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Tierhaltung

Der letzte Schweinezüchter von Traunwalchen

Axel Effner
am Donnerstag, 25.08.2022 - 09:50

Tierwohl: Auflagen, fehlende Planungssicherheit und überbordende Kosten setzen Schweinehalter Frank Janetzky zu.

Schweine sind sein Stolz und seine Freude: Frank Janetzky will Schweinezüchter bleiben, aber es wird ihm schwer gemacht.

Wie die Quadratur des Kreises erscheint Frank Janetzky derzeit die Weiterführung seines Betriebes im Traunwalchen (Landkreis Traunstein). Der Kfz-Mechaniker- und Landwirtschaftsmeister hat 150 Zuchtsauen im geschlossenen System und erzeugt samt Eber und Ferkelnachzucht im eigenen Betrieb rund 3000 Mastschweine pro Jahr. Seit 1960 ist der Hof in Familienbesitz. 1977 stellte Janetzkys Vater von der Milchviehwirtschaft mit 28 Kühen und zehn Zuchtsauen komplett um auf einen Kombibetrieb mit 75 Zuchtsauen und Mast.

Der Stolz und die Freude sind dem Hofnachfolger anzusehen, wenn er seinen Betrieb zeigt. Aber eins setzt dem 45-Jährigen gewaltig zu: „Von den einst 36 Milchbauern im Ort gibt es seit drei Jahren keinen einzigen mehr. Und ich bin der letzte Schweinezüchter in unserer Gemeinde.“

Steigende Betriebsmittelkosten und die Talfahrt auf dem Schweinemarkt sind das eine. Den Schlaf rauben Janetzky aber auch ständige Änderungen der Auflagen seitens der Politik. Bald steht wieder ein Tierwohl-Umbau auf dem Betrieb an. Janetzky sagt: „Ich brauche Planungssicherheit, wenn ich diese ganzen Investitionen stemmen soll.“

Landwirt muss „in Generationen denken“

Die Tage des Kastenstandes sind gezählt, langfristig auch im Abferkelstall von Frank Janetzky (l.). Anfang August besuchten seinen Betrieb (v. l.) BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber, Staatssekretärin Manuela Rottmann und Anne Louis vom TGD.Fotos: Axel Effner

Der Landwirt führt durch das Deckzentrum und den Abferkelstall, weiter durch den Aufzucht- und Freilaufstall bis zum Maststall. Er erläutert die vollautomatisierte Futterversorgung seines Betriebes. Die Tiere wirken entspannt und mustern die Besucher interessiert. Im Abferkelstall, dem „Kreißsaal“, wie Janetzky ihn nennt, liegen die Muttersauen im Kastenstand. Die wenige Tage alten Ferkel flitzen herum und suchen immer wieder nach den Zitzen.

Zuchterfolg, sagt der Landwirt, sei „nur durch ein fein abgestimmtes Ineinandergreifen vieler Details im Stall und viel Know-how“ zu erreichen. Aber noch ein Faktor sei entscheidend: halbwegs verlässliche Rahmenbedingungen. „Wir Landwirte denken in Generationen, nicht in Jahresabschlüssen“, erklärt Janetzky. Doch genau das mache die Politik ihm und vielen seiner Berufskollegen derzeit extrem schwer.

Die ständig neuen Behördenvorgaben seien zwar oft zwar gut gemeint, sagt Janetzky. Aber an der Realität der Betriebe und auch am Tierwohl selbst gingen sie häufig vorbei.

Initiative Tierwohl: Dach bauen, dann abbauen

Nur noch Kopfschütteln hat der Landwirt zum Beispiel für die Vorgaben der Initiative Tierwohl übrig, nach der er innerhalb von sechs Monaten am Freilaufstall für mehrere tausend Euro ein Dach erst anbauen – und es dann wieder abreißen musste. „Da hieß es anfangs, die Schweine brauchen einen Schutz gegen Sonnenbrand, dann sollte der Himmel für sie sichtbar sein. Den Prüfer hat da nur seine Kontrollliste interessiert.“

Auch beim Thema Kastration und Tierwohl steckt der Teufel im Detail. So birgt die seit 1. Januar 2021 vorgeschriebene Betäubung der Ferkel durch Verwendung des Gases Isofluran womöglich ernste Gesundheitsrisiken für die Landwirte, die damit hantieren müssen. Durch die lange Wiederaufwachphase der Ferkel sei auch der Zuchtsau nicht gedient, sagt Janetzky. Bei der könne das zu Milchstau und Fieber führen.

