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Fotoausstelluing

Lieblingsmotiv Murnau-Werdenfelser

Murnau Werdenfelser Rinder sind das Lieblingsmotiv des Fotografen Christian Kolb. Die Ausstellung „Haltung“ zeigt seine Werke auf freier Flur in Eschenlohe.

am Freitag, 02.12.2022 - 10:44
Liebe zum gehörnten Motiv: Der Murnauer Fotograf Christian Kolb.
Open Air für Rinderfotos: Die Ausstellung zeigt rund 60 Fotografien entlang von Wiesen in Eschenlohe, nahe der A95 Richtung Garmisch.
Nicht geklont: Ob sich die vier Grazien links über die vier Grazien rechts wundern, ist nicht bekannt. Sie harmonieren jedenfalls.
Nicht nur die hübsche Schale, auch das Wesen der Murnau-Werdenfelser Rinder fängt der Fotograf in seinen Bildern ein.
„Das Murnau-Werdenfelser Rind ist besonders schön“, findet Christian Kolb. Seit einem Jahrzehnt lichtet er die alte Rasse in den unterschiedlichsten Situationen und Stimmungen ab
Momente für die Ewigkeit: (oben) Der Mediziner und Landwirt Prof. Dr. Volker Zahn küsste Leitkuh Romy, Christian Kolb drückte ab – im rechten Augenblick, wie all seine Porträts der Murnau Werdenfelser zeigen.

Ein kalter Fels, darauf ein Kalbskopf. Die Augen halb geschlossen, die langen weißen Wimpern verklebt. Das Kalb ist tot, sein Kopf abgetrennt. Blut rinnt den Stein hinab. Die einzige Farbe im sonst monochromen Bild, das die Ausstellung des Fotografen Christian Kolb eröffnet.

Entlang landwirtschaftlicher Wiesen reihen sich in Eschenlohe (Lks. Garmisch-Partenkirchen) sechzig großformatige Fotos von Murnau Werdenfelser Rindern oder ihren Weiden neinander, gedruckt auf große Lastwagenplanen und aufgespannt auf Bauzäunen. Aber ausgerechnet die Fotografie eines toten Kalbes als Opener? „Ganz bewusst“, sagt der, der es fotografiert hat. Dass das Bild eine gewisse Strahlkraft hat, weiß Kolb freilich. Bei einer seiner Matineen, in deren Rahmen er Einblicke in und hinter seine Werke gibt, nennt er das Kalbskopfbild „bissl an Hammer“.

Haltung: Für Rinderhalter und Gesellschaft

Hintergrund: Auf einer der Wiesen hier verstarb im vergangenen Jahr ein Kalb an Hundekot auf seiner Weide. Und damit kommt Kolb auch schon zum Titel seiner Ausstellung: „Haltung“ lautet er – in jeder Bedeutung des Wortes. Am Kalbskopfbild will Kolb zeigen, dass es eine gewisse Haltung sei, die Hinterlassenschaften seines Zamperls zu entsorgen. Ein Landwirt derweil sei um eine gute Haltung seiner Tiere bemüht. Und „Hundekot gefährdet die Haltung.“

Zu jeder seiner Fotografien gesellt Kolb eine Tafel, auf der er Worte gefunden hat, mal erläutert er das Dargestellte, mal schreibt er über die Entstehung des Bildes und gerne gerät er ins Philosophieren. Als er mit Landwirten gesprochen habe, über die Pläne, seine nächste Ausstellung an den Wiesenrändern zu realisieren, habe er auch Bedenken gehört, sagt er. Entlang der Weiden seien ohnehin schon viele Spaziergänger unterwegs. Eine Ausstellung könnte noch mehr Andrang und Hunde bedeuten. Daher habe er ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen wollen, mit eben diesem Kalbsbild.

Rinderfotograf verspürt tiefe Ruhe im Anbindestall

Lebendiger sind die anderen Bilder. Mal glänzt darauf nur das Flotzmaul eines Rindes, an dem ein Grashalm haftet. Mal traben Rinder beim Austrieb über eine Wiese. Anbindehaltung sei ja „verpönt“, sagt Kolb. Doch wer kann und will, solle sich einmal in so einen Stall begeben. Eine tiefe Ruhe spüre man dort, sagt er.

