40 %. Auch zum Oktoberfest wurde jahrelang geliefert. Bisonfleisch ist fettarm und besonders reich an Eiweiß, Eisen und Zink.

Werbung wird nicht gemacht, sei auch nicht notwendig. Da alle Teile des Schlachtkörpers verkauft werden, ist für jeden Geldbeutel etwas dabei. „Ich war von Anfang an überzeugt, dass unser Konzept erfolgreich ist“, freut sich Josef Wiesheu. Zufrieden blickt er auf das, was seine Familie erreicht hat. Das Geschäft läuft gut und die Kunden nehmen den Weg in das 48 Einwohner-Dorf gerne inkauf.

Für die Zukunft ist geplant, die Bisonherde auf 80 bis 100 Kühe aufzustocken, um den vorhandenen Bedarf besser bedienen zu können. Besonders freuen sich Josef und Edeltraud Wiesheu, dass ihr Enkel Benedikt den Betrieb in Kürze übernimmt. „Er ist bei uns aufgewachsen, hat den Metzgerberuf gelernt und möchte unser Nachfolger werden, worüber wir sehr glücklich sind“, betonen sie.