Das Deckzentrum aber ist auf dem Betrieb aktuell der größte „Brennpunkt für uns“, sagt Janetzky. Nach der 2020 beschlossenen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müssen die Kastenstände innerhalb einer Übergangsfrist von acht Jahren aus dem Deckzentrum verschwunden sein. Erst 2011 hatte Janetzky den Vorgängerbau mit 15 % staatlicher Förderung komplett entkernt, umgebaut und modernisiert.

Pro Zuchtsau stehen seitdem 1,5 qm im Kastenstand zur Verfügung. Nach den neuen Vorgaben sind nun aber Buchten von 5 qm pro Sau mit Fress-, Liege- und Wohlfühlbereich vorgesehen. „Das heißt, ich müsste wieder komplett umbauen und habe weniger Tiere, was meine Kalkulation komplett über den Haufen schmeißt, denn ich kann die Kosten nicht weitergeben.“

Sich wieder auf Jahrzehnte für den Umbau zu verschulden, von dem nicht klar ist, wie lang der „haltbar“ ist und dem Tierwohl entspricht, das Ganze noch finanziert mit einem Schweinepreis, der derzeit noch unter den explodierenden Futter- und Betriebskosten liegt – betriebswirtschaftlich betrachtet ein Wahnsinn. „Viele Züchter überlegen, ob sie aufhören“, weiß Janetzky. Fast jeder zweite hat das bereits getan. Die Zahl der Schweinezüchter ist in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land laut BBV zwischen 2003 und 2021 von 64 auf 37 gesunken.

Tierwohl ist auch für Milchbauern Lotteriespiel

Behördenauflagen vs. Betriebspraxis: Anfang August besichtigten (v. l.) BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber, Staatssekretärin Manuela Rottmann und Anne Louis vom TGD Janetzkys Betrieb, um sich ein Bild von den Problemen kleiner Schweinezüchter zu machen.

Anfang August verschaffte sich Manuela Rottmann, Parlamentarische Staatssekretärin der Grünen im Bundeslandwirtschaftsministerium, auf Einladung des Bauernverbandes zusammen mit Vermarktern und dem Tiergesundheitsdienst auf Janetzky Hof Einblick in die Probleme kleinstrukturierter Betriebe wie dem seinen. Rottmann besuchte in dem Zusammenhang auch Andreas Kecht aus Rettenbach, dem es ähnlich geht wie Janetzky.

Aufgrund von Tierwohl-Vorgaben der Behörden und der Molkerei soll der Nebenerwerbslandwirt den bisherigen Anbindestall im Ortszentrum auf der grünen Wiese neu bauen. Platzprobleme, die Forderung der Bank nach Sicherheiten und wechselnde Behördenauflagen machten die Investition auch für ihn zum Lotteriespiel, sagt der 32-Jährige.

In der Diskussion mit Rottmann wurde auch deutlich, wie auch die Schere zwischen dem geforderten Tierwohl und den Preisen für Milch und Schweinefleisch im Lebensmitteleinzelhandel immer weiter auseinander geht – für Oberbayerns Bezirkspräsident Ralf Huber das Kernproblem. Längst werden die Tiere aus der Region nurmehr in spezialisierten Schlachthöfen in Landshut und Vilshofen zerlegt.

Durch den stockenden Export nach China könne auch nicht mehr das ganze Schwein verwertet werden, hieß es. „Billige Lebensmittel führen in vielfältiger Hinsicht zu Armut“, zeigte sich Manuela Rottmann überzeugt. Wenn kleine Betriebe aufgrund fehlender Planungssicherheit schließen müssten, bleibe aber noch eins auf Strecke, erinnerte Janetzky – das Tierwohl.