Seit zehn Jahren lichtet Kolb die Murnau Werdenfelser ab. Womöglich als ihr einziger Hoffotograf. Als er seinen ersten Kalender mit Porträts der alten Rasse herausbrachte, „haben mich alle für verrückt erklärt“, sagt er. Das sei heute anders. Müde, die Tiere zu fotografieren, wird Kolb auch nicht. Er schwärmt von der Struktur, von der Variation der Farben, von „fast schon weiß“ bis „fast schon schwarz“. Dann die Augen, das dunkle Flotzmaul, dem er einen „blauen Touch“ zuschreibt, die dunklen Nasenlöcher, umgeben von Glanz, der an Lack erinnere.

Nicht hantig, aber besonders

Wer ein paar tausend Bilder von den Rindern geschossen hat, der prägt sich nicht nur diese Äußerlichkeiten ein, sondern auch den Charakter der Tiere. Auf einer Ausstellungstafel schreibt Kolb: Es werde immer wieder behauptet, dass die „Murnau-Werdenfelser hantig san“ – dabei seien sie besonders, und das wüssten sie. Das dazugehörige Foto zeigt ein Rind in voller Pracht mit stolzem, fast drohendem Blick.

Über die Rinder tauchte Kolb auch in die Landwirtschaft ein. So lichtete er zum Beispiel Heidi Haller von der gleichnamigen Metzgerei in Murnaus Herzen ab, mit einem Ochsen, Hand und Schnauze in sanfter Berührung. Dass da eine besondere Beziehung zwischen Mensch und Tier besteht, keine Frage. Kolb erzählt, wie Heidi Haller jeder Abschied von einem Ochsen ergreift und in ihr nachwirkt.

Die Geschichten hinter seinen Kuh-Bildern

Kolb, das zeigt sich, lichtet nicht nur ab, er beleuchtet mit seinen Bildern auch die Geschichten dahinter. Da wäre die Fotografie von Prof. Dr. Volker Zahn, einem emeritierten Humanmediziner, der sich in Rente noch den Traum von der eigenen Landwirtschaft erfüllt hat. Zahn rief Kolb vor ein paar Jahren an, er wolle seine Leitkuh küssen, Kolb solle das festhalten. An einem „saukalten Morgen“, erinnert er sich, ging es über die Weide des Schalhammerhofes im Peitinger Ortsteil Kreut zur Leitkuh. Zahn und Romy, so ihr Name, von Angesicht zu Angesicht. Sie reckte den Kopf nach oben, er schloss die Augen – und tat, was Kolb von Anfang an nicht bezweifelt hatte.

Auf die Idee, dem Thema Haltung eine ganze Ausstellung zu widmen, brachte ihn, wie sollte es anders sein, ein Landwirt, der Murnau Werdenfelser züchtet, Josef Jais aus Eschenlohe. Kolb nennt ihn „Schuimoasta“, benannt nach dessen Schulmeister-Hof. „Mach doch was über Anbindehaltung“, hatte der Bauer ihm vorgeschlagen. Kolb fand Gefallen daran, aber ihm war der Begriff Anbindehaltung zu eng. „Das wäre vom Thema her zu einseitig gewesen.“ Haltung aber sei ein Begriff, der durchaus mal intensiver betrachtet werden solle.

Die Kunst: Situationen einfangen

Kolb ist unter Landwirten inzwischen so bekannt, dass der eine oder andere sogar bei ihm anruft, wenn er meint, dass sich dann und dort eine gute Stimmung einfangen lässt. Doch andere hätten nicht seine Sichtweise, meint Kolb. Kühe fotografieren, zumal derart schöne, was soll da schon schiefgehen, meinen manche. Knipsen und gut ist’s! Die Kunst aber bestehe darin, die Situation und das Bewegungsprofil einzufangen, weiß Kolb – und jeder der‘s schon mal probiert hat.

So gelangt man zur Fotoausstellung "Haltung": 

Noch bis zum 6. Januar ist sie kostenlos zu sehen. Das Gelände befindet sich unweit der Michael-Fischer-Straße in Eschenlohe an der A 95 Richtung Garmisch-Partenkirchen. Nächste Matineen sind jeweils am Sonntag, 11. und 18. Dezember um 11.30 Uhr. Mehr Infos unter www.kistenblick-murnau.de.

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